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Via Wien nach Ost und West

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Vor kurzem hat die Psychologin und promovierte Soziologin Katja Boh ihr Beglaubigungsschreiben als neue slowenische Botschafterin in Österreich Bundespräsident Kurt Waldheim vorgelegt. • Ruft man in ihrem Büro in der Riemergasse in Wien I an, wird man unter den Klängen des US-Traditionais „Home on the ränge" weiterverbunden. Zu einem Gespräch mit der FURCHE war sie sofort bereit.

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Vor kurzem hat die Psychologin und promovierte Soziologin Katja Boh ihr Beglaubigungsschreiben als neue slowenische Botschafterin in Österreich Bundespräsident Kurt Waldheim vorgelegt. • Ruft man in ihrem Büro in der Riemergasse in Wien I an, wird man unter den Klängen des US-Traditionais „Home on the ränge" weiterverbunden. Zu einem Gespräch mit der FURCHE war sie sofort bereit.

FURCHE: Das Regierungsbündnis in Slowenien ist zerfallen, kommen bald Wahlen?

KATJA BOH: Wir wünschen, daß , die nächsten Wahlen so schnell wie möglich stattfinden. Das würde die ganze Situation lösen. Wir hoffen, daß sich die verschiedenen Parteien über das Wahlgesetz einigen und die Wahlen möglicherweise schon vor dem Sommer stattfinden können; wenn nicht vor dem Sommer, dann sofort nach dem Sommer. Die Parteien verhandeln wieder miteinander.'

FURCHE: Wie beurteilen Sie die Situation von Ministerpräsident Pe-terle?

BOH: Naja, ich glaube, so etwas kann in jeder parlamentarischen Krise vorkommen. Bei uns ist das nicht überraschend, weil wir lernen erst Demokratie. Vor zwei Jahren, als wir die Regierung übernommen haben, war alles ineinem Durcheinander und jetzt hat sich die Situation noch nicht ganz beruhigt. Die nächsten Wahlen werden eine definitive Antwort auf diese Frage geben.

FURCHE: Vieles hängt auch von wirtschaftlichen Lösungen, Investitionen aus dem Ausland ab.

BOH: Ganz bestimmt hängt das mit der wirtschaftlichen Lage zusammen, weil durch den Krieg und die Verhältnisse in Jugoslawien haben sich auch die Verhältnisse in Slowenien wesentlich verschlechtert. Die Leute sind unzufrieden, der Lebensstandard ist gesunken, obwohl es nicht so katastrophal ist - nicht so.wie man es von der Sowjetunion erzählt. Trotzdem, die Leute fühlen sich nicht mehr so sicher, die Arbeitslosigkeit steigt. Für unsere Leute ist das neu. Bis jetzt hatten sie immer ihren sicheren Arbeitsplatz. Die Leute sind enttäuscht, weil sie geglaubt haben, die Entwicklung wird sich sehr viel schneller vor sich gehen. Durch die Ereignisse, die wir voriges Jahr erlebt haben, wurde diese ganze Entwicklung gestoppt. Seit wir anerkannt sind, hoffen wir, leichter zu fremdem Kapital zu kommen. Es gibt schon Anzeichen, daß das eintritt.

FURCHE: Wird Slowenien Mazedonien und Bosnien-Herzegowina anerkennen?

BOH: Es ist schade, daß seinerzeit niemand auf uns hören wollte. Als wir nach den ersten demokratischen Wahlen die Regierung übernommen haben, hat die slowenische Regierung und das slowenische Parlament zusammen einen Brief an alle jugoslawischen Republiken geschrieben und ihnen einen konföderativen Vertrag angeboten. Damals wollte niemand davon hören. Außer den Kroaten hat niemand reagiert. Auch das Ausland war anscheinend nicht daran interessiert. Niemand glaubte uns, daß das notwendig sei, daß die Lage reif war für eine Änderung. Wenn es damals mehr Verständnis dafür gegeben hätte, hätten wir uns den Krieg vielleicht ersparen können.- Jetzt sind wir soweit, daß das Land am Zerfal-. len ist. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß alle Republiken das Recht haben, sich selbstständig zu machen. Wir haben Kroatien anerkannt. Ich glaube, wir werden auch Mazedonien sehr bald anerkennen, es werden schon Gespräche geführt.

Wenn sich die politische Lage einmal beruhigt, natürlich wenn der Krieg beendet ist, werden wir bald wieder mit anderen Republiken Beziehungen anknüpfen. Ich glaube, daß es zwischen den ehemaligen jugoslawischen Republiken wahrscheinlich eine sehr enge, lebendige Kooperation geben wird - besonders auf wirtschaftlichem Gebiet. Natürlich kann man nicht mehr erwarten, daß sich diese Länder zu einem konföderativen Staat zusammenschließen.

FURCHE: Das Atomkraftwerk Krsko ist ein wichtiges Problem. Es soll Verhandlungen mit Kroatien geben, das Atomkraftwerk weiter zu betreiben im Gegenzug zum Zugang zum Meer.

BOH: Das sind zwei Probleme. Erstens, mit Kroatien werden diesbezügliche Gespräche bereits geführt. Zweitens sind da die finanziellen Probleme. Die ganze Technologie kostet sehr viel Geld. In dem Sinne haben wir noch Schulden. Wir müssen das Kraftwerk noch abzahlen. Außerdem müssen wir diese Energie kompensieren. Die Kraftwerke an der Save sollen teilweise Kompensation für Kräko sein. Ich bin überzeugt, die slowenische Bevölkerung möchte dieses Kraftwerk geschlossen sehen. Natürlich müssen wir vorsichtig vorgehen.

FURCHE: Ist Laibach das neue Zentrum auch der Kärntner Slowenen? Hat Slowenien eine moralische Helferrolle ähnlich wie Österreich für Südtirol?

BOH: Beziehungen zwischen den Kärntner Slowenen und Slowenien bestanden immer. Diese waren nicht schlecht, obwohl sich Jugoslawien, vielleicht auch Slowenien, zuwenig um die Minderheiten im Ausland gekümmert hat. Diese Beziehungen haben sich sehr verstärkt und ich kann mir vorstellen, daß die Kärntner Slowenen schon eine bestimmte Beziehung zu Ljubljana haben; aber sie sind doch Österreicher, sie leben in Österreich. Das ist so ein doppeltes Gefühl. Man ist Österreicher, aber doch Slowene und man denkt slowenisch, man fühlt slowenisch. Jedenfalls werden die Minderheiten von unserer Seite jede Unterstützung und jeden Schutz bekommen.

FURCHE:BestehtdieGefahreines Nationalismus?

BOH: Nein, ich glaube nicht. In einer solchen Situation, in der wir uns im vorigen Jahr befanden, als wir angegriffen wurden und uns gegen einen Feind wehren mußten, entwik-keln sich natürlich diese Nationalgefühle stärker. Die Slowenen waren nie große Chauvinisten.

Ich glaube, wir sind sehr realistisch. Wir haben keine territorialen Ansprüche. Wir wissen, daß wie in Italien in Österreich eine große slowenische Minderheit lebt. Wir zählen auf diese Minderheiten, so wie diese Minderheiten auf uns zählen können. Wir haben sehr oft von einem gemeinsamen kulturellen Raum der Slowenen gesprochen; das ist es eigentlich, was wir uns wünschen.

FURCHE: Wie weit möchte Slowe* nien seine Armee aufbauen? Braucht Slowenien eine eigene Luftwaffe oder reichen rein defensive Waffen wie Panzerabwehr und Flugabwehr?

BOH: Wir brauchen nur Defensivwaffen. Als der Krieg in Kroatien weiterging und wir mit der Möglichkeit lebtep, daß wir noch einmal angegriffen werden, haben wir nur Abwehrraketen angeschafft. Wir wollen auch nur eine sehr kleine Armee haben. Im Moment können wir leider ohne diese nicht auskommen.

Die Grenzen zu Kroatien sind sehr offen, man kontrolliert sehr wenig. Ich bin überzeugt, wenn sich die Situation vollkommen beruhigt, wenn einmal keine Waffen mehr geschmuggelt werden, wird das eine vollkommen offene Grenze werden.

FURCHE: Wie sehen Sk Ihre Aufgaben als Botschafierin in Osterreich ?

BOH: Ich stelle mir vor, daß die slowenische Botschaft in Wien sehr viel zu tun haben wird, weil Wien doch die nächste europäische Stadt ist, mit der Slowenien traditionell sehr enge Beziehungen hat. Sehr viele Aktivitäten laufen über Wien nach Ljubljana. Ich höre, daß viele Länder von ihren Botschaften in Wien aus Ljubljana auch mitbetreuen wollen. Außerdem ist auch der Druck von unten, besonders im Wirtschaftsbereich, sehr stark. Die Wirtschaft möchte expandieren. Sie sieht große Möglichkeiten, mit Österreichern zusammen etwas aufzubauen, und möchte von Wien aus in den Westen, aber auch in den Osten exportieren. Es bestehen schon Ausbaupläne für die Verkehrsinfrastruktur, neue Straßen und Autobahnen. Die Wirtschaft muß Priorität haben.

Mit der neuen slowenischen Botschafterin in Wien, Katja Boh, sprach Martin Mair.

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