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Verstaubte Thesen zum Werden des Staatsvertrags

In einem kürzlich erschienenen Sammelband sind vier Kolloquien zum Thema österreichisch-sowjetische Beziehungen zusammengefaßt. Im ersten Abschnitt gehen verschiedene Autoren auf diese Beziehungen zwischen 1917 und 1938 ein, ein dritter Abschnitt beschäftigt sich mit kulturellen Themen. Im folgenden soll näher auf den zweiten Abschnitt eingegangen werden, der die Ereignisse von 1938 bis 1955 behandelt.

Der sowjetische Historiker Oleg Rscheschewski schildert in seinem Beitrag, wie „konsequent” sich die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges als einzige Großmacht für das österreichische Volk eingesetzt hätte. Es sei Stalin gewesen, der schon 1938 den Anschluß international angeklagt und sich dann im Verlauf des Krieges im Gegensatz zu den Engländern und Amerikanern für Österreichs Unabhängigkeit großgemacht hätte.

Am Ende des Krieges sei es dann die Rote Armee gewesen, die auf den Schlachtfeldern die Hauptarbeit zur Befreiung Österreichs und überhaupt zur Befreiung Europas von Hitler geleistet hätte. Den Hitler-Stalin-Pakt, die Tatsache, daß die Briten Nazideutschland eine Zeitlang allein auf weiter Flur als Gegner gegenüberstanden, die Kriegsanstrengungen der westlichen Allüerten und die amerikanische „Lend-Lease-Hilfe” an die UdSSR kehrt der Autor nach bester Manier sowjetischer Historiker ganz einfach unter den Teppich.

Es kann denn auch nicht überraschen, wenn sein Kollege Abdulchan Achtamsjan den Kalten Krieg und die Verzögerungen beim Abschluß des österreichischen Staatsvertrages einzig und allein den „kapitalistischen Westmächten” in die Schuhe schiebt. '

Verwunderlich ist dabei allerdings die Logik: „Die Regelung mit Österreich erwies sich als ein kompliziertes Problem, vielleicht weil es als ein ziemlich kleines Land von mehreren Mächten besetzt war.” Kompliziert, ja. Aber die bescheidene Größe und Macht des Landes - etwa im Vergleich zu Deutschland - trug am Ende doch eher zum positiven Ausgang des österreichischen Dramas bei.

Nun ist es von sowjetischen Historikern ja bekannt, daß sie beim Herangehen an die Probleme ein „ideologisches Handicap” aufweisen und nicht aus derselben Quellenfülle schöpfen können wie ihre westlichen Kollegen.

Viel bedenklicher an diesem Band zu einem für die österreichische Zeitgeschichteforschung so wichtigen Thema ist indessen, wenn auch die österreichischen Beiträge alles andere als ausgewogen sind.

Die Ausführungen des Salzburger Historikers Hanns Haas sind reichhaltig dokumentiert, wobei er hauptsächlich aus den amerikanischen „Foreign-Relations”-Dokumenten schöpft, die in musterhaften Bänden veröffentlicht und der internationalen Forschung zugänglich gemacht worden sind.

Haas argumentiert, daß die amerikanische Wirtschaftspolitik nach 1945 die Hauptschuld an der Entfachung des Kalten Krieges trage. Mit der Westintegrierung der drei westlichen Zonen Deutschlands und der militärischen Blockbildung hin zur NATO hätten die USA den Ost-West-Konflikt noch zusätzlich angeheizt.

In einer solchen Interpretation spielen konsequenterweise die Machtübernahme der KP in der Tschechoslowakei und die Berliner Blockade von 1948 eine untergeordnete Rolle. Indessen: Dies ist eine altbekannte und breits verstaubte Auslegung, die amerikanische revisionistische Historiker breits in den sechziger Jahren verbreiteten. Der neuesten Literatur nach zu schließen, muß diese Interpretation in so ziemlich allen Punkten als überholt betrachtet werden.

Haas behauptet weiter — im Einklang mit seinem sowjetischen Kollegen Achtamsjan: Im Falle Österreichs seien es die westlichen Alliierten gewesen, die die Zusammenarbeit zur Erreichung des Staatsyertrages zehn Jahre lang blockiert'hätten.

Haas wörtlich: „Die größten Schwierigkeiten bereiteten eine Lösung des Problemkreises Deutsches Eigentum und die jugoslawischen Gebietsforderungen an Österreich.” Stimmt. Daß es aber anfänglich vor allem die sowjetische Besatzungsmacht war, die in diesem Zusammenhang Schwierigkeiten machte, mußte in diesem Kolloquium offensichtlich unerwähnt bleiben.

Sehr wohl aber erhält die Sowjetunion in dieser Auslegung Kredit dafür, daß sie 1948 in der jugoslawischen Frage flexibel geworden sei. Der Grund dafür bleibt wiederum unerwähnt: Mittlerweile war Titos Bruch mit Stalin erfolgt.

Daß die USA schon 1946 den Abschluß eines Staatsvertrages vorgeschlagen hatten, findet Haas ebenso Übergehenswert.

Gewiß hat er recht: Das Problem Österreich 1945-1955 ist in Zusammenhang mit dem Ost-West-Konflikt zu sehen. Dem Westen aber die alleinige Schuld an den langen Verhandlungen bis zum Abschluß des Staatsvertrages in die Schuhe zu schieben, ist historisch unrichtig und eine allzu einseitige Sicht der Dinge,

Genauso einseitig ist es, den Beitrag der Roten Armee zur Befreiung Österreichs zwar dick herauszustreichen, die Ausschreitungen und Eskapaden der sowjetischen Truppen während ihrer zehnjährigen Besatzungszeit aber unter den Tisch fallen zu lassen, ebenso wie die radikale Ausbeutung der österreichischen Industrie durch die USIA-Betriebe in der sowjetischen Besatzungszone.

All diese Fakten kann man freilich in den grundlegenden Werken von Gerald Stourzh, Man-fried Rauchensteiner und Erika Weinzierl/Kurt Skalnik genau nachlesen.

OSTERREICH UND DIE SOWJETUNION 1918—1955. Beiträge zur Geschichte der österreichisch-sowjetischen Beziehungen. Hrsg. von der Historiker-Sektion der österreichisch-sowjetischen Gesellschaft, Wien 1984. Pbck., öS 100,-.

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