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Unbewältigte Vergangenheit

Österreicher in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches” nennt sich eine ständige Sonderausstellung, die am 15. September im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen eröffnet wird.

Es soll damit das Schicksal jener Österreicher dokumentiert werden, die in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft aus politischen, religiösen und ethnischen Gründen verfolgt und in Konzentrationslager verschleppt wurden.

Die thematischen Schwerpunkte sind: Dokumentation von Art und Grund der Verfolgung, Verhalten der Österreicher im Lager, Einsatz der KZ-Häftlinge in Betrieben der SS und der Deutschen Rüstungswirtschaft (Vernichtung durch Arbeit), Verwendung der Gefangenen als „menschliche Versuchstiere” bei, verbrecherischen, pseudowissenschaftlichen medizinischen Versuchsreihen, Vernichtung aus politischen oder „rassischen” Gründen.

Mauthausen, Dachau, Buchenwald, Sachsennausen, Ravensbrück, Theresienstadt und Auschwitz — diese Werkstätten der Vernichtung sind allen ein Begriff. Doch das Netz des Grauens war dichter gesponnen.

Am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien wird seit 1980 an einem Projekt des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung über die Konzentrationsnebenlager von Mauthausen gearbeitet: 50 an der Zahl.

Die Eröffnung der Mauthausener Ausstellung nimmt die FURCHE zum Anlaß, dieses Forschungsprojekt näher vorzustellen: konkret geht es in diesem Beitrag um das Konzentrationsnebenlager Melk.

Melk, „eine Ferienstadt mit historischem Hintergrund” - auch in der jüngeren Vergangenheit.

Die fast fünfzig Neben-Lager des Konzentrationslagers Mauthausen sind in Österreich kaum .bekannt, ein alarmierendes Zeichen für die hierzulande (nicht) erfolgte Vergangenheitsbewältigung. „Neben”-Lager heißt in diesem Zusammenhang weder klein noch unbedeutend, es bezeichnet lediglich die Abhängigkeit in bestimmten Verwaltungsangelegenheiten vom „Haupt”-Lager Mauthausen.

Die Erforschung der Geschichte des Lagers Melk ist ein Teil des genannten Forschungsprojektes.

Im Zentrum der Studien steht nicht allein die „Binnenstruktur” der KZs, also die reine Lagergeschichte. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Erforschung der wirtschaftlichen und politischen Hintergründe, die zur Entstehung dieser Lager führten, gelegt.

35 bis 40 Jahre danach drängt die Zeit, denn die Chance, die wenigen Uberlebenden des nationalsozialistischen Holocausts zu ihrer leidvollen Geschichte als Zeugen zu befragen, schwindet von Jahr zu Jahr.

1943: Die deutsche Kriegsindustrie wird von den alliierten Bomberverbänden immer intensiver und effektiver angegriffen, viele Industriebetriebe fallen für Monate aus und werden wenige Tage nach ihrem Wiederaufbau von neuem zerstört. Die nationalsozialistische Führung, Militär und Industrie wissen, daß der Krieg nur dann weitergeführt werden kann, wenn es gelingt, die Industrie vor Luftangriffen zu schützen. So beginnt man zunächst in Norddeutschland, wo die Bombardierungen am heftigsten sind, unter dem Schlagwort „Verlagerungen” die Produktionsstätten zu dezentralisieren.

Sehr viele Produktionen verlegt man in das besetzte Österreich, welches Anfang 1943 noch außerhalb des Aktionsradius der alliierten Flugzeuge liegt. Das sollte sich bald ändern.

Nachdem die Amerikaner in Nordafrika und in Foggia (Süditalien) ihre Luftbasen errichten können, ist der „Reichsluftschutzkeller” (so wurde das besetzte Österreich bezeichnet) vor Bombardierungen nicht mehr sicher.

Da nun die oberirdische Dezentralisierung die Zerstörung von

Produktionseinrichtungen nur zum Teil verhindern kann, sucht die deutsche Führung nach einem wirkungsvolleren Luftschutz. So wie Menschen in Kellern vor Luftangriffen Schutz suchen, sollen nun auch besonders „kriegsentscheidende” Produktionen, die sog. „Schlüsselindustrien”, unter die Erde verlegt werden.

Für die „Untertageverlagerungen” werden große Keller, Höhlen und Bergwerke nach ihrer Brauchbarkeit untersucht, um Flugzeug-, Kugellager-, Raketen-und Mineralölproduktion beherbergen zu können. Da die vorhandenen natürlichen und künstlichen Höhlen nicht ausreichen, werden neue Stollenanlagen von gigantischen Ausmaßen geplant und gebaut.

Die für solche Bauten notwendigen Arbeitskräfte holt sich der deutsche Faschismus aus ganz Europa. So arbeiten im Jahre 1944 Millionen von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen für die deutsche Rüstungswirtschaft.

Auch die KZ-Häftlinge zwingt man zur Arbeit. Hunderte von Konzentrationslagern entstehen bei Rüstungsfertigungen und bei geplanten Tunnel- und Stollen-

,,Zum Bau der Stollenanlagen verschleppt die SS über 15.000 Menschen in das KZ Melk” bauten, darunter auch das Konzentrationslager Melk.

Denn in der Nähe von Melk, bei Roggendorf, sollen KZ-Häftlinge ein 100.000 Quadratmeter großes Stollensystem in den Wachberg graben. Mit dem Großprojekt unter dem Tarnnamen „Quarz” (der Wachberg besteht aus feinstem Quarzsand) soll die Kugellagerproduktion der Steyr-Daimler-Puch-Werke und die Fertigung der „Flugmotorenwerke Ostmark” vor Zerstörung geschützt werden.

Die Kugellagerfabrikation in Steyr, die drittgrößte des Deutschen Reiches, ist nach zwei gezielten Angriffen durch alliierte Bomberverbände nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Produktion soll in zwei großen unterirdischen Anlagen fortgesetzt werden, in den Aktienbrauereikellern in Linz und in den neu zu errichtenden Stollen bei Melk.

Da zum Zeitpunkt der Bombardierungen von Steyr die Braukeller in Linz noch adaptiert werden müssen und die Stollenanlage bei Melk erst im Plan existiert, werden zunächst provisorische Verlagerungen in die um Steyr liegenden Ortschaften vorgenommen.

Im Mai 1944 sind die Keller in Linz bezugsfertig, und Ende November werden bereits die ersten Werkzeugmaschinen nach Melk gebracht und dort installiert. Die Flugmotorenwerke Ostmark kommen nicht mehr zur Verlagerung, weil das Melker Stollensystem bis Kriegsende erst zur Hälfte fertiggestellt ist

Zum Bau der Stollenanlagen verschleppt die SS auf Anordnung des Rüstungsministers Albert Speer und seiner Stäbe über 15.000 Menschen in das KZ Melk. Rund 5000 Menschen, mehr als Melk zu dieser Zeit Einwohner hatte, werden zwischen April 1944 und 1945 ermordet.

Der erste „Transport” mit 500 Häftlingen kommt Anfang April 1944 aus dem KZ Mauthausen nach Melk und wird gezwungen, rund um die Gebäude der ehemaligen „Bigaro”-Kaserne sein eigenes Gefängnis zu errichten. Die Häftlinge bauen das Barackenlager, die Unterkünfte für ihre Bewacher von der SS und der Luftwaffe und ziehen Stacheldraht um das Gelände.

In der Folge werden weitere KZ-Häftlinge aus dem Hauptlager Mauthausen in Viehwaggons, auf Lastwagen und per Schiff nach Melk transportiert. Die aus ganz Europa zusammengetriebenen Menschen (Franzosen, Polen, Luxemburger, Jugoslawen, Russen, Spanier, Griechen, Deutsche und Österreicher) teilt die SS in sog. „Arbeitskommandos” ein, die an die einzelnen beim Stollenbau beschäftigten Baufirmen „vermietet” werden.

Unter der Oberaufsicht von zivilen Angestellten und Arbeitern der Baufirmen verrichten die Häftlinge in Tag- und Nachtschicht lebensgefährliche Schwerstarbeit, sie treiben mit Schaufeln und Pickeln die Stollen in den Berg. Die Abstützung der Stollen ist dürftig. Das Leben der Häftlinge ist den Baufirmen keine Sicherheitseinrichtungen wert. Stirbt ein KZ-Häftling, wird er eben durch einen neuen ersetzt.

Anfänglich werden die Toten in das KZ Mauthausen rücküberstellt und dort im Krematorium verbrannt. Als die Zahl der Toten von Monat zu Monat steigt, nimmt die SS in Melk ein eigenes Krematorium in Betrieb.

Besonders schlimm wird die Situation im Frühjahr 1945, als sich durch die Kriegsereignisse die ohnehin katastrophale Ernährung der Häftlinge von Tag zu Tag weiter verschlechtert. Jeden Tag treibt die SS die Häftlinge vom KZ zum Bahnhof Melk, vorbei an der Bevölkerung, die aus Angst oder Gleichgültigkeit nur selten wagt, den Vorbeiziehenden einen Apfel oder eine Zigarette zuzuwerfen. Den Häftlingen ist jeder Kontakt mit der Bevölkerung bei Todesstrafe verboten.

Sommer wie Winter warten die Häftlinge auf dem eigens errich-

, Jeden Tag treibt die SS die Häftlinge vom KZ zum Bahnhof Melk, vorbei an der Bevölkerung. .. ” teten Bahnsteig auf die Züge, die sie zur Zwangsarbeit nach Roggendorf bringen sollen. Doch diese haben wegen der Luftangriffe oft stundenlange Verspätung. Die Lungenentzündungen, an denen so viele Häftlinge sterben, haben sie sich beim Warten in Schnee und Regen zugezogen.

Von der Haltestelle in Roggendorf schleppen sich die KZ-Arbeiter zur Baustelle, auf der sie täglich, auch Samstag und Sonntag, 12 Stunden als Sklaven arbeiten müssen.

Als Anfang April 1945 die Rote Armee vor St. Pölten steht, kommt aus Mauthausen der Befehl, das Lager in Melk zu evakuieren. Die ursprüngliche Absicht der SS-Lagerleitung von Melk, die Häftlinge in die Stollen zu treiben und diese zu sprengen, wird fallengelassen.

In mehreren Transporten, teils zu Fuß, teils per Schiff oder Zug, überstellt man die Häftlinge in das KZ Mauthausen und in das KZ Ebensee. Wer nicht laufen kann, wird zurückgelassen und erschossen.

Den fürchterlichen Bedingungen der letzten Wochen in diesen Lagern, die ohne Lebensmittelversorgung sind, fallen noch viele jener zum Opfer, die die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie bis dahin überlebt hatten.

Bertrand Perz ist Dissertant am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Das Projekt über die KZ-Nebenlager von Mauthausen ist noch nicht abgeschlossen. Wir bitten daher jene Leser, die über dieses Thema etwas wissen, die vielleicht Fotos oder Aufzeichnungen besitzen oder als Häftlinge in diesen Lagern waren bzw. solche kennen, sich beim Institut für Zeitgeschichte zu melden. Adresse: Institut für Zeitgeschichte, KZ-Projekt. Rotenhausgasse 6, 1090 Wien; Tel. (0222) 42 62 80.

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