7051181-1991_01_10.jpg
Digital In Arbeit

Verteidigung der West-Werte

Im historischen Rückblick und aus der Distanz von 50 Jahren ist die dramatische Wende in der Weltpolitik an der Jahreswende 1940/ 41 klar auszumachen. Die Amerikaner wurden ganz im stillen westliche Führungsmacht. Und das nur mit Widerwillen. Denn nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges wollte man nicht in einen neuen europäischen Krieg verstrickt werden.

Die gemeinsamen ideellen Grundlagen liberaler Demokratie, ausgedrückt in Präsident Roose-velts idealistischem Programm der

„Vier Freiheiten" (siehe Seite 9), schweißten die anglo-amerikani-schen Mächte gegen die Herausforderungen der faschistischen Diktatoren und Aggressoren Hitler und Mussolini zusammen.

Das Überleben Großbritanniens samt seinem Weltreich konnte nur mehr mit amerikanischer Hilfe gewährleistet werden. Die neue britische Regierung Winston Churchills, die im Herbst 1940 im Kampf gegen Hitler ganz allein stand und versprach, jeden Fußbreit englischen Bodens zu verteidigen, war gegen Ende des Jahres dem finanziellen Bankrott sehr nahe. Nur mehr die gewaltigen industriellen und finanziellen Ressourcen der Amerikaner, die infolge der großen Depression der dreißiger Jahre zum Teil noch brach lagen, konnten die Briten in ihrem verzweifelten und einsamen Kampf gegen Hitlers Kriegsmaschine am Leben erhalten.

Wie kam es dazu? Im Frühjahr 1940 startete Hitler seine erfolgreichen Offensiven gegen Dänemark und Norwegen; die Niederlande, Belgien und Luxemburg wurden besetzt; im Mai/Juni brach die französische Verteidigung unter den Schlägen von Hitlers Panzerkräften wie ein Kartenhaus zusammen. Die Briten retteten nur mit viel Glück die 350.000 Mann ihres „Expeditionskorps", das man den Franzosen wie schon im Ersten Weltkrieg zu Hilfe geschickt hatte, aus Dünkirchen. Im Sommer 1940 kontrollierten Hitlers Armeen Europa von den Pyrenäen zu den Pri-pjet Sümpfen, von Narvik am arktischen Kreis bis zu den Küsten des Mittelmeers. Nach den brillanten Erfolgen seiner Blitzkriegstrategie bereitete sich Hitler auf die Invasion Englands vor.

Im Sommer 1940 sollte Görings Luftwaffe durch Ausschalten der „Royal Air Force" die Invasion Englands vorbereiten. Die Engländer, nicht zuletzt wegen ihrer technisch weiterentwickelten Radaranlagen, wehrten den Angriff der überlegenen deutschen Luftwaffe nur mit großer Mühe ab. Bereits Mitte August hatte Hitler eine „totale Blockade" der britischen Inseln verhängt. Das Aushungern der Bevölkerung sollte die Engländer zur Räson bringen. Von Anfang Juni bis Ende November 1940 versenkten die deutschen U-Boote 569 Schiffe der alliierten und neutralen Mächte; das waren beinahe 2,5 Millionen Tonnen Schiffsraum. Die deutschen U-Boote versenkten zwei- bis viermal so viele Schiffe wie die englischen Werften bauen konnten.

Ohne amerikanische Hilfe konnten die Briten einen so gewaltigen Ausfall an Schiffskapazität nicht lange verkraften. Nach seinem

Regierungsantritt ersuchte Churchills erstes Telegramm vom 15. Mai den amerikanischen Präsidenten, den Briten 50 alte Zerstörer aus der „Mottenkiste" zu leihen. Diese sollten als Begleitschiffe für die trans-. atlantischen Versorgungskonvois die Angriffe der deutschen U-Boote „Wolfsrudel" abwehren.

Im August gab Roosevelt den Briten die alten Schiffe im Austausch für sieben Militärbasen im Nordatlantik und in der Karibik. Die amerikanischen Schiffe konnten nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein, hatten aber großen symbolischen Wert. Roosevelt ließ zum ersten Mal andeuten, daß er trotz der isolationistischen öffentlichen Meinung in den USA bereit war, den kriegführenden Briten US-Hilfe zukommen zu lassen.

Roosevelts Hände waren durch die „Neutralitätsgesetze" aus den dreißiger Jahren gebunden. Diese Gesetze verboten der amerikanischen Regierung und Privatfirmen, Waffen und Munition - ja selbst Kredite - an kriegführende Mächte zu liefern; die Briten aber waren eine solche „belligerent power". 1935 fanden die Isolationisten im Kongreß nämlich heraus, daß amerikanische „kapitalistische Kriegstreiber" im Ersten Weltkrieg den kriegführenden Westmächten, schon lange vor dem amerikanischen Kriegseintritt, Kriegsmaterial lieferten und Kredite gaben. Nach dieser Theorie hatten die großen „Kapitalisten" wie Dupont und Morgan die USA in den Krieg hineingezogen, um ihre Investitionen zu sichern. Die hinterwäldlerischen Isolationisten vom Mittelwesten wollten ein solches Vorgehen mit ihren Neutralitätsgesetzen in der Zukunft verhindert sehen.

Roosevelt fand sich also im Herbst 1940 in einer äußerst schwierigen politischen Lage. Er mußte sehr vorsichtig vorgehen, wollte er die Briten mit Kriegsmaterial und Krediten versorgen, gleichzeitig aber die isolationistisch eingestellte amerikanische Öffentlichkeit nicht verschrecken. Im Herbst 1940 stellte sich Roosevelt - der schon seit 1933 im Weißen Haus war -überdies zur Wiederwahl und wurde der erste (und letzte) amerikanische Präsident, der mehr als acht Jahre diente.

Seit 1939 umging man die Neutralitätsgesetze damit, den Briten Kriegsmaterial gegen Direktbezahlung zu verkaufen („Cash and Carry"). Ende 1940 waren aber die Reserven des britischen Schatzamtes beinahe aufgebraucht. Die gewaltigen Bestellungen an Schiffen, Flugzeugen und anderem Kriegsgerät für das Jahr 1941 würde man nicht mehr bezahlen können. Amerikanische Kredite waren die einzige Lösung.

Am 7. Dezember 1940 schrieb Churchill einen Brief an Roosevelt, von dem er später sagte, es sei „einer der wichtigsten, den ich j e geschrieben habe". Er flehte die Amerikaner nicht nur um größere Mengen an absolut notwendigen Kriegsmaterialien an, sondern machte Washington auch auf die leeren Kassen in London aufmerksam („Umso mehr Schiffe und Munition geschickt wird, umso schneller werden unsere finanziellen Reserven aufgebraucht sein"). Zudem ließ er die Amerikaner wissen, daß im Jahre 1941 die Gefahr nicht länger in einer Invasion Englands bestand, sondern in der drastischen Verminderung der Schiffstonnage infolge der U-Boot-Angriff e, die das Überleben der britischen Bevölkerung

in Frage stellten. Die Briten konnten die westliche Demokratie nicht länger alleine verteidigen.

Roosevelt reagierte schnell, ging aber immer noch sehr vorsichtig vor. Am 17. Dezember begann er die amerikanische Öffentlichkeit auf seine neue Politik einer Unterstützung der Briten einzustimmen. Er meinte in seiner Pressekonferenz: „Die beste Verteidigung der Vereinigten Staaten besteht im britischen Erfolg, sich selbst zu verteidigen." Selbst vom eigennützigen Standpunkt der Sicherheit Amerikas aus gesehen mußte man jede Anstrengung auf sich nehmen, den Briten zu helfen. Roosevelt brachte die amerikanische Öffentlichkeit mit einem anschaulichen Bild auf seine Seite: brennt das Haus des Nachbarn, so leiht man ihm den Gartenschlauch, um das Feuer zu löschen!

Roosevelt schlug vor, den Briten Munition und Kriegsmaterialien zu leihen und zu verpachten („Lend-Lease"-Politik). Die Briten könnten es am Ende des Krieges dann wieder zurückerstatten. Auf die Frage eines erfahrenen Zeitungsmannes, ob denn eine solche „Leih-und Pachtpolitik" die Gefahr einer amerikanischen Verwicklung in den Krieg nicht erhöhe, wehrte der schlaue Roosevelt ab: „Nein, natürlich nicht." Da hatte schon eher der isolationistische Senator Taft der Republikaner recht, wenn er meinte: „Mit dem Verleihen von Kriegsmaterial T/erhält es sich so wie mit dem Leihen von Kaugummi -man will ihn nicht mehr zurückhaben."

Roosevelts politische Kunst bestand also darin, die Wende zur „Lend-

Lease"-Politik - die die USA im Laufe eines Jahres tatsächlich in den Krieg ziehen sollte - der amerikanischen Öffentlichkeit schmackhaft machen. Dazu mußte man die Kriegsvorbereitungen unter positive und traditionelle idealistische Vorzeichen stellen, denn die Amerikaner zogen ungern in den Krieg, um etwa das britische Weltreich zu retten. Ende Dezember verkündete Roosevelt der Welt, daß er die USA zum „Arsenal der Demokratie" machen wolle.

Am 6. Jänner 1941 nützte Roosevelt die Gelegenheit, in der alljährlichen Rede „Zur Lage der Nation" beide Häuser des Kongresses über seine neue Politik aufzuklären. Der neugewählte Präsident warnte, ein faschistischer Sieg würde für die USA schlimmste Gefahren bedeuten. Selbst wenn die Briten nicht bezahlen konnten, mußte man sie mit amerikanischen Ressourcen bedingungslos versorgen, wolle man den demokratischen Prinzipien, die dem amerikanischen politischen System zu Grunde liegen, auf Dauer zum Siege verhelfen.

Um nun die Vorstellung zu zerstreuen, er wolle nur das britische Empire retten, mußte der Präsident ganz klar herausstellen, daß es ums Uberleben der demokratischen Lebensform ging. In einer zukünftigen Welt, die sich in Sicherheit wiegen wolle, müssen vier grundsätzliche menschliche Freiheiten

bewahrt werden, betonte Roosevelt, nämlich die Rede- und Religionsfreiheit, sowie frei zu sein von Not und Furcht. „Das ist nicht die Vision für ein fernes Millennium", fügte er hinzu, „sondern die definitive Basis einer Welt, die in unserer Generation und unserer Zeit machbar ist". Das war ein „New Deal" für die Welt!

Solch positive Ziele gingen jedem Menschen unter die Haut. Nach einem Jahr bitterer Niederlagen gegen die kontinentaleuropäischen Diktatoren erhöhten die hehren Ziele der „vier Freiheiten" die Moral in der demokratischen Welt. Der Roosevelt-Biograph Frank Friedel meint, daß sie „die ideologische Rechtfertigung" der „Lend-Lease" Gesetzesvorlage waren, die gerade im Kongreß debattiert und am 6. März Gesetz wurde.

Die amerikanische Bevölkerung hegte immer noch die Illusion, die USA könnten sich aus dem europäischen Krieg heraushalten. Roosevelt hingegen war es schon seit einiger Zeit klar geworden, die Sicherheit des Landes könne nur darauf ruhen, sich auf den Krieg vorzubereiten. Eine massive wirtschaftliche Unterstützung der Briten gab den Amerikanern mehr Zeit für solche Kriegsvorbereitungen.

Die „Vier Freiheiten" sind nicht zuletzt ein wichtiges Glied in einer langen Tradition idealistischer Ziele in der amerikanischen Außenpolitik, die vor einer direkten Einmischung in die korrupte und zerstrittene europäische Politik immer zurückscheute. Die Amerikaner wollten nur für die Aufrechterhaltung der Demokratie in der Welt in den Krieg ziehen.

Der Bogen spannt sich von der „Abschiedsrede" des ersten amerikanischen Präsidenten Washington (1797), zu Wilsons 14-Punkten (1918), hin zur „Atlantik-Charta" (1941), die die „vier Freiheiten" zu offiziellen amerikanischen Kriegszielen machte. Zur Verteidigung dieser vier menschlichen Grundrechte wurden unter anderem am Ende des mörderischen Zweiten Weltkriegs auch die „Vereinten Nationen" (UNO) ins Leben gerufen.

In der heutigen Zeit, am Ende des Kalten Krieges, wo Gefahren des wirtschaftlichen Zusammenbruches in Osteuropa lauern, sowie Diktatoren und Aggressoren in der Dritten Welt das Zusammenleben der Völker unsicher machen, haben die „Vier Freiheiten" kaum ihre universelle Gültigkeit verloren. Im Gegenteil, denkt man an die von Waffen strotzende Welt, so könnte die „Freiheit von Furcht" zur Grundlage eines weltweiten Abrü-stungsprogrammes gemacht werden.

Das wäre nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch bei den zwei kränkelnden „Supermächten" für Millionen Menschen die Rettung vor „Not und Mangel". Nach dem Ende des Kalten Krieges braucht die heutige Welt mehr denn je ein „New Deal" im Sinne der „Vier Freiheiten"!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau