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Utopia sanft zum Scheitern gebracht

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Thomas Morus' „Utopia" war Gegenstand einer FURCHE-Diskussion (27, 29/85). Daß ihre Verwirklichung nicht in Totalita-rismus münden muß, zeigt folgender Bericht.

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Thomas Morus' „Utopia" war Gegenstand einer FURCHE-Diskussion (27, 29/85). Daß ihre Verwirklichung nicht in Totalita-rismus münden muß, zeigt folgender Bericht.

Vor allem an der Abschaffung des Privateigentums und dem kollektiven Lebensstil der utopischen Gesellschaft hatte sich schon zu Morus' Lebzeiten die Diskussion entzündet. Und heutzutage bekommt man oft zu hören, daß jeder solcher Versuche notwendigerweise in einem „Zwangsbeglückungsstaat" sowjetischer Prägung enden müsse. Nun ist es nicht zu leugnen, daß Morus' Utopia in einer Tradition steht, aus der unter anderem auch totalitäre Regime hervorgegangen sind. Nur sollte man nicht so tun, als ob sich die Nachfolge Uto-pias im Sowjetterrorismus erschöpfte.

Gemeinschaften utopischer Prägung entstanden zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten, von frühen Experimenten der Reformationszeit bis zu den Kibbuzim des modernen Israel. Und unsere eigene Gesellschaft, die „freie" und (was die Einstel-

lung zum Privateigentum betrifft) anti-utopische, kann sich nun einmal der Frage nicht entziehen, wieviel Freiraum sie denn solchen utopischen Experimenten de facto eingeräumt hat.

Oder deutlicher: Welchen Interessen dient es eigentlich, Utopia als Wegbereiter des Sowjetkommunismus zu verteufeln? Diese Frage kann anhand eines konkre— ten Beispiels, das auch historisch von Interesse ist, aktualisiert werden.

Knapp 400 Kilometer westlich von Chicago, etwa zwei Drittel des Weges nach Des Moines, liegt eine Kolonie von sieben Dörfern, Amana genannt, die aus einem solchen utopischen Versuch hervorgegangen ist.

Die Geschichte Amanas begann mit einer Gruppe von Schweizer, süddeutschen und Elsässer Pietisten, die sich 1714 zur Gemeinschaft der „wahren Inspiration" zusammenschlössen. Nach über

hundert Jahren Verfolgung in Europa wanderten sie 1842 nach Nordamerika aus, wo sie sich zunächst in der Nähe von Buff alo im Staat New York niederließen.

Der offiziellen Version zufolge waren der gemeinschaftliche Landbesitz und das kommunale Leben keineswegs die Folge einer vorgegebenen Ideologie, sondern erwiesen sich als praktische Lösung, nachdem sich herausgestellt hatte, daß viele der „Brüder" nicht die nötigen Mittel hatten, um eigenes Land zu erwerben.

Nach Gründung dieser Gemeinde banden sich neue Mitglieder durch einen freiwilligen, widerrufbaren Vertrag an die Religions- und Wirtschaftsgemeinschaft- JDarin - verpflichteten sie— sich zu einer bestimmten Arbeitsleistung innerhalb der Gemeinschaft, während diese den Lebensunterhalt und einen Anteil an den Einkünften (hauptsächlich in Naturalien) garantierte.

Als die Ausbreitung der Stadt Buffalo die Grundpreise in eine für die bescheidene Farmkommune unerschwingliche Höhe trieb, erwarben die Inspirationisten 1855 Ackerland im Bundesstaat Iowa.

Der wirtschaftliche Aufschwung, dessen sich Amana bis ins frühe 20. Jahrhundert erfreu-

te, ist sicherlich nicht zuletzt auf die rationelle Lebensführung des utopischen Modells zurückzuführen: Gearbeitet wurde gemeinschaftlich, die Lebensweise war einfach, und die Einkünfte wurden unterschiedslos geteilt.

Besonders die Gemeinschaftsküchen, in denen jeweils zwischen 40 und 60 Personen verpflegt wurden, sorgten nicht nur dafür, daß in den meisten Familien auch die Frauen Erwerbsarbeit leisten konnten, sondern erwarben sich auch bald den Ruf, im Besitz der weithin besten deutschen und Schweizer Originalrezepte zu

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Die wirtschaftliche Stärke der Gemeinschaft und die Arbeit-- ^amkeit ihrer Mitglieder erlaubte es der Amana-Kolonie, ihre zunächst ausschließlich agrarische Erwerbstätigkeit durch Handwerk und Industrie zu bereichern. Zu Tischlerei und Uhrmacherei kamen Wollspinnerei und schließlich die Erzeugung von Küchengeräten.

Aber 1932 endete ein wesentlicher Teil des utopischen Experiments. Zwar blieb der Gemeinschaftsbesitz zunächst im wesentlichen erhalten, aber der Zusammenschluß, früher eine freiwillige Vereinbarung mit der Religionsgemeinschaft, nahm nun die Form

einer Aktiengesellschaft an, deren Anteile unter den Mitgliedern aufgeteilt wurden.

Der Kirchenbesitz wurde ausgegliedert, und die meisten Familien ließen in ihre Häuser Küchen einbauen, die an die Stelle der aufgelösten Gemeinschaftsküchen traten.

Amana ist heute eine Touristenattraktion, eine hübsche Sehenswürdigkeit im ansonsten eher monotonen agrarischen Mittelwesten der USA. Wirtschaftlich ist es bestenfalls von lokaler Bedeutung. Wenn auch der Aktienbesitz noch größtenteils in den Händen der ursprünglichen Familien von Amana ist, so hat die Wende von 1932 doch weitge-

hend den Weg zur Auflösung

geebnet.

Ein Sieg der freien Gesellschaft des Kapitalismus? Befragt man Sozialwissenschaftler zum

Schicksal Amanas, bekommt man häufig Gelehrtes über den irreversiblen Säkularisierungsprozeß in der modernen Gesellsdhaft zu hören.

All das kann aber nicht darüber^ hinwegtäuschen, daß diese moderne, freie Gesellschaft diesem Amana keineswegs neutral gegenüberstand.

Die amerikanische Gesellschaft, die sich oftmals und lautstark ih-

rer Religionsfreiheit zu rühmen pflegt, zeigt gerne solche Gemeinschaften wie die Hutteriten vor, die heute noch ganz wie vor 200 Jahren leben.

Zum Unterschied von diesen soziologisch interessanten, aber wirtschaftlich unbedeutenden Gemeinschaften hätte Amana, technisch aufgeschlossen und wirtschaftlich erfolgreich, sehr wohl ein nachahmenswertes Modell kollektiver Lebensführung abgeben können. Gerade sozial benachteiligte Gruppen hätten sicherlich nach dem Beispiel Amanas ihre eigenen Vorstellungen von unkonventionellen Besitzstrukturen erproben können.

Es ist daher wohl kaum ein Zufall, daß die „Große Wende" in die Depressionszeit fiel, als die katastrophale Situation der amerikanischen Familienfarmen die Bereitwilligkeit zu solchen Experimenten gefördert haben mochte.

Es wäre natürlich unsinnig zu glauben, daß Amana das Opfer einer kapitalistischen Verschwörung geworden ist. Zur Reform haben sicherlich die verschiedensten Gründe beigetragen:

Aber die Tatsache, daß diese Kräfte die Auflösung des traditionellen Bundes gerade dann bewirkten, als durch sein Beispiel eine allem Anschein nach erfolgreiche Alternative zu überkommenen Besitzformen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen war, wirft doch wohl die Frage auf, in welchem Sinn man angesichts des sozialen Anpassungsdrucks hier noch von einer „freiwilligen" Entscheidung der Mitglieder sprechen kann.

Kehren wir noch einmal zur Idee Utopia zurück. Freilich hat sich der Staatskollektivismus, zum Teil in der Nachfolge Utopias entworfen und anfangs mit großem Enthusiasmus •propagiert, als inhumaner Irrweg erwiesen. Aber steht nicht der Zwangsbeglückung marxistischer Prägung in unserer eigenen Gesellschaft ein vielleicht mehr subtiler, aber deshalb kaum weniger zwanghafter Konsumdruck gegenüber?

Fördert der Lebensstil der Konsumgesellschaft durch seine Beispielswirkung nicht auch im selben Ausmaß den Umsatz der Großindustrie? Bedenken wir dies in aller Konsequenz, kommen wir um die Frage nicht herum, ob es denn wirklich immer nur die kollektiven Systeme sind, in denen wirtschaftliche Freiheit unmöglich ist.

Der Autor ist Professor am Department of Earth Sciences an der Iowa State University.

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