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VIELE SORGEN, ABER KEINE LEBENSGEFAHR

1945 1960 1980 2000 2020

Da ist zunächst die eindrucksvolle Zahl von 46 Prozent Bewaldung in Österreich - Tendenz steigend. Jährlich kommen zu den rund 3,877.000 Hektar weitere 4.000 pro Jahr dazu. Es gibt also immer mehr Wald, aber in welchem Zustand?

1945 1960 1980 2000 2020

Da ist zunächst die eindrucksvolle Zahl von 46 Prozent Bewaldung in Österreich - Tendenz steigend. Jährlich kommen zu den rund 3,877.000 Hektar weitere 4.000 pro Jahr dazu. Es gibt also immer mehr Wald, aber in welchem Zustand?

Der Waldbericht 1991 faßtdiejüng-sten, erstmals sehr umfassenden Erhebungen zusammen: Auf534 gleichmäßig über das Bundesgebiet verteilten Beobachtungspunkten wurden die Beschaffenheit des Waldbodens, der Immissionen und der Zustand von Nadeln und Blättern erhoben.

Zieht man die Kronenverlichtung der Bäume als Maßstab für ihre Gesundheit heran, so scheint sich eine Besserung im Vergleich zu 1985 eingestellt zu haben. Dazu der Waldbericht: „Auffällig ist, daß die Verbesserungen im Bereich der schwachen Kronenverlichtungen deutlicher sind als im Bereich der mittleren und starken...” 6.500 Bäume sind es, die da regelmäßig beobachtet werden.

Waren also die Warnungen vordem Waldsterben nur Zeitungsenten? Manche Alarmmeldungen seien übertrieben gewesen, meinen die Fachleute, aber sie hätten auch einen realen Hintergrund gehabt. Die Öffentlichkeit stand im Banne des Geschehens, das sich zu Beginn der achtziger Jahre im Grenzgebiet zwischen Böhmen, Sachsen und Thüringen abgespielt hatte: Schwere Schwefeldioxid (S02)-Belastung durch Emissionen aus Kraftwerken und der Schwerindustrie hatten die Wälder enorm geschwächt.

Als es in der Silvesternacht 1978 auf 1979 zu einem Temperatursturz von 25 bis 30 Grad kam, haben das die kränkelnden Bäume des Erzgebirges und anderer Gebirge einfach nicht verkraftet. Es kam zum großen Waldsterben: „60.000 Hektar auf tschechischer und 8.000 Hektar auf deutscher Seite. Dort ist der Wald total abgestorben”, erklärt Professor Josef Pollanschütz (Seite 12).

Im übrigen Europa führten die ungünstigen Wetterbedingungen zu Beginn der achtziger Jahre zum Auftreten von Schadpilzen. Der Wald begann - selbst für den Laien erkennbare - Zeichen von Schwächung zu zeigen. Sorgen über die Zukunft des Waldes machten sich breit. Alarmmeldungen in den Medien sorgten auch für politische Reaktionen: Forschungsmittel zur Erfassung des Zustandes des Waldes wurden flüssig gemacht, in Österreich die „Forschungsinitiative gegen das Waldsterben” ins Leben gerufen.

Diese Bemühungen waren nicht zuletzt deswegen erfolgreich, weil sie erkennen ließen, daß die Situation des Waldes zwar nicht unproblematisch, aber auch keineswegs alarmierend ist. Das hatten die meisten Forstwirte übrigens schon vor fünf Jahren klargestellt (siehe FURCHE 50/1987, Dossier zum Waldsterben).

Der Wald steht unter Streß

Eines steht aber außer Zweifel: Der Wald steht unter Streß. Er leidet jedoch nicht nur unter jenen Belastungen, die ihm heute zuteil werden, sondern auch an den Folgen seiner bewegten Geschichte. „In der ersten Industrialisierungsphase hat man riesige Kahlschläge gemacht, um Holz als Energiequelle zu nutzen”, stellt Professor Gerhard Glatzel (Seite 10) fest. Bis in die Alpentäler sei man vorgedrungen. Um auf dem schwierigen Gelände an das Holz zu gelangen, mußten immer größere Schläge gemacht werden. „Riesige Gebiete wurden abgeholzt - in ähnlicher Form, wie es jetzt in den Tropen passiert. In gewaltigem Ausmaß wurden Urwälder zerstört.” (Glatzel) Holzkohle war ja der wichtigste Energieträger.

Systematisch aufgeforstet wurde damals nicht. Zum Teil wurde auf Schnee gesät, zum Teil wuchs der Wald wild nach, zum Teil blieben Lawinenstriche. Auf dem Hintergrund dieses Raubbaus ist auch die Erlassung des Forstgesetzes zu sehen. Damals wurde der Begriff Schutzwald eingeführt.

Der Einzug des ökonomischen Denkens in die Forstwirtschaft vor etwa 100 Jahren bescherte Österreich eine massive „Verfichtung”. Fichtenholz ist ja mit Abstand das wirtschaftlich interessanteste (Seite 11). Zwar ist die Fichte fraglos der in unseren Bergwäldern vorherrschende Baum. Aber daß es in Österreich derzeit auf 43 Prozent der Waldfläche reine Fichtenbestände. gibt (Anteil über 80 Prozent) entspricht keineswegs der ursprünglichen und zuträglichen Konstellation (Seite 12).

Belastend war auch die „landwirtschaftliche” Nutzung des Waldes: „Es hat Waldweide gegeben, das Laub aus den Wäldern wurde als Streu und als Düngemittel genutzt.” (Glatzel) Die Folge: Der Zustand der Böden ist auf vielen Flächen eher schlecht. „Viel Stickstoff wurde aus dem Wald getragen und zu Fleisch und Butter gemacht. Im Laufe der Jahre summieren sich solche Eingriffe. Die Aufforstung mit der schnellwüchsigen Fichte war schon früher nicht als optimale Lösung erkannt. Darum ist der Waldboden heute sehr empfindlich”, stellt Hofrat Walter Kilian fest. „Kommen dann auch - wie das heute geschieht -Schadstoffe dazu, wird die Sache gefährlich.” (Seite 11)

Man mag nun einwenden, daß es waldschädigende Luftverunreinigungen auch schon seit gut 150 Jahren gibt. „Aber früher waren diese immer nur kleinräumig wirksam”, (Pollanschütz). Auch Waldsterben habe es aufgrund lokaler Belastung in Österreich schon gegeben, etwa im Emissionsbereich der Bleihütte Arnoldstein. 1962/63 registrierte man dort eine Sterbezone von etlichen hundert

Hektar. Unmittelbar auslösend für dieses Absterben waren Fluorwasserstoff-Emissionen, die mit dem S02 eine tödliche Mixtur ergaben.

Bemerkenswert an diesen Beobachtungen ist, was sich seit dem Wegfall der Emissionen ab 1979 feststellen läßt: „Der Wald hat zwei Jahre darauf reagiert. Die eine oder andere Fichte hat sich wieder angesiedelt. Sobald die kritische Komponente wegfällt, tritt Erholung ein.” (Pollanschütz)

Daher fordern die Forstwirte unisono eine massive Reduktion der über die Luft eingetragenen Schadstoffe. Sie erzeugen im Wald einen sich vielfältig auswirkenden Dauerstreß, der in verschiedensten Formen zu Schädigungen führen kann. Auf eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung weisen die Experten einhellig hin: Heuer droht eine Borkenkäfer-Katastrophe. Die enormen Windwurfschäden des Jahres 1991 konnten nicht sofort aufgearbeitet werden.' Sie waren der ideale Lebensraum für die Borkenkäfer, die sich dank des trockenen Sommers im Vorjahr in drei Generationen enorm vermehren konnten. Sollte es heuer ein warmes Frühjahr und einen trockenen Sommer geben, droht eine Invasion des gefürchteten Schädlings.

Betroffen sind dann vor allem geschwächte Bäume. Und deren gibt es dank der Eingriffe in den Wald viele: Da sind etwa die Folgen der Erschließung der Wälder für das Skifahren (Seite 10): „Jede Öffnung, die einen mittleren oder alten Waldbestand trifft, hat zur Folge, daß es an den der Sonne ausgesetzten Rändern zu Trockenschäden kommt.” (Pollanschütz) Ähnliches geschieht beim Anlegen von Forststraßen (mit einer Gesamtlänge von 132.000 Kilometern). Einerseits wichtig für die Waldpflege, haben sie auch negative Folgen. Die Bäume können sich auf ihre Randstellung einfach nicht umstellen. „Auf einer Tiefe von zehn bis 15 Metern (manchmal sind es sogar 20) fangen diese angeschnittenen Waldbestände zu kränkeln an. Dort treten verstärkt Insekten auf.”

Die Öffnung der Wälder begünstigt auch das Auftreten von Sturmschäden. Sie haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Besonders anfällig sind die Fichten, weil sie nur flach wurzeln. „Sie verdichten auch den Boden, was sie wiederum zwingt, noch flacher zu wurzeln und damit noch instabiler zu werden. Hätten wir gemischte Wälder, in denen sich Tiefund Flachwurzler abwechseln, wären die Sturmschäden weitaus geringer.” (Pollanschütz)

Nur ein Zehntel der Abgase

Mischwälder wachsen aber nur schwer heran, weil die nachwachsenden Laubbäume Gustostückerln für das Wild darstellen. Und der Wildstand sei zu hoch, beklagt der Forstbericht. Nur auf einem Viertel der Waldgebiete habe man 1991 ein Gleichgewicht zwischen Wald und Wild registriert.

Wie geht es dem Wald also? Läßt sich das zusammenfassend sagen? Eigentlich nicht, heißt es übereinstimmend. Es sei auch besser, nicht vom Wald, sondern von den Wäldern zu reden. Auf kleinstem Raum verändert sich die Situation. „In fünf Minuten Fahrt kann ich Ihnen in meinem Forst alle möglichen Konstellationen, vom kerngesunden zum Wald, der gezielter Maßnahmen bedarf, vorführen”, erklärt mir der Waldbesitzer Franz Mayr-Melnhof (Seite 11).

Dennoch ist klar: Die Luftverschmutzung muß reduziert werden, „und zwar drastisch, auf ein Zehntel, auf jenen Wert, den wir in den fünfziger Jahren hatten”, stellt Professor Heinrich Wohlmeyer (Seite 11) fest. Die Technologie dazu stehe bereit. Im derzeitigen Dauerstreß aber werden die Wälder - und mit ihnen alle Lebewesen, auch wir Menschen - geschwächt und lebensuntüchtig.

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