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Unter die Räuber gefallen

Zehn Millionen Menschen sind in den letzten vier Jahren alleine im Nordosten Brasiliens an Hunger und Unterernährung gestorben, die meisten der Opfer sind Kinder unter fünf Jahren. Das geht aus einem kürzhch veröffentlichten Bericht des brasilianischen Verbandes für Agrarreform (ABRA) hervor.

Die wirklichen Zahlen dürften weit höher sein. Neben der Dürrekatastrophe der letzten Jahre ist es vor allem die Sozial- und Wirtschaftspolitik im größten Land Lateinamerikas, die täglich ihre Opfer fordert. Die Weltöffentlichkeit erfährt oft nur wenig darüber, und die lateinamerikanischen Bischöfe, oftmals einzige Anwälte für mehr Gerechtigkeit, fühlen sich in ihrem Kampf gegen Ungerechtigkeit alleine gelassen:

„Wir können nicht länger zusehen, wie ein Volk ausgebeutet wird und zum langsamen Tod verurteilt ist. Die Kirche kann und darf dazu nicht weiter schweigen!" Mit diesen Worten und einer spektakulären Aktion traf der Bischof der Prälatur Xin-gu, Erwin Kräutler, zum ersten Mal in das Bewußtsein der weltweiten Öffentlichkeit.

Der seit 20 Jahren an der Trans-amazonica lebende österreichi-, sehe Missionar weiß, wovon er redet. Gemeinsam mit einer Gruppe unterbezahlter Fabriksarbeiter hielt er die Transamazonica zehn

Tage lang besetzt, wurde dafür vom Militär gefangengenommen und geschlagen. Geändert hat sich seither nicht viel. Im Gegenteil: die Armen werden weiter ärmer, die Reichen reicher.

Was in der Öffentlichkeit als ein spektakuläres Aufbegehren erscheint, verbirgt in Wirklichkeit eine Situation, an der das Land schon seit langem leidet. Als man 1972 mit dem Bau der Transamazonica begann, jenem ehrgeizigen Projekt, das den Urwald entlang des Amazonas von der Westküste bis zu seiner Ostgrenze erschließen sollte, stand Brasilien im Zeichen einer wirtschaftlichen Hochblüte.

Eben erst wurden die unermeßlichen Bodenschätze im Inneren des Landes entdeckt, internationale Industriekonzerne blickten mit Interesse und auch großzügigen Finanzhilfen auf das aufstrebende Entwicklungsland. Auch die Brasilianer durften, wie es vorerst schien, an diesem Aufschwung mitprofitieren.

Großangelegte Siedlungsprogramme der Regierung brachten Hunderte Famüien aus den Groß-stadtslums im Süden und den verarmten Regionen des Nordostens an die Transamazonica, um den Urwald zu roden und den fruchtbaren Boden zu kultivieren. Was heute aus den Plänen von damals geworden ist, darüber spricht man in der Öffentlichkeit nicht gerne; gilt es doch, die Bonität des mit Milliarden Dollar bei der Weltbank verschuldeten Brasilien zu wahren.

Die Siedler von damals wissen heute, daß sie nichts als die Handlanger der Mächtigen waren. Das „Jahrhundertprojekt Transamazonica" ist seit Jahren gescheitert. Es fehlt das Geld für die Erhaltung, besonders in der Regenzeit ist diese Fernverbindung kaum noch passierbar.

Die Menschen, die dort leben, scheinen in den offiziellen Regierungsprogrammen vergessen zu sein. Jede Woche verhungern Hunderte Menschen in der unendlichen Weite des rund acht Millionen Quadratkilometer großen Urwaldes am Amazonas.

Die Hilfsgelder aus Europa fließen zwar regelmäßig über die vorwiegend kirchlichen Institutionen, und über das gut ausgebaute und verzweigte Netz der Missionsstationen gelangt Hilfe bis in den hintersten Winkel des Landes. Grundlegend läßt sich die Situation aber mit Geld allein gewiß nicht lösen.

Der brasilianische Urwald ist nicht nur reich an mineralischen Rohstoffen. Auf wirtschaftliches

Interesse stoßen vor allem die zahlreichen Edelhölzer. Woche für Woche werden ganze Schiffsladungen davon nach Kanada (!) exportiert. Auch die großen Rinderfarmen sind nach wie vor ein einträgliches Geschäft, freilich wieder nur für die kleine Minderheit, die im Besitz des Weidelandes ist.

Die Fleischproduktion zählt heute zum großen Geschäft. Während sich mehr als 90 Prozent der Brasilianer fast nie ein Stückchen Fleisch am Mittagstisch leisten können, kaufen branchenfremde Multis das Weideland en gros auf.

Für die kleinen Siedler besteht dabei kaum eine Chance, im Geschäft der Großen mitzuspielen. Im Gegenteil: Von ihnen wird auch noch jenes Land gefordert, das sie oft schon seit Jahren bebauen.

Die Multis zeigen sich sozial. Sie kaufen nur dann Land, wenn es garantiert „frei" ist, das heißt nicht besiedelt ist. Für Makler ist diese Garantie leicht zu geben. Sie bedienen sich der Pistoleiros, die bekannt für ihre „saubere und zuverlässige Arbeit" sind.

Oft genügt bereits eine einfache Drohung der gedungenen und bis auf die Zähne bewaffneten Mordtrupps, um ganze Familien mit Hab und Gut zum Verlassen des

Landes zu bewegen. Manchmal wird gleich geschossen.

Die Padres und Bischöfe sind meist die einzigen, die für. das Recht der Armen eintreten. Denn auch in Brasilien ist der Grundsatz der Landersitzung nach fünf Jahren ununterbrochener Bewirtschaftung in den Gesetzbüchern festgelegt. Durch ihre Aufklärungsarbeit und den Einsatz für die Rechte der armen Mehrheit schafft sich die Kirche Feinde. Die meisten Padres werden offiziell als „comunistos" und Staatsfeinde bezeichnet.

Während die kleinen Siedler immer weiter in das Urwaldinnere vertrieben werden, wo sie von neuem das Land fruchtbar machen, um später vielleicht wieder vertrieben zu werden, scheint die Armut immer mehr außer Kontrolle zu geraten. Der Brasilianer fügt sich seinem Schicksal. In Al-tamira, der 40.000 Einwohner zählenden Hauptstadt des Bundesstaates Para, sterben Woche für Woche durchschnittlich zehn Kinder an Hunger.

Als eine Gruppe verzweifelter Eltern kürzlich einen Supermarkt stürmte, um sich das Lebensnotwendigste für sich und ihre Kinder eigenmächtig anzueignen, blieben die Bischöfe in ihrer Beurteilung eindeutig. „Ich kann es verstehen, wenn sich ein Volk das, was ihm vorenthalten wird, selbst holt", erklärte spontan der Erzbischof von Fortalezza, Aloi-sio Lorscheider. Und Bischof Kräutler aus Altamira sprach von einem Volk, das unter die Räuber fiel und nur versucht, sich seiner eigenen Haut zu wehren.

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