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Viel Improvisation, wenig Nachdenken

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Keine Region in der Welt läßt das sozialistische Frankreich gleichgültig. Präsident und Außenminister schlagen mit der Zahl ihrer Auslandsreisen sämtliche Rekorde.

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Keine Region in der Welt läßt das sozialistische Frankreich gleichgültig. Präsident und Außenminister schlagen mit der Zahl ihrer Auslandsreisen sämtliche Rekorde.

Es ist allerdings nicht sicher, daß der französische Einfluß den zurückgelegten Flugkilometern entspricht. Das Ziel ist klar und entspricht übrigens einer langen Tradition: Frankreich ein ausreichendes weltpolitisches Prestige zu sichern.

Um dies zu erreichen, nimmt Paris zu allen Problemen der fünf Kontinente Stellung und läßt immer wieder seine Bereitschaft

durchblicken, in der einen oder anderen Form eine Mittlerrolle zu übernehmen. Nur neigt der Beobachter dazu, an die Fabel vom Frosch und dem Ochsen zu denken, da das Geltungsbedürfnis weit über das Potential hinausgeht.

Das jüngste, realpolitisch gesehen vielleicht absurdeste Beispiel liefert Nordkorea. Auf besonderen Wunsch des Staatspräsidenten gelangte der Außenminister plötzlich zu der Erkenntnis, daß es für den Weltfrieden schädlich ist, wenn dieser kommunistische Staat eines geteilten Landes vom Westen diplomatisch ignoriert und in die Isolierung hineingetrieben wird.

Nach einem jüngsten Besuch in Peking und in Südkorea will nunmehr der französische Außenmi-

nister sein diplomatisches Gewicht in die Waagschale werfen, damit einige Oststaaten Südkorea anerkennen und so für den Westen der Weg frei wird, freundschaftliche Verbindung mit einem der widerlichsten Regime der kommunistischen Welt aufzunehmen.

Es ist schwer ersichtlich, weshalb sich Frankreich diplomatisch zugunsten eines Landes die Finger verbrennen will, das ihm politisch und wirtschaftlich kaum etwas zu bieten hat. Man vermutet, daß Mitterrand besondere Sympathien für sozialistische Regime mehr oder weniger kommunistischer Prägung besitzt, die den Eindruck erwecken, eigene nationale Lösungen anzustreben und außerdem gegenüber den beiden kommunistischen Großmächten Distanz wahren.

Umworben wird deswegen auch Kuba, obwohl es eindeutig an Moskau gebunden ist. Aber Paris hegt die Hoffnung, Kuba dank seines lateinischen Wesens von der Sowjetunion lösen zu können.

Daneben läßt sich das sozialistische Frankreich in Mittelamerika als Erbwalter der großen Revolution des Jahres 1789 von einer Missionsidee leiten. Ohne besondere Rücksicht auf das. internationale Gleichgewicht und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten fühlt es sich zur Unterstützung der revolutionären Freiheitskämpfer verpflichtet. Un-

längst wurde etwa der Staatschef Nikaraguas in Paris mit allen Ehren empfangen.

Dieses Spiel in Lateinamerika bringt jedoch Frankreich überhaupt nichts ein. Mexiko wünscht eine europäische Einmischung ebenso wenig wie sein großer amerikanischer Nachbar. Das französische Außenministerium muß und will außerdem auf Washington Rücksicht nehmen. Es ist kein Zufall, daß dieser Tage der französische Botschafter in Honduras wohl recht offiziell erklärte, Frankreich werde Nikaragua keine Waffen mehr liefern.

Die nach einigem Zögern schließlich wieder eindeutig proarabische französische Nahostpolitik führte ferner zu einer schweren Krise mit Israel. Man muß allerdings zugeben, daß es Mitterrand gegenüber dem Judenstaat an freundschaftlichen Gefühlen und gutem Willen nicht mangeln ließ, während sich Begin ihm gegenüber mit einer in keiner Weise berechtigten Rücksichtslosigkeit verhielt.

Dessen ungeachtet überschätzte Frankreich ganz erheblich seine Möglichkeiten. Sein immer noch tüchtiger diplomatischer Apparat sah deswegen in den letzten Wochen seine wichtigste Aufgabe darin, den Vereinigten Staaten einige von Washington verkannte Gegebenheiten in Nahost verständlich zu machen, d.h. sie insbesondere auf die Realität der

Palästinenser und ihrer politischen Vertretung hinzuweisen.

In Afrika hatte das Sozialistische Frankreich ebenfalls keine glückliche Hand. Sein Entwicklungsminister zeigte wiederholt zu großes Interesse für die revolutionären Kräfte des schwarzen Erdteils.

Gewiß, es mangelte in jüngster Zeit nicht an deutlichen Kurskorrekturen seitens des Außenministeriums und des Sonderberaters des Staatspräsidenten für Afrika. Aber die gemäßigten Kräfte sind doch etwas mißtrauisch geworden und scheinen neuerdings die Bemühungen der amerikanischen Diplomatie recht wohlwollend aufzunehmen.

Während noch vor zwei Jahren unter der Präsidentschaft Gis-card d'Estaings Frankreich in enger Konsultation mit Washington in einem guten Teil Afrikas die westlichen Interessen vertrat, beginnt Paris jetzt zu befürchten, teilweise durch die sehr aktiv gewordene amerikanische Diplomatie verdrängt zu werden.

Zu häufig beobachten Mitterrand und einige seiner Minister die Realitäten durch die ideologische Brille. Es erfolgt ferner nicht selten eine Unterschätzung der internationalen Zwänge. Zum Leidwesen 1 des Außenministeriums wird vor allem an höchster Stelle zu viel improvisiert und zu wenig nachgedacht.

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