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Verlorener Kampf gegen die Armut

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Jede siebente Arbeiterfamilie fällt heute unter die Armutsgrenze. Fast jeder fünfte Pensionist lebt unter dem Existenzminimum. Eine neue Form der Armut grassiert.

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Jede siebente Arbeiterfamilie fällt heute unter die Armutsgrenze. Fast jeder fünfte Pensionist lebt unter dem Existenzminimum. Eine neue Form der Armut grassiert.

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„Die Armut in Österreich muß beseitigt werden!“ Mit dieser Kampfansage in der Regierungserklärungtrat Bruno Kreisky 1971 sein Amt als Bundeskanzler an.

Sind seither die Einkommensverhältnisse in Österreich gerechter geworden? Oder hat die sozialistische Sozialpolitik letztlich die Schere zwischen arm und reich noch vertieft?

In einer umfassenden Studie der Politischen Akademie, die kommende Woche präsentiert wird, versucht der Autor, diese Entwicklung anhand eines umfassenden statistischen Materials nachzuzeichnen.

Eine düstere Erkenntnis gleich vorweg: Es gibt heute, 1986, wieder Anwärter für eine „neue Armut“. Eine Armut, die nicht „nur“ Randgruppen oder Härtefälle ausmacht, sondern in systematischer Form Gruppen schlechter stellt.

Und das zu einer Zeit, wo von der Beseitigung wohlfahrtsstaatlicher Wucherungen oder allzu großzügiger Sozialprogramme die Rede ist. Sogar der Sozialminister propagiert locker schon Streichungsaktionen wie die im Zusammenhang mit dem Wochengeld für werdende Mütter (FURCHE 35/1986).

Die Fakten und Zahlen sprechen da eine ganz andere Sprache: Eine Richtzahl für die Einschätzung der Einkommensverteilung:

• Das „mittlere Einkommen“: Rund die Hälfte der Arbeitnehmer hat laut der oben erwähnten Studie 1985 weniger als 12.390 Schilling brutto monatlich verdient. Ein Fünftel der Lohn- und Gehaltsempfänger bezog 7.540 Schilling, darunter auch Lehrlinge und Teilzeitkräfte (bei den Arbeitern waren es 11.490, bei den Angestellten 14.000 Schilling).

Interessantes Detail: Das mittlere Einkommen der Männer liegt rund 50 Prozent über dem der weiblichen Mitstreiter am Arbeitsmarkt. Darin sind aber 180.000 teilzeitbeschäftigte Frauen enthalten und weiters muß berücksichtigt werden, daß ein Großteil der Frauen in schlechter qualifizierten Berufen tätig ist.Um diesen Faktor bereinigt, beträgt der Unterschied auch beim mittleren Nettoeinkommen noch immer satte 27 Prozent.

Eine Ubersicht, wieviele Beschäftigte (ohne öffentlichen Dienst) tatsächlich in den jeweiligen Lohnstufen liegen, zeigt: Mehr als ein Viertel (27,6 Prozent) der Arbeitnehmer muß sich mit weniger als 9.300 Schilling brutto durchs Leben schlagen. Weniger als ein Fünftel (17,9 Prozent) kann mit mehr als 20.100 Schilling brutto seinen Lebensunterhalt gestalten.

Ein weiteres Richtmaß für die Beurteilung der Einkommenssituation:

• das durchschnittliche ProKopf-Einkommen brutto/netto in einem Haushalt (Art der Berechnung siehe Tabelle).

Bei dieser Größe zeigen sich laut Studie deutliche Nivellie-rungstendenzen. Während 1970 das Haushalts-Nettoeinkommen der zehn Prozent der höchsten Einkommensbezieher sechseinhalbmal so hoch war wie jenes der untersten zehn Prozent, beträgt der Unterschied heute das Fünffache.

Ursache für diese Entwicklung ist unter anderem die verstärkte Einbindung der Frauen ins Arbeitsleben. Allerdings zeigt eine genauere Betrachtung, daß bei den niederen Einkommen (unter 10.000 Schilling) der Anteil der Alleinverdiener unter zehn Prozent liegt. Bei den höheren Einkommen (über 20.000 Schilling) steigt er auf mehr als 70 Prozent an.

Das ist ein weiterer Beweis für die Vermutung, daß ein überwiegender Teil der Frauen eher aus einer wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus auf den Arbeitsmarkt drängt. Sie müssen arbeiten gehen, ihr Zusatzverdienst bestimmt den finanziellen Spielraum eines Haushaltes.

Bestätigt wird dieser Trend sicherlich auch durch die alarmierende Zunahme der als arbeitslos gemeldeten Frauen.

Bei der Beurteilung der • Einkommenssituation der Haushalte nach dem Familienstand (siehe auch Kasten) zeigt sich folgendes Bild:

Die jüngste Mikrozensus-Erhe-bung des Statistischen Zentralamtes vom September 1985 zeigt,daß zehn Prozent aller Arbeitnehmer-Haushalte ein gewichtetes Netto-Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 4.180 Schilling zur Verfügung haben. 40,5 Prozent der Arbeiterfamilien mit zwei Kindern liegen mit ihrem Netto-Pro-Kopf-Einkommen unter 4.180 Schilling, ebenso 26,1 Prozent der öffentlich Bediensteten.

Bei Alleinverdienern mit drei oder mehr Kinder ist die Lage noch dramatischer: Bereits 62,1 Prozent der Arbeiter und 38,9 Prozent der öffentlich Bediensteten sowie 30,9 Prozent der Angestellten haben ein Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 4.180 Schilling.

Bei Alleinerhaltern ist die Situation naturgemäß noch schwieriger.

Die Doppelverdiener liegen vergleichsweise nur zu einem unwesentlich geringeren Prozentsatz mit ihrem Einkommen unter 4.180 Schilling.

Trotzdem zeigt sich, daß etwa bei drei oder mehr Kindern jede siebente Arbeiterfamilie, trotz eines Zusatzeinkommens durch den Ehepartner, unter jene Grenze fällt, die heute als „Armutsschwelle“ gilt: der Richtsatz für Ausgleichszulagen für eine einzelne Person im*Jahre 1985 mit exakt 4.514 Schilling.

Daß auch die Situation der Pensionisten wenig Anlaß zu sozialpolitischer Selbstzufriedenheit gibt, zeigt die Tabelle „Wovon Pensionisten leben“.

Fast jeder fünfte Pensionist mußte 1985 von einer Pension, die unter dem oben erwähnten Existenzminimum lag, leben. In Zahlen: 278.400 Rentner oder 17,5 Prozent bezogen eine Ausgleichszulage.

Die ganz normale Armut ist also unter uns. Solche Zahlen beweisen: Hier geht es längst nicht mehr um die Probleme von einigen wenigen, sondern um die Existenzfragen von Gruppen, für die sich keine Lobby stark macht.

Die Frage nach einer gerechteren Einkommensstruktur wird sicherlich in nächster Zeit ein Dauerbrenner in der wirtschafts-und sozialpolitischen Diskussion. Sie wäre eine lohnende Herausforderung für die Sozialpartner. Denn die sind hier einiges schuldig geblieben.

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