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Ungewisse Zukunft

Das nach dem Sechstagekrieg 1967 vereinte Jerusalem gilt heute als „Ewige Hauptstadt“ Israels. Eine Befriedung der Stadt zeichnet sich noch nicht ab.

Sonntag, 22. Februar 1987: Bombenattentat am Sha’ar Shekem, dem Damaskustor in Jerusalem. Elf Verletzte, Sachschaden. Die Polizei verhaftet 70 verdächtige Araber, die wenig später als offenbar unschuldig auf freien Fuß gesetzt werden. Der Anschlag wird nicht aufgeklärt werden.

Das Damaskus- oder Nablustor führt aus dem arabischen Teil der Jerusalemer Altstadt in nördlicher Richtung in die Westbank, das Westjordanland. Hauptstadt dieses eigentlich jordanischen

Landstrichs ist Nablus. Von der israelischen Besatzungsmacht wurde die Stadt in Anlehnung an den alten biblischen Namen in Shekem umbenannt.

Innerhalb der mächtigen Stadtmauer, die den Altstadtbezirk umgibt, beginnt der Suk, der arabische Basar.

Zwischen den winzigen Läden kauern Frauen am Boden, die Obst, Gemüse und Gewürze anbieten. Große Körbe vorsichtig auf dem Kopf balancierend, suchen sie einen freien Platz zum Verkauf. Ihre farbenprächtigen Gewänder ergänzen die bunte Vielfalt im Suk. Hier wird nur arabisch gesprochen, mit Touristen vielleicht noch .englisch, aber kein Wort der offiziellen Staatssprache Hebräisch.

Doch der friedliche Schein trügt. Unter der dünnen Haut des orientalischen Alltags gärt ein jahrzehntelanger Konflikt zwischen Juden und Arabern. Heuer begeht man das 20-Jahr-“Jubiläum“ der Besetzung Jerusalems, der „Wiedervereinigung“, wie das hier genannt wird. 1967 eroberte Israel im Sechstagekrieg mit seinen arabischen Nachbarn ein Gebiet, das dreimal so groß war wie das Staatsterritorium, das die Vereinten Nationen 1948 dem jungen Israel zugewiesen hatten.

„Diese unheilige Zwangsehe“, meint eine Journalistin aus Jerusalem, „hat unsere Stadt in ein Pulverfaß verwandelt, das jeden Tag explodieren kann. Mit blauäugiger Naivität wurde 1967 angenommen, das Land und die Stadt durch die Besetzung dauerhaft befrieden zu können. Heute bezahlen wir die Rechnung für diesen Irrtum. Vom Frieden sind wir weiter entfernt als je.“

Etwa ein Viertel der heutigen Bevölkerung sind Araber, die sich zum Islam bekennen. Sie leben in eigenen Vierteln und pflegen — bedacht auf den Erhalt der eigenen Tradition und Kultur — kaum Kontakt zur jüdischen Bevölkerung.

Ein alter, aus Rumänien eingewanderter Aschkenase versteht die ganze Aufregung und den Widerstand der moslemischen Minderheit nicht: „Sie haben doch hier alles, ihnen geht es viel besser als ihren Brüdern in den arabischen Staaten. Wir haben unseren Glauben, und wir lassen ihnen den ihren. Ich sage Ihnen, die Araber, die hier wohnen, wollen keinen ei-

genen Staat, und sie wissen, warum. Hier werden sie mit Samthandschuhen angefaßt, und dort müßten sie richtig arbeiten.“ Doch die arabische Bevölkerung denkt anders, nationalistisch.

Das Westjordanland ist bis heute nur dünn mit jüdischen Familien besiedelt. Wer dieses Abenteuer wagt, wird bewundert und bestaunt. Eine Versöhnung oder gar Vermischung der Volksgruppen ist nicht in Sicht.

Der Hauptrichtung des Suk folgend, gelangt man aus den Bogengängen auf den Tempelberg. Scharfe Sicherheitskontrollen an allen Zu- und Ausgängen rufen dem Besucher die politische Realität auch an diesem heiligen Ort in Erinnerung. Am Gipfel des Hügels thront pracht- und machtvoll der Felsendom. Seine goldglänzende Kuppel mahnt die Mohammedaner, El-Kuds, die heilige Stadt, nicht preiszugeben.

Am Fuße des Tempelberges befindet sich das Heiligtum der jüdischen Bevölkerung. Hier gedenken junge und alte Gläubige an den Resten der Tempelmauer der Tempelzerstörung durch Titus im Jahr 70 nach Christus. Die Klagemauer, Symbol und Zentrum des jüdischen Glaubens, bildet den Abschluß eines künstlich angelegten Platzes, der vielen Pilgern Platz bietet.

Im Süden des Tempelbezirks schließt sich das jüdische Viertel an. Von schlecht bezahlten arabischen Händen völlig neu aufgebaut und restauriert, präsentieren sich die Gassen sauber und ordentlich. Hier befinden sich die Wohnungen 8 der orthodoxen Juden mit ihren großen Familien; die Kinder wachsen in Ghettos auf, für rechtgläubigen Unterricht sorgen Privat- und Klosterschulen.

Der Alltag verläuft nach streng religiösen Regeln und Geboten. Am Sabbat, an dem für Gläubige der Autoverkehr verboten ist, werden die Tore zum Viertel geschlossen, Besucher kommen zu Fuß. Gegen die zunehmende Laisierung der religiösen Gebote setzen sich die Herren in Schwarz erbittert zur Wehr.

Teddy Kollek (76), lebende Legende und Bürgermeister von Jerusalem, ist es bisher gelungen, eine

Eskalation der Konflikte zu verhindern. Nicht nur Araber können die Lunte zum Pulverfaß anstek- ken.auch die inner-jüdischen Auseinandersetzungen bergen enorme Sprengkraft.

Der Rückweg zum Damaskus-

tor führt durch das christliche Viertel. Rege Bautätigkeit bestimmt das Straßenbild. Die Bauarbeiter sind Araber — ausschließlich. Für ihre Besatzungsherren errichten sie die Stadt neu.

Buchläden der Franziskaner bieten geistige Nahrung, profane Händler Devotionalien zum Verkauf. Das Reiseziel der christlichen Pilger, die Grabeskirche, wirkt eingeklemmt zwischen Wohnhäusern und Geschäftsgassen. Der monströse Bau ist gezeichnet von seiner wechselvollen Geschichte. Ein Konglomerat verschiedenster Baustile, auf mehreren Ebenen angelegt, läßt eine klare Gliederung vermissen.

Das letzte Stück des Weges führt wieder durch den arabischen Suk. Sprunghaft geht die besinnliche Atmosphäre des christlichen Bezirks über ins pul-

„Auch inner-jüdische Auseinandersetzungen bergen enorme Sprengkraft“

sierende Leben der orientalischen Gassen. Hier passiert das Leben auf der Straße und nicht in Synagogen oder Gedenkkirchen. Die Marktfrauen mit ihren schweren Bündeln auf dem Kopf brechen ihre primitiven Verkaufsstände ab, das Bündel ist den Tag über bedeutend leichter geworden. Sie verlassen die Altstadt durch das Damaskustor, das seit dem Bombenanschlag sorgfältig bewacht wird.

Die moslemischen Araber verrichten in Jerusalem die niedrigsten Dienste — Gastarbeiter im eigenen Land. Selbst akademisch gebildete Araber finden keinen bessergestellten Arbeitsplatz. Der Zorn ist verständlich. Jerusalem, El-Kuds, die geteilte Stadt, geht nach zwanzig Jahren Besatzung einer ungewissen Zukunft entgegen.

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