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Viele Probleme, große Ressourcen

ADOLF CZETTEL, Abgeordneter zum Nationalrat, Präsident der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien und des österreichischen Arbeiterkammertages:

Der wichtigste Beitrag wäre, daß Wien seine industrielle und gewerbliche Substanz erhält, denn sie haben überproportional zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Dazu ist es notwendig, daß natürlich die im Budget der Stadt Wien vorgesehenen Investitionsmittel und Wirtschaftsförde-rungsmittel nicht geringer werden, sondern in der Proportion ungefähr gleich bleiben.

Generaldirektor der Osterreichischen Elektrizitätswirtschafts-AG:

Gerade in Wien ist sehr viel zu verspielen, was das hochqualifizierte Handwerk anbelangt. Nun könnte man sagen, ausgerechnet Sie als Sozialist sagen das, aber ich habe schon vor acht Jahren das geäußert und inzwischen hat es auch im SPÖ-Parteiprogramm Eingang gefunden, daß man das Handwerk wiederentdeckt. Es kann nicht eine Uberfrachtung des Wiener Raumes mit Industriebetrieben geben. Mit General Motors ist irgendwo die Belastungsgrenze erreicht.

Das hieße aber, daß Wien sich stärker in die Richtung von Klein-und Mittelbetrieben nicht rück-, sondern fortentwickeln sollte. Ein Beispiel: Das Kunsttischlerhandwerk, wo ich fürchte, daß dieser Berufszweig ausstirbt, wenn nicht bald etwas geschieht.

Das hieße: Gezielte Förderung derartiger spezialisierter Betriebe, in denen ja ein unerhört wertvolles Know-how steckt. Zweiter Takt: Mittelbetriebe, die sich spezialisieren, insbesondere in die Richtung der Maschinenbauindustrie, denn die Wiener und die Grazer Technischen Hochschulen haben weltweit einen exzellenten Ruf. Es wäre ein Fehler, wenn man daraus nicht Kapital schlüge, sondern hochqualifizierte Ingenieure abwandern läßt.

Damit würde selbstverständlich auch die Basisindustrie eine Förderung erfahren, weil Edelstahl und auch der Kommerzstahl stärkeren Absatz finden könnten, denn unsere Exportquoten auf diesem Gebiet sind zu hoch.

Man sollte sich aber hüten, sich zu weit in Richtung auf eine Dienstleistungsstadt fortzuentwickeln. Nun zur Gebietskörperschaft. Sie ist natürlich mit Infrastrukturproblemen überlastet, wo Nachholbedarf besteht, was aber zu Lasten von Wirtschafts-f örderungsmaßnahmen, die sonst möglich wären, gehen muß. Hier sehe ich ein gewisses Problem.

ERHARD FÜRST, Beigeordneter Direktor des Instituts für Höhere Studien in Wien:

Meine erste Reaktion auf diese Frage ist, daß es sich um ein gesamtösterreichisches Problem handelt, und daß natürlich Wien, aber nicht nur Wien, prädestiniert ist, im wissenschaftlichen, im Innovationsbereich und so weiter als Universitätszentrum, als Zentrum, in dem sich viele Forschungsinstitute befinden, Entscheidendes zu leisten.

Strukturwandel bedeutet ja in erster Linie neue Verfahren, neue Technologien, Innovation in jeder Hinsicht. Das wird oder sollte jedenfalls auch stark von den Universitäten und den Forschungsinstituten geleistet werden, nicht nur von den Betrieben.

PROF. STEPHAN KOREN, Präsident der Osterreichischen Nationalbank:

Dazu kann ich nur sagen, daß Strukturwandel, Anpassung der Strukturen an moderne Bedingungen, an Veränderungen, die sich im Wirtschaftsgefüge zwangsläufig durch technischen Fortschritt ergeben, unterstützt und gefördert werden kann durch die Wirtschaftspolitik. Und das ist in der Regel nicht eine lokalpolitische, sondern eine gesamtwirt-schaftspolitische Aufgabe, das heißt, die gesamte Wirtschaftspolitik eines Landes muß eben Strukturänderungen fördern, begünstigen, darüber nachdenken, wie man den Modernisierungsgrad, den technischen Fortschrittsgrad verbessern kann.

HELMUT KRAMER.Leiter des österreichischen Institutes für Wirtschaftsforschung:

Der Strukturwandel, den man für die achtziger Jahre für Österreich voraussehen kann, bedeutet im wesentlichen, daß wir teilweise weggehen müssen von den traditionellen Grundstoffindustrien, hochwertige Fertigwaren produzieren müssen, insbesondere Investitionsgüter.

Das setzt eine Verstärkung der Industriekapazität im Bereich der ingeneering industries voraus, setzt aber auch voraus hochwertige Dienstleistungen innerhalb Wiens. Das ist die Funktion, die diese Stadt in erster Linie haben wird.

PROFESSOR HERBERT KREJCI, Generalsekretär der Vereinigung österreichischer Industrieller:

Ich glaube, die wichtigste Aufgabe ist es, daß Wien im Rahmen neuer Möglichkeiten Industriestadt bleibt und nicht ausschließlich Verwaltungsmetropole und Dienstleistungsstadt ist.

Dies würde auch der Tradition der Bundeshauptstadt entsprechen, die durch Jahrzehnte eine florierende Industrie beherbergt hat. Ich glaube ferner, daß es nützlich wäre, sich hier die großen geistigen Ressourcen zunutze zu machen, die die Hohen Schulen gerade auf dem Gebiet forschungsintensiver Industriezweige bieten.

HANS MAYR, Amtsführender Stadtrat für Finanzen und Wirtschaftspolitik:

Der Strukturwandel in der österreichischen Wirtschaft müßte in Richtung einer Verlagerung auf Finalprodukte mit hoher Wertschöpfung gehen. Mit der Ansiedlung von General Motors und anderer Industriebetriebe hat Wien auf diesem Gebiet schon einige Vorleistungen gebracht.

Eine weitere Maßnahme müßte die Einsparung von Primärenergie sein. Wien hat bereits ein eigenes Fernwärmenetz aufgebaut. 1981 konnten dadurch rund 280 Millionen Schilling an Energieimporten eingespart werden.

PETER SCHRAMKE, Generaldirektor der Osterreichischen Kommunalkredit AG:

Soweit mir das bekannt ist, ist die Struktur der Industrie in Wien durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Industrie- und Bekleidungs-, aber auch der Eisen- und Metallwarenindustrie mit relativ vielen Klein- und Mittelbetrieben und unzureichender Technologie gekennzeichnet. Man kann also von einer überalterten Industriestruktur im Wiener Raum sprechen.

Dadurch besteht eine Stagnation in der Entwicklung, die sich darin zeigt, daß der Index der Industrieproduktion in Wien seit 1971 die geringsten Wachstumsraten von allen Regional-Indices der Bundesländer aufweist.

Es sind daher Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils moderner, Wachstums- und innovations-orientierter Industriebetriebe mit hochentwickelten Technologien ein wichtiges Erfordernis, um den ökonomischen Stagnationserscheinungen im Wiener Raum entgegenzuwirken.

In Anbetracht der großen, zentralörtlichen Bedeutung Wiens sind von einer Stärkung der ökonomischen Struktur des Wiener Raumes vor allem auf dem Industriesektor bedeutende ökonomische Wachstumsimpulse für die gesamte Ostregion zu erwarten.

WALTER WOLFSBERGER, Generaldirektor der Siemens AG Osterreich:

Der beste Beitrag zum Strukturwandel, den Wien leisten kann, ist nicht ein Festhalten an bestehender Struktur und Stützung von Kapazitäten, die keine Zukunft mehr haben, sondern Unterstützung und Forderung sollten nur dort einsetzen, wo es darum geht, zukunftsträchtige, auch von der Marktseite chancenreiche Produktionen zu fördern.

Dies gilt für die gesamte Wirtschaft. Wenn man auf dem Standpunkt steht, daß alle Betriebe, wie sie sind, erhalten werden müssen und viel Geld in etwas hineinsteckt, was keine Zukunft hat, ist man nicht auf dem richtigen Weg.

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