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Utopien sind wie Wolken

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Die Friedenssehnsucht der Jugend einerseits, die Aufgabe des Heeres andererseits: Ein Offizier sucht und fordert hier offene Diskussion und Gesprächsbereitschaft.

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Die Friedenssehnsucht der Jugend einerseits, die Aufgabe des Heeres andererseits: Ein Offizier sucht und fordert hier offene Diskussion und Gesprächsbereitschaft.

Unsere Freiheit ist der Grund unserer Verteidigungsanstrengungen. Freiheit und Selbstbestimmung bzw. individuelle Ent-faltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten sind untrennbar verbunden. Einer Jugend, die Unfreiheit, Repression und Ärgeres noch nicht selbst erlebt hat, kann man mit ausschließlich abstrakten Appellen (Staatsvertrag, Neutralität, Völkerrecht) nur schwer das Verständnis zur Erhaltung bzw. zur Verteidigung dieser — ihrer — Freiheit abgewinnen.

Dies muß in ihrer Sprache und Wertwelt erfolgen. Jeder noch so „kritische” Jugendliche wird unser „Alternativmodell militärischer Landesverteidigung” in einem neuen, positiveren Licht sehen, wenn er sich folgendes überlegt:

„Für die Zeit des Kriegsrechtes dürfen keinerlei Versammlungen, Märsche, Demonstrationen, Sport- und Kulturveranstaltungen ohne vorherige Genehmigung stattfinden. Ausgenommen sind kirchliche Feiern in Gotteshäusern.” Fast alles, was den Jugendlichen heute etwas bedeutet (Alternativkultur, verschiedene Aktivitäten, in der derzeit vollblühenden „Beisl-Atmosphäre”, z. B. in Wien), könnte nicht mehr konsumiert bzw. aktiv mitgestaltet werden.

„Verboten wird die Verbreitung aller Veröffentlichungen und Informationen, die öffentliche Aufführung künstlerischer Werke sowie die Benützung von Druckmaschinen ohne vorherige Genehmigung.” Keine Zeitungen, speziell abgestimmt für die Jugend und mit ihren kritischen Inhalten, dürfen mehr erscheinen.

„Jeder, der seinen Wohnort für mehr als 48 Stunden verläßt, benötigt eine Erlaubnis.” Jugendliche reisen gerne. Ein Verlust dieser Freiheit würde sie sehr schmerzlich treffen. „Sämtliche Post- und Telefongespräche werden überwacht.” — „Das Tragen bestimmter Uniformen und Abzeichen ist verboten.” Dies betrifft die Vorliebe vieler Jugenli-cher für militärähnliche Bekleidungsstücke (Armeejacken, Stik-kers, Symbole).

Das sind nur einige der 18 Punkte, die nach der Einführung des Kriegsrechtes in Polen vom 13.

Dezember 1981 wirksam wurden, aber sie drücken klar aus, daß auch die Jugend etwas zu erhalten bzw. etwas zu verteidigen hat...

Das gegenseitige Verhalten zwischen Jugend und Militär hängt weitgehend von der Gesprächsfähigkeit unsererseits ab. Wir (Jugend — Militär) sollen fähig sein, uns gegenseitig unsere Standpunkte offen zu sagen, mit dem Willen zur gemeinsamen Lösung, dies jedoch nicht um den Preis der Verleugnung dessen, was wir „Älteren” erst in bitterer Erfahrung erwerben mußten.

Utopien sind wie Wolken, aber es wäre sicherlich ganz falsch zu sagen, daß Wolken nicht sind oder nicht sein sollen. Sie sind sicherlich nicht hur, was sie in ihrer stolzen Pracht oft zu sein scheinen. Der Regen, der von ihnen kommt, beweist, was und wieviel sie sind. Sie sind keine ganz neue Welt, sondern nur eine Befruchtung der alten. Ohne sie jedoch wird das Land zur Wüste, vertrocknet, wird schattenlos und tot. Wer, wenn nicht die Jugend, sollte Utopien und Hoffnungen haben, deren teilweise Realisierung gerade für die Zukunft eben dieser Jugend überlebensnotwendig ist.

Soziale Verteidigung, gewaltloser Widerstand ist streng genommen eine solche Utopie eines großen Teiles der heutigen Jugend. Mit welcher Unfähigkeit (die sich im ausschließlichen Gebrauch von abstrakten Argumenten wie Staatsvertrag, Völkerrecht, Neutralität usw. äußert) reagieren aber zumeist „Militärs” bei Gesprächen, die auf diesen Fragenbereich abzielen und verstärken bei Jugendlichen nur ihre (derzeit noch) irreale Meinung sowie ihr Engagement für diese Form der Landesverteidigung.

Abgesehen davon, daß unser Landesverteidigungsplan Teil „Militärische Landesverteidigung” in den Formen des gewaltlosen Widerstandes notwendige Ergänzungen zu unserem Selbstbehauptungswillen und zur Stärkung der eigenen Verteidigungskräfte sieht, ist ein „Nachdenklichmachen” der Jugendlichen zu diesem Fragenbereich möglich und notwendig. Nicht mit abstrakten Argumenten, sondern:

• Wäre ein Ende des Hitlerreiches mit seinem Expansionsdrang, der totalen Repression gegen alle Andersdenkenden, mit den Konzentrationslagern und Gaskammern, der Ausschaltung aller individuellen Freiheiten durch rein pazifistische und soziale Verteidigungsideale herbeizuführen gewesen? Nein! Die Wiedererrichtung mehr oder weniger demokratischer Gesellschaftsordnungen mit ihren vielfältigen Freiheiten waren nur durch militärischen Kampf möglich.

O Oder ist es wirklich absolut richtig, wenn engagierte junge Christen von heute mit den Worten „wenn dir jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die linke hin”, ihr totales Engagement für die soziale Verteidigung begründen?

Soziale Verteidigung

Nein! Erstens, solche Worte werden aus dem Zusammenhang gerissen, verallgemeinert, und zweitens, auch sie sollten sich ihrer kollektiven Verantwortung für die Erhaltung unserer demokratischen Gesellschaft bewußt sein.

Kein Jugendlicher darf oder sollte zusehen, wenn die Wange eines Freundes geschlagen wird, sondern ihm zu Hilfe eilen. Oder sollte er, wenn er Zeuge einer gewaltsamen Mißhandlung eines Schwächeren (oder Völkermordes) werden sollte, dann auch noch die andere Wange des Schwächeren dem Aggressor hinhalten?

# AuchGandhi.einer.deralsgei-stiger Vater des gewaltlosen Widerstandes und Idol der sozialen Verteidiger gilt, mußte noch kurz vor seinem gewaltsam verursachten Tod fürchterliche Gemetzel zwischen Hindus und Moslems erleben. Er hat Indien zwar zur Unabhängigkeit geleitet, aber die Unabhängigkeit schuf eine Situation, die eine Verleugnung all seiner gewaltfreien Prinzipien nach sich zog.

Diskussionen suchen — nicht abseits stehen, sondern auch Herausforderungen annehmen heißt, daß gerade wir Österreicher auf Grund unserer politischen und militärischen Konstellation alle Ursache, ja, darüber hinaus, sogar die moralische Verpflichtung haben, der gegenwärtigen Situation -kritisch gegenüberzustehen und dem auch Ausdruck zu geben.

Teilauszug aus einem Beitrag von Major Wolfgang Schneider (Verteidigungsministe-rium/Wehrpolitik) im Heft 3 der „Osterreichischen Militärischen Zeitschrift”, Mai/Juni 1982.

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