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Unrecht an Schwaben in Ungarn

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Ein Meilenstein in Ungarns Nationalitätenpolitik: Eine Konferenz in Budapest über die Deutschungarn förderte ein neues Ge- schichts- und Politikbewußtsein zu Tage.

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Ein Meilenstein in Ungarns Nationalitätenpolitik: Eine Konferenz in Budapest über die Deutschungarn förderte ein neues Ge- schichts- und Politikbewußtsein zu Tage.

Von eminent politischer Bedeutung war die zweitägige Konferenz des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen in Budapest zum Thema „300 Jahre Zusammenleben - aus der Geschichte der Ungarndeutschen“ . Historiker aus Ungarn und der Bundesrepublik Deutschland, Vertreter der Landsmannschaften und - nicht zuletzt - hochrangige Politiker wie der Generalsekretär der ungarischen Patriotischen Volksfront, Imre Pozsgay, diskutierten über das Unrecht, das den Ungarndeutschen nach 1945 zugefügt worden war.

Daßdabei—trotz aller gegenteiligen Beteuerungen - Politik und Anliegen der Geschichtswissenschaft nicht immer konform gin-

gen, zeigt eine Begebenheit am Rande. Die Parteizeitung „Nėps- zabadsäg“ berichtete kaum von den offen geführten Diskussionen der Konferenz, sondern bloß von der Eröffnung einer Ausstellung „Der große Schwabenzug“ im Bu- dapester Ethnographischen Museum, mit der die Tagung eingeleitet wurde. Prompt wurde tags darauf im Plenum „Nepszabadsäg“ öffentlich kritisiert. Der Zeitungsbeitrag sei typisch für eine gewisse Politik der Partei, die eine verlogene Geschichtsschreibung fördere.

Nichtsdestoweniger gestaltete sich die Konferenz zu einer Art Gewissenserforschung sowohl für die ungarische Nationalitätenpolitik als auch für eine bestimmte Funktion der Geschichtswissenschaften im Dienste der Politik.

Die Grundlagen dafür lieferte der Volksfrontvorsitzende Imre Pozsgay, der in einer programmatischen Rede auf die Schicksalsgemeinschaft der Maygaren und Ungarndeutschen hinwies. „Wir Ungarn“ , klopfte Pozsgay an die Brust, „waren im Laufe unserer Geschichte sowohl Unterdrücker als auch Unterdrückte. Nun können wir aber feststellen, daß es kaum Schlimmeres gibt, als eine nationale Minderheit zu zwingen, sich selbst zu verleugnen und ihre eigene Nationalität zu verfluchen.“

Es sei das Interesse Ungarns, die Zusammenarbeit aller Völker zu fördern, wobei klar sei, daß mit dem Verzicht auf historische Lügen nicht jedwedes Vorurteil schon ein Ende gefunden habe.

Auf diesem - gewissermaßen politischen Hintergrund — konnte dann der ungarische Historiker Lorant Tilkovszky von dem „Unrecht“ der zwangsweisen Aussiedlung der Deutschen nach 1945 sprechen. Diese Aussiedlung sei „eine Katastrophe“ gewesen, „nicht nur für die Ungarndeutschen, sondern für unser Vaterland“ .

Gegenüber der FURCHE betonte Tilkovszky, daß es um die Frage gehe, wie es möglich gewesen sei, „daß eine ganze nationale Minderheit, ein sehr wertvoller Bestandteil der Bevölkerung Un- gaęis (rund eine Viertelmillion Deutschungarn wurden ausgesiedelt, heute leben wieder etwa 250.000 Deutschsprachige in Ungarn), so global, so grob als Vaterlandsverräter gestempelt und in so großen Massen ausgesiedelt wurde“ . Die Antwort der ungarischen Geschichtsschreibung sei — so der Historiker — lange Jahre „ebenso schlecht und falsch“ gewesen „wie die Politik, die damals auch für die Geschichtsschreibung tonangebend war“ . Heute ist die Geschichtswissenschaft in Ungarn „nicht mehr Diener der Politik“ .

Die Historiker haben nun die Aufgabe, „dem Ungarndeutschtum sein so sehr erschüttertes Selbstbewußtsein, seine Selbstschätzung mit unseren wissenschaftlichen Mitteln zurückzugeben“ .

Die Rechte einer Minderheit — so hatte es bei der Konferenz geheißen — könnten nicht von einer bestimmten Politik oder vom Staat zuerkannt werden, sie seien „Grundrechte wie etwa das Lebensrecht“ .

Mit dieser offen ausgesprochenen Einstellung, die über den Zuständigkeitsbereich des Historikers und Politikers hinausweist,

hat man in Ungarn natürlich Schwierigkeiten, Schwierigkeiten, die sich aus dem internationalen politischen Umfeld ergeben. Der Historiker Sändor Balogh skizzierte das Problem gegenüber der FURCHE folgendermaßen: Das Bestreben Ungarns, die Nationalitätenfrage — sowohl was die Schwaben in Ungarn, aber auch was die Ungarn als Minderheit in anderen Ländern betrifft - sachlich darzustellen und zu lösen, werde „nicht überall positiv aufgenommen“ .

„Wir leben ja im Rahmen des Warschauer Paktes. Und unsere Verbündeten haben keine besondere Freude daran, daß wir uns mit dieser Frage befassen“ , sagt der Historiker.

Ungarn - so Balogh - ist in dieser Angelegenheit nicht deswegen so offen, „um beispielsweise Rumänien aufzufordern, es uns nachzumachen, sondern weil wir selbst ein Interesse an der Lösung dieses Problems haben. Wenn wir es ernst nehmen, daß wir eine Demokratie für uns selber bauen, dann kann man die Ernsthaftigkeit dieses Bestrebens nur daran messen, daß wir Demokratie für alle schaffen.“

Die Budapester Konferenz — ihr unmittelbarer Anlaß war die Er innerung an die Befreiung der Festung Buda von den Türken und die Besiedlung des Landes unter anderen mit den „Donauschwaben“ vor 300 Jahren - hat nach Sändor Balogh dewegen stattfinden können, „weil in Ungarn heute Verhältnisse herrschen, die es einem Historiker ermöglichen, über diese Fragen ruhig und kritisch nachzudenken und zu schreiben, eigene und Fehler der Regierung einzubekennen“ .

Und was ist mit der Folgewirkung für die Politik des Bruderlandes Rumänien gegenüber der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen? Sändor Balogh will Folgen zuerst in Ungarn sehen. „Eine Nation, die eine Zukunft haben will, darf Jahrhunderte ihrer Geschichte nicht einfach wegschmeißen“ , sagt er im Hinblick auf die große historische Unkenntnis seiner Landsleute. Wichtig sei, daß Geschichte in Ungarn - „nicht wie in den Schulbüchern Rumäniens oder der CSSR“ — nach Staatsräson beurteilt werde.,Als Historiker“ - sagt Balogh — „sehe ich die Sache so: Wenn wir es nicht erreichen können, daß Menschen- und Bürgerrechte gegenüber ungarischen Minderheiten in Nachbarländern gesichert werden (und Ungarn ist die einzige Nation Europas, von deren Bevölkerungsanteil sich mehr als 30 Prozent in benachbarten Staaten befinden), dann verliert das ganze Bündnis seine Berechtigung. Dann ist es obsolet, von Freundschaft und Solidarität zu sprechen.“

Was die Minderheitenfrage im Rumänien Nicolae Ceausescus angeht, sieht sich der Historiker selbst als ein Betroffener. Wegen diverser Artikel wurde Balogh von der rumänischen Presse ständig angegriffen: „Mehr als ich über rumänische Fragen geschrieben habe, und in einer Weise, die unter Kulturmenschen eher ungewöhnlich ist.“

Vehement wehrt sich Balogh gegen die „dako-romanische Theorie“ von Groß-Siebenbür- gen, wovon sich heute noch ein Teil auf ungarischem Gebiet befinde. In Rumänien beharre man auf dieser Auffassung, was eine Zusammenarbeit unter Historikern fast unmöglich mache. In der ungarischen Bevölkerung sei man aufgebracht darüber, daß sich die ungarische Regierung in dieser Angelegenheit einer derartigen Zurückhaltung befleißigt.

Interessant bleibt freilich die Tatsache, daß Ungarn über eine offene Nationalitätenpolitik und über Demokratisierungsbestrebungen auf die Frage der Solidarität mit den eigenen Volksgenossen stößt. Und die Geschichtswissenschaft hat an dieser Bewußtseinsbildung keinen geringen Anteil.

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