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Überflüssige Diskussion

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Auszug aus der Predigt von Kardinal Franz König beim diesjährigen „Forum Ostarrichi” zum Thema „Christen im künftigen Europa ” in Neuhofen/Ybbs.

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Auszug aus der Predigt von Kardinal Franz König beim diesjährigen „Forum Ostarrichi” zum Thema „Christen im künftigen Europa ” in Neuhofen/Ybbs.

„Die Zeit ist zu kostbar, als sie für überflüssige Diskussionen zu vergeuden. Wenn etwa 25 Jahre nach der Enzyklika .Humanae vitae' gesagt wird, die österreichischen Bischöfe hätten durch ihre damalige .Mariatroster Erklärung' vom September 1968 Verwirrung gestiftet, so möchte ich als damaliger Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz vor Ihnen, den Vertretern der Katholischen Laienschaft dieses Landes, als Christen in Ehe und Familie, folgendes feststellen: Ich habe später sowohl mit Paul VI. als auch mit Johannes Paul II. über unsere Erklärung gesprochen. Beide haben keine Einwände gegen unseren Text erhoben. Dies wäre wohl notwendig gewesen, wenn ein gravierender Irrtum darin enthalten wäre. Damit ist aus meiner Sicht die Diskussion über dieses Thema abgeschlossen.

Gewiß ist kein Text vor Mißverständnissen, Mißdeutungen, gefeit. Das ist aber nicht die Schuld des Textes.

Ohne Zweifel braucht das Ideal einer christlichen Ehe und Familie klare Grundsätze und Normen. Darauf hinzuweisen, ist Aufgabe der Bischöfe und Priester als Lehrer. Ebenso aber ist es Aufgabe der Bischöfe, wie der Priester, als Seelsorger den vielen Mühseligen und Bela-denen zu helfen, der Ordnung des Schöpfers, auf oft mühsamen Wegen, näherzukommen. Gesetze und Vorschriften allein, so wichtig sie sind, können individuelle, persönliche Probleme nicht immer einfach lösen.

Durch die Konstruktion falscher Gegensätze wird das eigentliche Anliegen der Enzyklika .Humanae vitae veruecKi, uas nacn j anren nicms von seiner Bedeutung verloren hat. Es geht um die Frage der Ehrfurcht vor der Weitergabe des Lebens, um Kin-derfeindlichkeit und Bevölkerungsexplosion, um bloß technische Manipulation und wahrhaft verantwortete Elternschaft.

Sorgenvolle Entwicklung

Vor uns liegen große Aufgaben. Sie haben sich hier im geschichtsträchti-gen Neuhofen mit Österreich und Europa befaßt. Gestatten Sie mir noch ein Wort zur gesellschaftlichen Situation in Österreich. Ich verfolge die Entwicklung der letzten Monate mit Sorge; ich weiß, daß auch andere diese Sorge teilen. Ich nenne ein Beispiel: ich glaube nicht, daß es unserem Lande gut tut, wenn man Ausländer einfach zum Feindbild macht. Es mag viele Gründe geben, den Zuzug von Ausländem administrativ zu steuern. Doch keiner dieser Gründe ist gut genug, Unmenschlichkeiten zu rechtfertigen.

Gewiß, Österreich kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Aber es kann und sollte noch mehr in der Völkergemeinschaft dafür eintreten, daß jeder Staat seinen gerechten Teil dazu beiträgt, damit die Vertriebenen, die Flüchtlinge und erst recht die Ver-folgten nicht ihrem Schicksal überlassen werden.

Gerade als katholische Christen sollten wir uns dabei in besonderer Weise um Offenheit und Toleranz bemühen gegenüber Menschen anderer Herkunft, anderer Kultur, anderer Sprache, anderer Traditionen und anderer Religionen. Auch das ist wichtig für eine Zukunft Europas, über die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen hinaus.

Angesichts solcher Fragestellungen muß aber auch in Erinnerung gerufen werden, daß das Verhältais von Staat und katholischer Kirche in Österreich mit gutem Grund nicht vom Gedanken der absoluten Trennung, sondern vom Prinzip der Partnerschaft geprägt ist. Denn Kirche und Staat dienen ja beide den selben Menschen. In vielen Bereichen des Lebens wirkt sich dieses Prinzip segensreich aus - zum Nutzen der Menschen, um die es geht.

Die Katholiken in Österreich werden sich nicht irre machen lassen. Weder durch Diskussionen um Äußerungen isolierter Stimmen noch durch die Rückkehr gewisser antiquierter antiklerikaler Vorstellungen.

Dabei geht es uns ja nicht um Macht und Einfluß. Die Aufgabe der Christen ist es nicht, ,eine Rolle zu spielen'. Vielmehr sollten sie die Funktion eines Sauerteiges haben, immer in Erwartung des .Reiches Gottes'.”

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