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Ungezügelter Appetit

Familie Österreicher, die 1986/87 täglich pro Kopf 12.849 Joule (3.071 Kalorien) verzehrte, wobei der Fettverbrauch mit 157 Gramm einen internationalen Spitzenwert darstellt, läßt sich trotz einer steigenden Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen in ihrer Konsumgewohnheit nicht beirren: Stelzen, Schweinsschnitzel, Innereien, Eier und Alkohol werden gemäß einer neuen Nahrungsmittelprognose des Wirtschaftsforschungsinstitutes (WIFO) auch in den neunziger Jahren Konsumhit bleiben.

Nahrungsmittel und Getränke sind nach wie vor die bei weitem wichtigste Ausgabenposition im Budget der privaten Haushalte. 1987 entfiel mit etwa 233 Milliarden Schilling ein Viertel aller Verbrauchsausgaben der Familie Österreicher auf die Ernährung.

Der WIFO-Studie ist auch zu entnehmen, daß in den neunziger Jahren Essen und

Trinken einen höheren Stellenwert erhalten werden; das Genußerlebnis dürfte in den Vordergrund rücken, Qualität, Frische und Natürlichkeit der Produkte werden noch stärker das Nachfrageverhalten bestimmen, ebenso Abwechslung und Vielfalt. Die Qualität dürfte als Kriterium für den Kauf gegenüber dem Preis an Gewicht gewinnen.

Aus der Sicht der landwirtschaftlichen Produktion geht die Ernährungsprognose für die nächsten zehn Jahre davon aus, daß Fruchtsäfte, Milchprodukte, insbesondere Käse und Obers sowie Rahm gute Marktchancen haben werden und mit einer Zunahme des Inlandsverbrauches von etwa 50 bzw. 30 Prozent zu rechnen ist. Die Nachfrage nach Obst, Gemüse, pflanzlichen ölen, Geflügel und einigen anderen wichtigen Erzeugnissen (Eier, Fische, Zucker und Zuk-kerwaren) dürfte ebenso zunehmen, während der Verbrauch an Brotgetreide und Butter bis 1995 zurückgehen wird. Mitte der neunziger Jahre werden demnach etwa 564.000 Tonnen Brotgetreide für die Ernährung benötigt (= sechs Prozent). Der gesamte Fleischverbrauch wird um sechs Prozent auf 708.000 Tonnen steigen.

Geflügel, Schweinefleisch und Kalbfleisch dürften um sieben bis elf Prozent mehr abgesetzt werden als Mitte der achtziger Jahre. Die Nachfrage nach Rindfleisch wird sich aller Voraussicht nach auf dem derzeitigen Niveau (26 Kilogramm pro Kopf und Jahr) stabilisieren. Der Inlandsverbrauch von Milch und Milcherzeugnissen (auf Fettbasis berechnet) wird insgesamt um etwa sechs Prozent auf 2,52 Millionen Tonnen zunehmen.

Diese interessante Konsumprognose stellt nicht nur für die Agrarpolitik, sondern vor allem auch für die Nah-rungs- und Genußmittelindustrie, nicht zuletzt im Hinblick auf einen möglichen Beitritt zum EG-Binnenmarkt, eine große Herausforderung dar. Die Produktion der Nahrungs- und Genußmittelindustrie mit ihren 44.000 Mitarbeitern (Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren) stagnierte 1987 bei 87,3 Milliarden Schilling.

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