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Ungarn will nach Europa

Stadtpläne osteuropäischer Me- tropolen haben es in sich. Wäh- rend der „Orientierungsplan der Hauptstadt der DDR“ in naher Zu- kunft nur mehr im Museum zu be- wundern sein wird, in Moskau außerhalb des engeren Zentrums gar nichts mehr stimmt, soll auch in Budapest vieles anders werden. Gleich nach den ersten freien Wahlen am 25. März. Darin sind sich die mehr als 50 Parteien einig, die seit Wochen um die Wähler- gunst ringen. Der Marx-Engels- Platz, der Lenin-Ring, aber auch der Moskau-Platz sollen verschwin- den. Hunderte solcher Straßen sol- len ihre“Namen lassen und so man- ches soll stadtplanerisch verändert

werden hin zur Weltausstellung 1995, die gemeinsam mit Wien ver- anstaltet wird.

„Spätestens dann gehören wir zu Europa“, betont die Sozialdemo- kratische Partei Nummer I in ei- nem ihrer Flugblätter. Nummer II und III, die es auch gibt, verfolgen eigentlich das gleiche Ziel. Mit an- deren Mitteln? Wer weiß das bei dieser Parteikavalkade.

Selbst politische-Insider wie der bekannte Politologe Attila Agh blicken nicht durch und wagen keine Prognosen. Sein leicht ironi- scher Wegweiser durch die gegen- wärtige ungarische Politlandschaf t, den das Wochenblatt „Figyelö“ soeben veröffentlichte, versucht immerhin ein wenig Licht ins Ge- tümmel zu bringen.

Er beginnt mit den „euphorischen Parteien“, jenen ehemaligen Dissi- dentenzirkeln, die als erste die

Gunst der Veränderungen packten und sich formierten. Aller Voraus- sicht nach werden sie das Rennen anführen: Das Forum Ungarischer Demokraten (MDF), der Bund Frei- er Demokraten (SZDSZ) und der Jugendverband FIDESZ.

Den dreien dicht auf den Fersen folgen nach Agh die „paranoiden Parteien“. Denn anders als in der DDR haben Christ- und Sozialde- mokraten in Ungarn einen schwe- ren Stand. Diesen Formationen fehlen charismatische Persönlich- keiten. Außerdem prallen hier Vor- kriegspolitiker, die vor der kom- munistischen Machtergreifung noch einen wohlklingenden Na- men hatten, mit Aktivisten, die bei- spielsweise unter Sozialdemokra- tie etwas ganz anderes verstehen als ihre geistigen Väter, schroff auf- einander. Durch das vermeintliche Exkommunizieren junger Ketzer schrecken die Sozialdemokraten und vor allem die Partei der Klein- landwirte - in den vierziger Jahren immerhin die stärkste politische Kraft im Budapester Parlament (manche Beobachter glauben aller- dings, daß sie auch aus der jetzigen Wahl stark hervorgehen wird) - potentielle Wähler seit Wochen

erfolgreich von sich ab.

Kaum anders ergeht es der „Ver- zeih, daß ich lebe-Partei“, der Ungarischen Sozialistischen Par- tei (USP), einer Erbmasse der ehe- maligen Ungarischen Sozialisti- schen Arbeiterpartei (USAP), wie sich die KP jahrzehntelang betitel- te. Obwohl ihr noch immer so muti- ge Reformer wie Imre Pozsgay oder Außenminister Gyula Horn ange- hören, sank das Selbstbewußtsein noch tiefer als bei Gregor Gysis PDS. Denn trotz aller Wendehals- manöver hin zur Sozialdemokratie will die Sozialistische Internatio- nale von ihr wenig wissen.

Die „Frühreifen“, die grüne Par- tei, die Partei der Gesundheit oder der Frauenbund gehen im allge- meinen Wahlfieber einfach unter und da sie sich keiner größeren Gruppe anschließen wollen, wer- den allem Anschein nach ihre Ideen im Parlament unvertreten bleiben.

Alle Seiten konstatieren über- haupt eine ausgesprochene Partei- enverdrossenheit unter der Bevöl- kerung. Aber wie es politische Newcomer so an sich haben, fliegt ihnen schnell eine Erklärung zu: Ungarn habe schon immer bei den Umwälzungen im Osten vorne ge-

legen, so spüre man eben jetzt gewisse negative Aspekte des Demokratisierungsprozesses früher als anderswo. Es gibt fast keinen Bereich, in dem eine neue politi- sche Strömung originell auftreten könnte.

Die Opfer des stalinistischen Terrors sind rehabilitiert, der 56er Aufstand als „geschichtlich not- wendige Revolution“ geehrt, das umweltzerstörerische Mammut- kraftwerk Nagymaros abgeschal- tet, der vollständige Abzug sowje- tischer Truppen beschlossene Sache und der Eintritt in die NATO für möglich erklärt.

Und doch strotzt das Land an der Donau von Schwierigkeiten und Problemen. Immer mehr Familien verarmen, sparen an Kleidung und Essen, das Trinkgeld, das westliche Regierungen den Magyaren in Form vonHandels„erleichterungen“ und Umschuldungsmöglichkeiten ein- räumen, hilft, gemessen am riesi- gen Bedarf, kein einziges Problem aus der Welt zu schaffen.

Wahl taktische Gründe führen alle Parteien an, weshalb sie sich nur mit der „großen Frage beschäfti- gen, wie Ungarn ein Teil Europas wird“. MDF, SZDSZ und FIDESZ scheinen nach drei Umfragen gleich stark zu sein und könnten zusam- men auch die Mehrheit der Parla- mentssitze stellen.

Als vor kurzem in Südungarn lokale Gemeindewahlen stattfan- den, enthüllte das Fernsehen, wie manche dort gewählt hatten. Ein Zigeunerbub, 16 Jahre alt, gestand, er sei sechsmal an die Wahlurne ge- treten, um für Vater, Mutter, Tante, Onkel und Brüder die Stimme ab- zugeben. Niemanden habe das ge- stört. „Die Wahl hat mir irren Spaß gemacht“, erklärte er.

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