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Ungeliebtes Stiefkind ?

Die Zeiten, da Ur- und Erstaufführungen neuer Opernwerke in Wien zu den Rarissima zählten, scheinen vorbei zu sein. Ein Blick auf den Spielplan 1984/85 der Wiener Staatsoper beweist es: der soeben vorgestellten Erstaufführung von Luciano Berios „musikalischer Handlung“ „Un Re in Ascolto“, die in Wien produziert wurde und nun als Übernahme der Salzburger Festspiele nach Wien zurückkehrte, folgen die Wiederaufnahme von Friedrich Cerhas sensationell erfolgreichem „Baal“ und die Erstaufführung von Ernst Kreneks „Karl V.“.

Und schon macht man sich Gedanken wegen einer gemeinsamen Produktion der Penderecki-Oper „Die schwarze Maske“ (nach Gerhart Hauptmann), die 1986 von Claudio Abbado bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt und anschließend in Wien herausgebracht werden soll. Registrieren muß man aber auch, daß Werke wie Alban Bergs „Wozzeck“ und „Lulu“ und Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ immerhin als Repertoirebestandteil erfolgreich sind und daß die Volksoper sich etwa um Alexander von Zemlinskys „Kleider machen Leute“ bemüht und...und... und...

Vergleicht man aber, welche wichtigen Werke in den vergangenen Jahren etwa auf deutschen, italienischen oder englischen Bühnen herausgekommen sind, Werke, die von vornherein gar keine Chance haben, jemals in Wien gespielt zu werden, weil sie im Repertoirebetrieb nicht unterzubringen wären, muß der Freund neuer Musik und neuen Musiktheaters resignieren.

Wie viele Ereignisse der europäischen Musikgeschichte des späten 20. Jahrhunderts, werden da ignoriert: Aribert Reimanns europaweit triumphal gefeierter „König Lear“ etwa, Hans Werner Henzes Meisterwerk „Wir erreichen den Fluß“ (nach Edward Bond), Luigi Nonos „Gran Sole carico d'amore“ — vielleicht haben wir aber eine Chance, wenigstens Nonos neuestes Opus „Prometheus“, das in der kommenden Woche in Venedig von Claudio Abbado uraufgeführt wird, durch Abbado nach Wien zu bekommen? Wir sehen und hören nicht Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“, Haubenstock-Ramatis „Amerika“ oder die längst in die Musikgeschichte eingegangenen Werke György Ligetis, des Österreichers aus Ungarn, dessen „Aventures et Nouvelles Aventures“ und „Grand Macabre“ fast an allen großen Opernhäusern Triumphe feierten — Ligeti schreibt jetzt für London eine Oper nach Shakespeares „Sturm“.

Wenn andere große Häuser, von Stockholm bis Paris und von Mailand bis London, sich bemühen, durch Auftragswerke ihre Spielpläne zu profilieren und sich in der Geschichte der modernen Oper einen Platz zu sichern, so scheint das Kapitel „neue Oper“ in Wien doch eher eine Pflichtübung zu bleiben, die man notgedrungen erfüllt — vor allem, wenn sich ein Partner wie die Salzburger Festspiele findet. Was umso unverständlicher ist, als gerade nach der Aufführung von Berios „Re in Ascolto“ feststeht, welch exemplarische neue Produktionen Wien zu kreieren vermag.

Allerdings scheint das Wort „Auftragswerk“ hier geradezu ein Reizwort zu sein. Man erinnere sich nur des Debakels, das der ruhmlos abgegangene Operndirektor Lorin Maazel mit seinem unorganisiert versandeten

Opernwettbewerb auslöste, als er die Komponisten aufforderte, Entwürfe einzureichen, die dann vor den Augen des Direktors Gnade finden sollten. Und da weiß ich nicht: hatte Maazel am Ende wirklich geglaubt, daß sich ein Ligeti, Cerha oder Haubenstock-Ramati an diesem Glücksspiel beteiligen würden oder war es nur ein Alibi?

Claus Helmut Drese, Wiens neuer Opernchef ab 1986, hat vor kurzem angekündigt, neue Wege gehen und dem Publikum den Mut zu Neuem stärken zu wollen. An ihm wird es jedenfalls liegen, vielleicht auf der Basis des Opern-austauschs zwischen den Häusern endlich jene Informationen über neues Musiktheater zu bieten, die einst auch in Wien eine Selbstverständlichkeit waren (bis zu Richard Strauss Zeit war es nämlich noch eine Selbstverständlichkeit, kontinuierlich die neuesten Opern zu spielen). Und erst dann wird sich zeigen, ob es nicht auch in Wien bloß eine Frage konsequenter Arbeit ist, das Publikum für Neues zu gewinnen!

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