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Urbanität kontra Zersiedelnng

1945 1960 1980 2000 2020

Mein Wunsch für die Entwicklung Wiens läßt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wien soll ein weltoffenes, mitteleuropäisches Zentrum sein, das Österreich gut nach außen präsentiert. Die Umsetzung erweist sich schon in der

1945 1960 1980 2000 2020

Mein Wunsch für die Entwicklung Wiens läßt sich auf einen kurzen Nenner bringen: Wien soll ein weltoffenes, mitteleuropäisches Zentrum sein, das Österreich gut nach außen präsentiert. Die Umsetzung erweist sich schon in der

Beschreibung schwieriger, da man leicht in Gefahr kommt, in die Nähe der für Österreich und Wien typischen Gefühlspole Großmannssucht auf der einen und Kleinmütigkeit auf der anderen Seite zu geraten.

Die Kleinmütigkeit wurde in den letzten Jahrzehnten von Faktoren wie Lage Wiens an toten Grenzen und schleichender Bevölkerungsrückgang gestützt. Aber auch wenn es keine solchen negativen Trends gab, fehlte die Kleinmütigkeit nicht. Ein Beispiel dafür ist die vor Jahren geführte Debatte um neue Hotels in Wien, wo angesichts von Projekten wie SAS-Hotel oder Marriott die Pleite ausgerufen wurde, während nach der Realisierung das Gegenteil eintrat: eine Ursache für den Erfolg des Wiener Fremdenverkehrs in den letzten Jahren war das breitere und verbesserte Hotelangebot.

Die Großmannsssucht als Gefahr tat sich in der letzten Zeit hervor. Wer. hörte nicht angesichts der Öffnung der Grenzen im Osten und der Veränderungen in den ehemals kommunistischen Ländern die Stimmen, die Wien wieder als die Metropole Europas sahen und

schnurstracks an das kaiserliche Wien mit mehr als zwei Millionen Einwohnern anknüpfen wollten.

Ich wünsche mir weder Großmannssucht noch Kleinmütigkeit, sondern einfach Selbstbewußtsein und Realitätssinn. Für eine solche Politik stehen meiner Ansicht die Zeichen gut. Was müßte eine solche Politik beinhalten? Wichtige Prioritäten wären:

Ein eindeutiges Ja zum Leben in der Stadt und in kompakten Siedlungsformen.

Der Versuch, die Lebensqualität in den Städten trotz kompakter Lebensformen zu halten und zu verbessern. Dazu gehören neben guter Luft, wenig Lärm und gutem Wasser ein reiches Arbeitsplatzangebot, genügend qualitativ hochwertige Wohnungen und sicher auch ein breites Kultur- und Freizeitangebot.

Der Versuch, internationaler zu sein und mehr als bisher den wirtschaftlichen und kulturellen Kontakt mit fremden Ländern und Erdteilen zu pflegen.

Die Bundeshauptstadt hat in den letzten Jahren bereits Schritte im Sinne der oben genannten drei Punkte unternommen. An erster Stelle ist wohl das gelungene Projekt der Revitalisierung der Wiener Innenstadt und der Bezirke innerhalb des Gürtels zu nennen, die heute praktisch bei Tag und Nacht mit Leben erfüllt sind und ein dichtes Anbot an Arbeitsplätzen, kulturellen und gastronomischen Einrichtungen aufweisen. k

Diese wiedergewonnene Ausstrahlungskraft Wiens führte in den letzten Jahren nicht nur zu einem

Jahr für Jahr steigenden Fremdenverkehr, sondern auch zu einem verstärkten Zuzug von In- und Ausländern. Bereits vor- der Öffnung der Grenzen stieg die Bevölkerung Wiens wieder leicht an, die Zeit der Stagnation war vorbei. Nun kommt es darauf an, diesem positiven Trend auch in der Wohnbaupolitik mit geeigneten Maßnahmen zu begegnen.

Eine der Maßnahmen wird es sein, das Wohnen in der Stadt so attraktiv zu machen, daß die Menschen in Wien arbeiten und wohnen wollen und nicht für das Wohnen in das Umland ausweichen. Das geht aber nur dann, wenn in der Stadt ein ausreichendes, vielfältiges Angebot an Wohnungen besteht, aus dem sich die Menschen das für sie beste auswählen können.

Wir haben bereits bei der Verländerung der Wohnbauförderung in Wien erste Maßnahmen in Richtung eines Käufermarktes gesetzt. Ich bin optimistisch, daß wir in Zukunft mehr Wohnungen - und damit mehr Auswahl - zu angemessenen Preisen werden anbieten können. Ich halte dies auch aus Gründen des Umwelt- und Landschaftsschutzes für sinnvoll und höchst notwendig, weil der schädlichen Zersiedelung unseres Landes nur Einhalt geboten werden kann, wenn wir die kompakte Stadt als Wohn- und Arbeitsort attraktiv machen. Die kompakte, attraktive Stadt ist für mich das Schlüsselwort für die Zukunft Wien könnte in den nächsten zehn bis 15 Jahren bei leicht steigender Bevölkerungsentwicklung an die 1,6 bis 1,7 Millionen Einwohner haben - eine E in-

wohnerzahl, die mit den bereits vorgesehenen Infrastrukturmaßnahmen - U-Bahnbau, Wohnungsbau, Wirtschaf tsansiedlung, Schul-und Universitätspläne und so weiter - durchwegs harmoniert und Lebensqualität verspricht.

Der Idee der kompakten, international leistungsfähigen Stadt entsprechen auch die Pläne im Bereich des Donauraumes. Sprich Weltausstellung und zweite City Wien. Nach Marktstudien des weltweit agierenden japanischen Finanz- und Investmenthauses Nomura hat Wien von der Öffnung der Grenzen in Europa am meisten profitiert. Es rückte in einer Rangskala von für die Wirtschaft in Europa attraktiven Städten vom elften Platz auf den sechsten vor. Allerdings wird es von der in Wien betriebenen Politik der nächsten Jahre abhängen, ob die sprunghaft gestiegenen Chancen auch genützt werden.

Das Projekt einer Weltausstellung und die Nutzung der Gelände (EXPO-Gelände, Nordbahnhof, Teile des ehemaligen Flughafens Aspern) nach der Weltausstellung für hochwertige Betriebsansiedlungen, für Wohnungen und Freizeiteinrichtungen könnten sicherstellen, daß Wien zum wirtschaftlichen Zentrum Mitteleuropas mit großer Ausstrahlung in den osteuropäischen Raum wird.Somit schließt sich der Kreis. Die Antwort auf die Frage „Wien - Wohin?" lautet: Wien soll ein weltoffenes, mitteleuropäisches Zentrum werden, das Österreich gut nach außen vertritt.

Der Autor ist Vizebürgermeister der Stadt Wien.

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