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Ukraine-Krieg

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Ukraine: Der vergebliche Traum von der Freiheit

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Die Ukrainische Sowjetrepublik gehört - noch - zu den neun Republiken, die an der Union festhalten wollen. In Kiew und Lemberg jedoch werden die Demonstrationen für eine unabhängige Ukraine immer lauter.

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Die Ukrainische Sowjetrepublik gehört - noch - zu den neun Republiken, die an der Union festhalten wollen. In Kiew und Lemberg jedoch werden die Demonstrationen für eine unabhängige Ukraine immer lauter.

Blau-gelbe Fahnen, Wappen mit dem Dreizack, dem Tryzub, einem alten nationalen Symbol der Ukrainer. Sie erinnern daran, daß es schon einmal eine unabhängige Ukraine gegeben hat. Nur zwei Jahre lang -ihnen folgten fast dreißig Jahre eines vergeblichen Freiheitskampfes. Die Erinnerungen daran konnten auch in 70 Jahren Sowjetherrschaft nicht getilgt werden. Sie stehen Pate, wenn heute für eine freie Ukraine demonstriert wird.

Nord- und Westukraine bildeten im Hochmittelalter den Kern des Kiewer Reichs. Das Fürstentum Halitsch fiel 1340 an Polen, das Land am Dnjepr mit Kiew kam zu Litauen und ging mit diesem in der polnisch-litauischen Union auf. 1654 ging der Kosaken-hetman Bogdan Chmelnitzkij zum Moskauer Zaren über.

Seither bildete der Dnjepr die Grenze zwischen dem Zarenreich und der polnischen Krone - mitten durch das Land der „Kleinrussen" oder Ruthe-nen, wie sie im alten Österreich genannt wurden. Denn dieses hatte durch die polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert weite ukrainisch besiedelte Gebiete gewonnen - und praktizierte dort so manche Reform durch, bevor sie im übrigen Reich angewandt werden sollte.

Als Wladimir I. Lenin in der Oktoberrevolution den Völkern des Zarenreichs die Selbstbestimmung versprach, erklärte sich in Kiew die Ukraine zur Volksrepublik im Verband des werdenden Sowjetrußland. Aber der Westen war von den Deutschen und Österreichern besetzt, und in deren Vorstellungen sollte die Ukraine vor allem als Lebensmittellieferant für die ausgehungerten Mittelmächte dienen.

Während noch in Brest-Litowsk mit der Sowjetregierung verhandelt wurde, rief Hetman Pavlo Skoropadski die Unabhängigkeit aus und die Sowjetregierung mußte sie im Friedensschluß anerkennen.

Die deutsche Protektion dauerte jedoch nicht lange. Als die Mittelmächte aufgeben mußten, stand die junge Ukraine zwischen zwei Feuern. Von Moskau her drangen die Bol-schewiki vor, von Süden die „weißen" Truppen des Generals Denikin. Auch die Vereinigung mit der im Winter 1918/19 in Lemberg und Kolomea gegründeten Westukrainischen Volksrepublik konnte keine Rettung bringen. Im November 1920 warder Kampf zu Ende. Die Ukrainische Sowjetrepublik schloß sich 1922 mit der Russischen Föderation und den anderen inzwischen ebenfalls Moskau unterworfenen Völkern zur Sowjetunion zusammen.

In der Union lebten 30 Millionen Ukrainer. Von ihnen verhungerten mehrere Millionen in den dreißiger Jahren, in Galizien (Polen) sechs Millionen, in der Karpatoukraine (CSR) eine halbe Million. Die Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung aber lebten im Exil in Wien und Berlin.

In Wien bildete 1929 Oberst Ew-gen Konowalt die „Organisation ukrainischer Nationalisten" (OUN). Als er 1938 ermordet wurde, übernahm Andrej Melnyk die Führung. Er versuchte, mit Hilfe der deutschen Abwehr zum Ziel zu kommen, als mit Kriegsbeginn die Grenzen im Osten wieder einmal in Frage standen.

Hitler aber hatte kein Interesse an einer ukrainischen Selbständigkeit. Weder die Proklamation einer unabhängigen Karpatoukraine in Chust im März 1939, als Hitler in Prag einmarschierte, noch ukrainische Unruhen in Lemberg im Oktober fanden Unterstützung. Die Karpatoukraine fiel an Ungarn, Ostgalizien an die Sowjets. Mit Rücksicht auf den Beistandspakt mit Stalin entzogen die Partei- und Staatsstellen den Ukrainerführern jede Unterstützung.

Diese ließen sich nicht abschrek-ken. Ende 1940 standen in Wien und in Neuhammer in Schlesien zwei Legionen ukrainischer Freiwilliger bereit, die nicht auf Hitler, sondern auf ihr Land vereidigt worden waren.

Als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion losging, standen sie im Südabschnitt. Sie drangen mit den ersten deutschen Truppen am 30. Juni 1941 in Lemberg ein - und fanden dort die Leichen von 4.000 ukrainischen und polnischen Gefangenen, die unmittelbar vorher von den Sowjets ermordet worden waren. Die Rache richtete sich in einem blutigen Progrom gegen die jüdische Bevölkerung, der die Ukrainer die von den Sowjets begangenen Greuel in die Schuhe schoben.

Der Führer der Ukrainer, Stepan Bandera, appellierte an Hitler, eine freie Ukraine zu schaffen. Skoropadski, in Berlin im Exil, bot den Deutschen an, fürdie Gewährung einer Autonomie eine Armee von zwei Millionen Mann für den Kampf gegen Moskau bereitzustellen. Hitler aber wollte eine rechtlose Kolonie... Die ukrainische Regierung, die sich in Lemberg am 30. Juni gebildet hatte, wurde umgehend wieder aufgelöst.

Sie hatten immer noch nicht genug. Trotz aller Demütigungen durch Hitler war Moskau der größere Feind. Die ukrainischen Freiwilligen ließen sich in Weißrußland zur Partisanenbekämpfung einsetzen. Als ihre Verbände aufgelöst wurden, gingen viele von ihnen zu den nationalukrainischen Partisanen über.

Im „Reichskommissariat" Ukraine sorgte Gauleiter Erich Koch dafür, daß alle noch vorhandenen Sympathien für die Deutschen ausgelöscht wurden. Trotzdem gab es aber immer noch ukrainische und kosakische Freiwillige, die in eigenen Polizeieinheiten gegen die kommunistischen Partisanen eingesetzt wurden. Zwischen diesen Einheiten, die sich „Ukrainische Befreiungsarmee" nannten und den antikommunistischen Partisanen waren die Grenzen fließend. Alle kämpften gegen alle -gegen Deutsche, gegen Sowjets, gegeneinander...

Joseph Goebbels hatte schon 1942 erkannt, daß die deutsche Kolonisie-rungspolitik im Osten falsch war. Eine gewisse Revision setzte in Galizien ein, das dem Generalgouvernement zugeteilt war. Als dort eine galizische SS-Divisionaufgestelltwurde-wobei Söhne von Altösterreichern bevorzugt aufgenommen wurden -, meldeten sich 80.000 Freiwillige.

Die 14. Waffengrenadierdivision der SS (galizische No. 1) durfte sich nicht „ukrainische" nennen, durfte nicht den Dreizack führen. Im Juni 1944 standen 15.000 Mann im Fronteinsatz. Im Kessel von Brody wurden sie aufgerieben. Neu aufgestellt, kämpften sie im Herbst 1944 gegen die Aufständischen in der Slowakei. Gegen Kriegsende war die Division im Grenzgebiet zwischen Kärnten und Slowenien gegen die Titopartisanen im Einsatz.

Erst als die Wehrmacht die Ukraine räumen mußte, kam es zu Kontakten zurukrainischen Partisanenarmee, die in ihrer Blütezeit 200.000 Mann gezählt hatte. Als im „Reich" als letztes Aufgebot mit General Wlassow eine russische Befreiungsarmee entstand, wurden auch ukrainische Freiwilligen-Verbände mit 35.000 Mann in einer Nationalarmee zusammengefaßt, von deren Angehörigen viele nach Kriegsende in Österreich von den Engländern an die Sowjets ausgeliefert wurden.

In der Ukraine selbst aber ging der Partisanenkrieg weiter. Die Rote Armee mußte mehrere Divisionen einsetzen. 1946 fiel der Kommandeur derNKWD-Truppen, 1947 der polnische Vizekriegsminister im Kampf gegen die Ukrainer. Erst als ihr inzwischen schon legendärer Führer Roman Schuchewitsch im März 1950 den Tod fand, erlahmte der Widerstand. Stepan Bandera, Führer von einst und immer noch Integrationsfigur, wurde im Oktober 1959 in München ermordet.

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