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UBERLEBEN OHNE LUXUS IST MÖGLICH

(hb)-Zehn Milliarden Menschen in kaum 60 Jahren - eine Horrorvision. Der totale ökologische Zusammenbruch würde wohl viel früher beginnen - wenn diese zehn Milliarden so leben würden wie wir. Daran kann wohl kaum Zweifel bestehen.

Es kann auch wenig Zweifel daran geben, daß sie so wie wir werden leben wollen - wenn sie könnten. Aber wie werden sie tatsächlich leben können? Wird es möglich sein, wenigstens den Basisbedarf von zehn Milliarden zu befriedigen? Die Antwort lautet ja - doch nur mit einer gerechteren Weltordnung.

Was ist unter Basisbedarf zu verstehen? Die meisten Fachleute meinen, daß eine auskömmliche Ernährung auf der Basis Getreide, Brot, Obst, Gemüse auch für mehr als zehn Milliarden ohne weiteres möglich wäre. Die Gewohnheit, täglich Fleisch zu essen, die in den Industriestaaten um sich greift, ist eine junge Tradition. Die Drittweltländer sind weit davon entfernt. Aber auch unsere Vorfahren aßen bestenfalls am Sonntag Fleisch, und jahrhundertelang keineswegs jeden Sonntag.

Noch Hitler suchte das deutsche Volk unter anderem mit der Vorspiegelung „Jedem Deutschen am Sonntag sein Huhn im Topf zu ködern. An das Huhn am Werktag dachte keiner.

Versuchen wir, dem heutigen Verbrauch von weniger als einer Milliarde in den Industriestaaten grundlegende Bedürfnisse von zehn Milliarden gegenüberzustellen.

Klarerweise gehen wir davon aus, daß zweieinhalb Milliarden Autos für zweieinhalb Milliarden vierköpfige Familien unmöglich sind, weil das die Welt nun wirklich nicht aushielte. 1989 gab es auf der Welt 415 Millionen Personenautos, davon jeweils rund 35 Prozent in Nordamerika und Europa. Indien hatte ganze 1,1 Millionen, China nur 238.000 (Kombis mitgezählt), trotzdem war die Erhöhung der PKW-Zahl keineswegs das Hauptproblem dieser Länder. Auch im Jahr 2050 wird sich der größte Teil der Menschheit mit Fahrrädern zufriedengeben. Aber da die Schaffung von Arbeitsplätzen ein Hauptproblem ist, werden die Industriestaaten besser darauf verzichten, die Dritte Welt mit Rädern aus Fabriken zu überschwemmen, in denen kaum noch Menschen gebraucht werden.

Der Materialverbrauch für zehn Milliarden Fahrräder wäre wesentlich geringer als für die halbe Milliarde Personenautos. Setzen wir also in

Gedanken die zehn Milliarden Menschen auf Fahrräder. Selbst wenn jeder eines hat, wird es die Welt aushalten. Vor allem, wenn Wert auf Langlebigkeit gelegt wird.

Da wir nicht annehmen, daß die Bauern einer von zehn Milliarden Menschen bevölkerten Erde noch i mmer unter Agrarüberschüssen stöhnen und weil daher sowenig wie möglich verderben darf, müssen wir wohl oder übel auch Kühlschränke genehmigen.

Schon der Gedanke an den Plan Chinas, in den nächsten 20 Jahren allen chinesischen Haushalten zu Kühlschränken zu verhelfen, erschreckte vor wenigen Jahren die Bürger der Industriestaaten. Die Masse der Treibhausgase (Chlorfluorkohlenwasserstoffe, FCKW) im Kältemittel und in den isolierenden Aus-schäumungen so vieler Kühlschränke sowie deren Energieverbrauch werde der Welt den Rest geben, hieß es. Die Realität: Hätten 250 Millionen vierköpfige chinesische Familien - eine Milliarde Menschen, allerdings schon damals zu schwach geschätzt - je einen Kühlschrank, hätte die FCKW-Umwelt-Zeitbombe folgendes Ausmaß: 80.000 Tonnen, knapp mehr als eine Jahresproduktion der Bundesrepublik. Selbst wenn wir den Chinesen zutrauen, innerhalb eines Jahrzehnts jede Familie mit einem Kühlschrank zu versorgen - was unrealistisch ist-, kann man die damit verbundene FCKW-Umweltbelastung angesichts der Produktion in den Industriestaaten vernachlässigen. Ein moderner Kühlschrank mit

Dreisternfach hat einen Anschlußwert von, sagen wir, 90 Watt, die er in gemäßigten Breiten durchschnittlich zwölf Stunden pro Tag beansprucht. Für den Betrieb der 250 Millionen Kühlschränke würde lediglich ein Drittel derelektrischen Energie benötigt, welche die öffentlichen Kraftwerke der alten Bundesrepublik Deutschland mit ihren nur 61 Millionen Einwohnern erzeugten.

Aber zehn Milliarden Menschen! Würde der Stromverbrauch von zweieinhalb Milliarden vierköpfigen Familien mit Kühlschränken nicht der Erde den Rest geben? Selbst wenn wir jedem Kühlschrank ein paar Stunden Stromverbrauch mehr zugestehen, weil ein großer Teil der Menschheit in wärmeren Klimaten lebt, kämen sie mit ungefähr der Hälfte des heutigen Stromverbrauches der USA aus, oder dem doppelten Japans.,

Nun müssen aber die Menschen auch kochen. Und zwar, ohne die letzten Stämmchen Wald zu verbrennen. Die Bereitstellung der notwendigen Energie wird in vielen Ländern eines der Hauptprobleme darstellen - auch für die Industriestaaten, in denen man sich immer mehr der ökologischen Folgen des Waldverlustes bewußt wird. Selbstverständlich wird auch im Jahr 2050 nicht die ganze Menschheit elektrisch kochen. Elektrizität ist nur eine von mehreren dafür in Frage kommenden Energiequellen. Die folgende Rechnung soll lediglich das Mißverhältnis zwischen dem Energieverbrauch der heute in den Industriestaaten Lebenden und dem Basisbedarf von zehn Milliarden illustrieren.

Gestatten wir also in diesem Sinne zweieinhalb Milliarden vierköpfigen Familien, zwei 1.000-Watt-Herdplatten täglich je eine Stunde zu betreiben. Da sie, siehe oben, nicht täglich Fleisch zubereiten, hoffentlich Drucktöpfe besitzen und die Kochplatten den Großteil der Kochzeit mit viel geringerer Leistung arbeiten, ist dies eine geradezu opulente Annahme. Für viele heute lebende Menschen der Dritten Welt, die für eine Handvoll Holz kilometerweit laufen, wäre es höchster Luxus.

Trotzdem müßten die Kraftwerke, welche die elektrische Energie für die Elektroherde und Kühlschränke von 10.000 Millionen Menschen bereitstellen, genausoviel elektrische Energie erzeugen wie heute die öffentlichen Kraftwerke der USA und Kanadas mit zusammen 275 Millionen Einwohnern.

Die Fabriken für Fahrräder, Kühlschränke und Herde mit ihrem Energiebedarf, Massenverkehrsmittel und sonstige Infrastrukturen und vieles andere ist nicht mitgerechnet. Es sollte ja nur das Ausmaß des Überflusses in den heutigen Industriestaaten, verglichen mit bescheidenen, angesichts künftiger Bevölkerungszahlen aber für den Großteil der Menschheit realistischen Ansprüchen, dargestellt werden.

Der Vergleich dürfte davon überzeugen, daß in einer globalen Ressourcenbilanz die Befriedigung der mit dem Anspruch auf maßvolle Teilhabe an den zivilisatorischen Errungenschaften entstehenden Basisbedürfnisse von Milliarden Menschen nur eine geringe Rolle spielt, verglichen mit der ungeheuren Verschwendung, die wir uns heute leisten.

Die Kassandren von UNO, Weitbank und Club of Rome haben allerdings in einem Punkt vollkommen recht: Wenn die Verantwortlichen der

Dritten Welt die Absicht haben, den Lebensstandard in ihren Ländern dem der Industriestaaten anzunähern, müssen sie das Bevölkerungswachstum drastisch verringern.

Doch Ressourcenverbrauch und Umweltschäden durch die „Entwicklung" der Industriestaaten haben sich bereits als so schwerwiegend erwiesen, daß niemand wünschen kann, daß die Dritte Welt diesen „Vorsprung" einholt. Unsere Lebensform wurde aber für Milliarden zum Leitbild. Daß es ihnen in vielen Ländern nicht besser, sondern schlechter geht als vor zehn Jahren, ist gewiß zum Teil Folge des Geburtenüberschusses, zu einem vielleicht nicht geringeren Teil aber der Ausbeutung durch die Industrieländer. In die Krise trieb sie nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern auch eine Politik, die ihnen zum Beispiel Kredite zum Ausbau einer Agrarproduktion aufdrängte, deren Erlöse dann durch den Preisverfall auf dem Weltmarkt ins Bodenlose fielen.

Oder ist der afrikanische Geburtenüberschuß daran schuld, daß der Kaffeepreis, während der Konsum in Europa unablässig stieg, in weniger als eineinhalb Jahrzehnten auf weniger als ein Achtel sank? Die Warnungen vor dem Bevölkerungswachstum sind berechtigt - aber sie haben nebst-bei die Funktion, den Entwicklungsländern die volle Schuld an Katastrophen in die Schuhe zu schieben, die sie nur zum Teil trifft.

Wie die Ostdeutschen, kommen jetzt halt auch die Verelendenden aus Afrika und Asien „zur D-Mark", wenn die nicht zu ihnen kommt. Und zum Pfund, Franc, Schilling, Dollar. Es wird immer schwerer, sich gegen sie abzuschotten. Der Kaffee darf rein, sie nicht. Gewiß, das Bevölkerungswachstum verschärft die Probleme. Aber die Ansicht, es sei nur teilweise die Ursache des ausbleibenden Aufschwunges und teilweise durchaus dessen Folge, hat viel für sich. Ohne die ausbeutende Wirkung des Weltmarktes wäre vielleicht in so manchem Drittweltland die Geburtenrate als Folge steigenden Wohlstandes längst viel mehr zurückgegangen.

Die Kassandrarufe der UNO, der Weltbank und des Club of Rome 1991 spiegeln auch die Angst, die ganze ungerechte Weltordnung könnte platzen, wenn Bevölkerungsdruck und Not steigen, und die Industriestaaten könnten gezwungen sein, mit der Solidarität, von der sie so gern reden, wirklich ernst zu machen.

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