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Unsere Kinder sind Propheten eines sinnerfüllten Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

1994, das internationale Jahr der Familie wirft seine Schatten voraus. In Klosterneuburg fand auf Initiative des Päpstlichen Rates für die Familie und der Osterreichischen Bischofskonferenz ein „Europäischer Kongreß für Familienpastoral" statt.

1945 1960 1980 2000 2020

1994, das internationale Jahr der Familie wirft seine Schatten voraus. In Klosterneuburg fand auf Initiative des Päpstlichen Rates für die Familie und der Osterreichischen Bischofskonferenz ein „Europäischer Kongreß für Familienpastoral" statt.

Adressaten waren also jene, die innerhalb der Kirche die Anliegen der Familie vertreten. Erfreulich, daß sich die Veranstaltung nicht in endlosen Diskussion pro und kontra verzettelt hat. Vielmehr wurde die Lehre der Kirche in einer verständlichen Sprache dargeboten -nicht fern jeden Realitätsbezugs, sondern unter Rerücksichtigung der heutigen Situation. Diese ist ja, gerade was die Jugendlichen betrifft, bedenklich genug, wie der erste Referent, Professor Reinhold Ortner von der Universität Ramberg, deutlich machen konnte. Junge Menschen lebten immer mehr in der Spannung zwischen Sehnsucht nach Liebe, Treue und Geborgenheit einerseits und dem tiefen Mißtrauen gegenüber der Möglichkeit, diese Werte auch zu verwirklichen. Sie erleben einfach rundherum das Scheitern von Beziehungen und stehen im Banne dessen, was die sogenannte Realität ausmacht. In den Medien wird ihnen fortgesetzt ein Lebensmodell vorgestellt, das Glückserfahrung auf Konsum und gekonnte sexuelle Reziehungen verkürzt.

Eine wachsende Zahl junger Menschen merke aber heute, daß diese Glücksverheißung in die Irre führt. Sie stehen vor dem Scherbenhaufen dessen, was seit den sechziger Jahren an Sexualerziehung gepredigt wurde: Enttäuschte Liebe, kaputte Ehen, depressive Resignation... Ein Meinungsumschwung zeichne sich ab. Der jugendliche Drang nach Neuerung wende sich langsam gegen die Sexualisierung - ein Chance, für die Verkündigung. Daher der Appell: Traut euch, zur Lehre der Kirche zu stehen. Sie gibt lebensträchtige Antworten gerade auf die Fragen unserer Zeit.

Das bedeutet: Rechte Wege zu weisen und Irrwege als solche zu kennzeichnen. Aber Achtung: diese Rotschaft wird nur angenommen, wenn sie auf dem Hintergrund einer liebevollen Zuwendung geschieht. Darauf verwies Rischof Christoph Schönborn in seinem Referat: „Kann denn Liebe Sünde sein?". Unsere Zeit sei überempfindlich geworden. Man dürfe heute nur ja nicht von Sünde sprechen, obwohl die Medien andererseits vor Enthüllungen, Anklagen, Entlarvungen nur so strot-

zen. Kaum aber gehe es um die eigene Schuld, werde der Rollbalken heruntergelassen.

Aus dieser Sackgasse müßten wir herausfinden. Wahre Schuld als solche zu erkennen, sei eine Lebensnotwendigkeit. Nur wo diese Einsicht Raum gewinnt, sei eine Neuausrichtung möglich, nur wo Umkehr stattfindet, könne Gottes, ftilfe auch ankommen. Nochmals allerdings wies Bischof Schönborn auf die Pädagogik Gottes. Bevor Jesus Christus von der Sünde der Ehebrecherin spricht, sagt er ihr zu: „Ich verurteile dich nicht".

Der Mensch bedürfe nämlich der Zuwendung Gottes. Denn auch die Vorstellung, er könne sich selbst verwirklichen, durch eigene Anstrengung zum Glück gelangen, sei eine der Irrlehren unserer Zeit. Dies habe nicht zuletzt die vom Wiener Psychiater Viktor Frankl gegründete Logotherapie längst erkannt. Tief im Menschen gebe es das Bedürfnis zur Hingabe, das ihn aus dem Kreisen um das eigene Ego herausholt, wie der Theologe Otto Zsok aus München ausführte.

Nun, in der Liebe geschehe diese Hingabe, allerdings nicht als einmaliger Akt, sondern als Vorgang, der eine fortgesetzte Herausforderung darstellt, sich immer wieder zugunsten des anderen

zurückzunehmen. Das sei ein spannungsreicher Vorgang: „Immer geht es in einer Liebesbeziehung darum, daß zwei Freiheitsgeschichten nach Einheit streben, ohne aufzuhören zwei zu bleiben." (Zsok)

Ein gutes Mittel, dies geschehen zu lassen, sei es, dem Partner „Liebe auf Vorschuß" zu schenken, gewissermaßen als Motivationshilfe. Es mache ihm Mut, selbst wieder einen Schritt weiterzugehen.

Weil dieser Vorgang des liebevoll aufeinander Zugehens schwierig und kräfteraubend ist, bedürfe er einer gediegenen Unterstützung und Absicherung. Die denkbar beste Absicherung aber sei die Einbeziehung Gottes in dieses Geschehen. Aus dieser Sicht beleuchtete Familienbischof Klaus Küng das Sakrament der Ehe.

Darüber werde zwar viel geredet, mangelhaft aber sei die Umsetzung dieser Wahrheit im Alltag. Daher sei es notwendig, sich vom Empfang des Sakraments den Beginn eines „Wandlungsprozesses" zu erwarten, „der vom Heiligen Geist geführt und von Christus

getragen ist, der im Alltag ansetzt, von ihm ausgeht und in ihm auch für die anderen Mitglieder der Familie erfahrbar wird.' (Küng) Christliche Ehen sollten konkret

mit der Hilfe Gottes rechnen - gerade wenn es schwierig wird.

Aus diesem Blickwinkel hielt Wanda Poltawska ein vehementes Plädoyer für die natürliche Empfängnisregelung. Diese gehe von einer Grundhaltung aus, die nicht gegen das Kind gerichtet ist, bewußt mit der Fruchtbarkeit rechnet und ihren Gesetzmäßigkeiten im Zyklus der Frau nachspürt. Gezielte Eingriffe, die Unfruchtbarkeit erzeugen, stünden in fundamentalem Widerspruch zu dem Geschehen, das in der sexuellen Umarmung ausgedrückt wird: zur vollkommenen Hingabe und Annahme des ganze Partners.

Wo das Kind in den Vorstellungen zur Bedrohung des persönlichen Glücks wird, macht sich eine lebensfeindliche Grundhaltung breit. Ihr sollten gerade Christen entgegentreten, die es besser wissen müßten: „Kinder sind unser Reichtum", stellt Jean-Marie Meyer, Professor für Philosophie in Paris, fest, „weil sie von uns Zeit, Anstrengungen und Geld fordern, aber gerade weil sie von uns viel fordern, offenbaren sie uns den wahren Reichtum, das heißt die Fähigkeit zum Geben und Sichhingeben." So werde das Kind zum Propheten für seine Mitmenschen. Es offenbare ihnen den „Sinn der Zeit, des Lebens, der Liebe und des Todes" (siehe Beitrag nebenan).

Sind wir nicht eine so traurige und hektische Gesellschaft geworden, weil wir so wenige Kinder haben und uns daher auch so wenig von ihnen anstecken und uns die Freude am Leben schenken lassen können?

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