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Vielleicht ist das nur Lüge

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Warum das Boot erfunden wurde und das Rad zunächst nicht: Der österreichische Wirklichkeits-Verrätsler läßt in ziselierten Prosastücken mit der Sprache die Welt kopfstehen — Alltag, der unversehens zum Mythos wird, Mythos, der wieder Alltag wird.

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Warum das Boot erfunden wurde und das Rad zunächst nicht: Der österreichische Wirklichkeits-Verrätsler läßt in ziselierten Prosastücken mit der Sprache die Welt kopfstehen — Alltag, der unversehens zum Mythos wird, Mythos, der wieder Alltag wird.

Semmelkren

Ein enkel der tochter des Großen geistes besuchte eines tages den vater seiner frau. Seine Schwiegermutter kochte ihm zum abendessen sem-melkren. Er hatte solchen noch nie gegessen, er fand ihn köstlicher als manna oder milchschokolade. Er blieb mehrere tage und wollte nichts anderes als semmelkren. Als er endlich von den Schwiegereltern abschied nahm, sagte er: „Mutter, wie heißt die köstliche speise, die du mir täglich gekocht hast?" Die Schwiegermutter lachte: „Wie, das weißt du nicht? Es war semmelkren, was du gegessen hast!" Und sie gab ihm semmelkren in einweckgläsern auf die reise mit.

Der enkel der tochter des Großen geistes wollte den namen der köstlichen speise nicht vergessen und wiederholte auf seinem heimweg: „Semmelkren, semmelkren, semmelkren." Und als er müde wurde, setzte er sich unter einen essigbaum, um eine weile auszuruhen. Er schlief ein und hatte einen träum, der mit semmelkren nichts zu tun hatte. Er erwachte und hatte das wort vergessen, er kehrte um und langte gegen morgen wieder bei den Schwiegereltern ein, er fragte abermals: „Mutter, wie heißt die köstliche speise, die du mir täglich gekocht hast?' Die Schwiegermutter lachte: „Urenkel des Großen geistes, du hast ein schlechtes gedächtnis. Die speise, die ich dir gekocht habe, heißt semmelkren!" Und sie gab ihm semmelkren in einweckgläsern auf die reise mit. Der enkel der tochter des Großen geistes machte sich auf den weg, er wiederholte ununterbrochen: „Semmelkren, semmelkren, semmelkren." Als er an den großen fluß kam, mußte er durch eine strecke schlämm, er blieb eine weile darin stecken, er vergaß das wort. Er dachte, das wort sei ihm aus dem mund gefallen, er begann im schlämm zu suchen.

Das sahen zwei medizinmänner, die sich in der nähe aufhielten. Sie kamen auf ihn zu und fragten ihn: „Was suchst du so verzweifelt?" „Ich suche kostbares", sagte er. Die beiden medizinmänner sagten: „Wir wollen dir bei der suche helfen, du mußt uns aber versprechen, wenn wir es finden, uns die hälfte zu geben." Der enkel der tochter des Großen geistes versprach es, und die medizinmänner stellten ihre medizin beiseite, sie fingen an, mit dem enkel der tochter des Großen geistes im schlämm zu wühlen. Nach einer weile sagte der eine medizin-mann zum anderen: „Dieser schlämm sieht aus wie semmelkren!" Als der enkel der tochter des Großen geistes das hörte, lief er auf und davon, er durchschwamm den fluß und rief: „Semmelkren, semmelkren, semmelkren.!"

Aber zuhause angekommen, hatte er den namen der speise wieder vergessen, die einweckgläser waren ihm beim durchschwimmen des großen flusses untergegangen. Er sagte zu seiner frau: „Koche mir das, was mir deine mutter mitgegeben hat, nämlich das, was mir im fluß untergegangen ist!"

Seine frau sagte: „Was war es, das dir meine mutter gekocht hat?" „Ich habe vergessen, wie es heißt, aber es schmeckt köstlich", sagte der enkel der tochter des Großen geistes zu seiner frau, „darum koche es mir sofort, denn meine reise hat mich hungrig gemacht." Die frau wußte nicht, was sie ihrem mann kochen sollte, und dieser nahm einen stock und begann sie zu prügeln. Der streit dauerte tage. Schließlich lief die frau zu ihrer mutter, sie fragte: „Was hast du meinem mann gekocht?" „Semmelkren!", sagte die mutter. Die frau kehrte nach hause zurück und kochte eine menge semmelkren, sie sagte zu ihrem mann:

Das Rad

In dieser zeit gab es noch kein rad. Zwei medizinmänner wollten das rad erschaffen, der eine aus dem blut des hirsches, der andere aus dem blut der hindin, sie hatten sich zu diesem zweck getrennt, ein jeder suchte einen anderen ort auf, der eine stieg auf den berg a, der andere auf den berg b. Sie dachten nach, sie saßen vor topfen mit blut, sie errechneten maximale ge-schwindigkeiten, sie erfanden tag für tag neue formein, sie beobachteten das kommen und vergehen der kreise im blut, das sie durch das fallenlassen von steinchen verursachten. Es wollte ihnen kein brauchbares rad gelingen. Es vergingen tage, wochen, monate, jähre,

„Hier hast du das, um was du so gejammert hast, aber wenn du auch nur einen löffei davon übrig läßt, zerdresche ich an dir meinen besen-stiel!"

Der enkel der tochter des Großen geistes setzte sich zu tisch und aß, doch er konnte unmöglich alles hinunterbringen, und als seine frau nach dem besen griff, sprang er auf, rannte zum großen fluß hinunter und tauchte bis an den hals in den uferschlamm. Nur sein köpf ragte heraus: „Ich hoffe, daß sie mich nicht entdecken wird!", sagte der enkel der tochter des Großen geistes. Das geschah zur zeit, als der semmelkren erschaffen wurde.

ohne daß bei ihrem vorhaben eine zufriedenstellende Wendung eingetreten wäre.

Nun hatten beide einander versprochen, sich nach ablauf einer gewissen zeit zu treffen, um ihre erschaffenen räder zu vergleichen, sie kamen an die vereinbarte stelle, sie begrüßten sich, sie tauschten höflichkeiten aus, sie stellten fest, daß sie älter und reifer geworden waren, sie unterhielten sich über die flugtechnik der Schmetterlinge, sie konnten sich aber nicht entschließen, über fortschritte in der erschaffung des rades zu sprechen, es kamen keine.

Ein hirsch und seine gefährtin hatten am waldrand ihr langhaus gebaut, der mann besserte netze aus,

die frau bereitete speise, sie verletzte sich am finger, ein wenig blut floß hervor. Der erste medizinmann sah es, er blickte hinweg, er schaute auf das meer hinaus, er sah fischer in ihrem boot, die sich rudernd abmühten. Er sagte zu dem anderen medizinmann: „Bruder, es wäre an der zeit, für diese menschen raddampfer zu erschaffen." Er wollte diese worte wieder in seinen mund zurückholen, aber sie waren heraus. Er war verlegen, er begann ein lied zu singen, er erfand ein neues lied und verwandelte sich für die dauer des gesanges in einen Strandpfeifer.

„Warum verbirgst du dich vor mir, bruder?", fragte der zweite medizinmann und wartete auf antwort. Nachdem der erste medizinmann das lied ausgesungen hatte, wurde er wieder ein mensch. Der zweite medizinmann wiederholte seine frage. Der erste medizinmann antwortete: „Ich hatte mich in eine hummel verwandelt, um über das Zentrum des rades, über die nabe nachzudenken." Der zweite medizinmann sagte: „Du warst ein strand-pfeifer, als du gesungen hast." „Hummel oder strandpfeifer, was soll es? Das sind austauschbare begriffe, bruder! Ich habe über die funktion des Zentrums des rades nachgedacht, ich stellte mir die nabe vor und erfand sie."

Sie gingen zum langhaus des hirsches und seiner gefährtin, sie baten die frau um speise. „Ich höre euch", sagte die frau des hirsches, „aber ich sehe euch nicht. Seid ihr geisterhafte wesen?" Die beiden medizinmänner sahen einander an, sie waren nicht unsichtbar. Der zweite medizinmann sagte: „Wir sind keine geister, wir verkehren mit ihnen, wenn es not tut." „Und wer seid ihr?', fragte der hirsch, der hinzugekommen war. „Ich höre euch, doch ich sehe nur zwei schatten." Der zweite medizinmann sagte: „Ich bin Uwash, der medizinmann, und das ist Upash, mein kollege, der eben in trance die nabe erfunden hat." „Ihr riecht beide nach blut", sagte die frau des hirsches, „ich traue euch nicht!"

Der hirsch ging in das langhaus, er holte eine Winchester, er kehrte zurück und blieb, mit dem gewehr im anschlag, auf der schwelle des langhauses stehen. „Ich sehe zwei schatten", sagte er, „aber es sind die schatten von feinden!" Der erste medizinmann sagte: „Wir sind zwei biber, wie können wir biber die feinde des hirsches sein?" Der hirsch sagte: „Ihr habt die Schwester meiner frau getötet und den bruder meines muttervaters, ihr seid totschlä-ger!" Der hirsch entsicherte das gewehr, und die frau des hirsches trocknete die nassen hände an der schürze. Die beiden medizinmänner verwandelten sich schnell in zwei vogeleier, sie rollten davon. „Dieses rad hat keine nabe, es holpert", sagte der zweite medizinmann, als sie sich in sicherer entfernung befanden. Sie waren entmutigt, sie verwarfen ihren plan mit dem rad, sie entwarfen die erste harpune und lebten in der folge vom tran des walfisches.

Das rad brachten fremde in das land.

Menschenfresser

Es gibt keine menschenfresser, so böse ist niemand, man ißt wurzeln, beeren, eßbare tiere, aber keine menschen. Der erste menschenfresser war einer, der plötzlich in den wald lief und nicht mehr zurückkehrte, er wurde wild, er wusch sich nicht mehr, er ließ sein haar wachsen, er schlief unter bäumen und in leeren bienenstöcken, er lebte in den behausungen der tiere des waldes, seine haut wurde hart, ein pelz bedeckte sie mit der zeit. Der menschenfresser nahm keine frau, er

fraß sie auf, er sättigte sich an ihrem fleisch, er vermehrte sich nicht. Hätte er sich vermehrt, so gäbe es menschen-fresser, so aber gibt es keine, oder nur wenige, eben solche, die plötzlich in den wald laufen und nicht mehr zurückkehren, gut so, sie kehren nicht zurück, schlecht so, sie lauern in den wäldern, sie sind die wirkliche gefahr der forste.

Der menschenfresser ist gefährlicher als der Vielfraß, den die Jäger Gluton sylvestris nennen. Man weicht dem Vielfraß aus, aber dem menschenfresser weicht man noch mehr aus, man meidet ihn, man schlägt einen großen bogen um ihn. Weil es keinen menschenfresser gibt, gehen die menschen fröhlich durch den wald, sie singen lieder, die den menschenfresser davon abhalten sollen, sie zu fressen. So vermeinen sie, ihn zu meiden, und kommen ihm immer näher.

„Ich warte schon lange auf dich!", sagte der menschenfresser und kroch aus seinem baumstamm, er hatte das zauberlied des mannes schon von weitem gehört, die pfeile des mannes glitten an der haut des menschenfres-sers ab, er schoß wie auf einen stein, sein messer zerbrach an der haut des Ungeheuers. Der mann lief tagelang durch den wald, der menschenfresser folgte ihm, der mann erkletterte einen hohen bäum, der starke menschenfresser rüttelte den bäum so lange, bis der mann herunterfiel und tot liegenblieb. Der menschenfresser aß ihn auf, er suchte sich eine neue behausung, er schlief eine woche, er schlief noch eine woche, er schlief drei wochen, er erwachte und war hungrig.

Ein anderer Jäger sah den menschenfresser, der wind war für ihn, der menschenfresser hatte keine Witterung, der Jäger hatte glück. Der Jäger erzählte, der menschenfresser sieht aus wie einer, der plötzlich in den wald läuft und nicht mehr zurückkehrt, er erzählte, er habe ihn vor einem leeren bienenstock gesehen, er habe gedacht, einen baren vor sich zu sehen, er wußte, es gibt keine menschenfresser, so böse ist niemand, er aß selbst auch nur tiere, aber er stellte sich vor, es könne trotzdem der menschenfresser sein, und er trachtete nicht in die Witterung des menschenfressers zu geraten, er hatte frau und kinder, und freunde, die ihn mochten, er suchte, so leise er konnte, eine andere gegend des waldes auf.

Menschen, die plötzlich in den wald laufen und nicht mehr zurückkehren, sind winterschläfer, sie verkriechen sich in der kalten Jahreszeit, man verwechselt sie häufig mit dem baren; sie betreten nie harten boden, sie sind die herren des mooses, man sollte lieber auf wegen bleiben, auf Saumpfaden. Sie verwenden keine Werkzeuge, können aber mit steinen werfen. Im sommer tauchen sie meist im Zwielicht auf, gleich ob abends oder morgens. Ihre große ist gewöhnlich sechs bis sieben fuß, ihr gestank soll schrecklich abstoßend sein, ihre exkremente wachsen zu tödlichen pilzen heran, die den wald verpesten, nur schlangen bauen in ihrer nähe nester, der pilz heißt Ungdrungll, und der menschenfresser frißt ihn, wenn er lange keines menschen habhaft wird. Nur er stirbt nicht an ihm.

Der Mann im Mond

Zuerst war die sonne keine frau, sie hatte keine brüste, sie hatte keine geschlechtsteile, sie schien nicht, sie war ohne wärme, sie glich einer gestalt, die von eingeregneten farnwäldern bedeckt ist, ihr blut war nicht rot, es war wie stehendes wasser im herbst. Damals leuchtete der mond den men-

schen, er war viel heller als heute, er gab doppelt soviel licht, nacht war tag, und tag war nacht. Der mond war ein schöner mann, der lebte in einer großen glaskugel. Wenn die erde tagsüber im dunkeln lag, stieg er aus der glaskugel, er stieg zur erde herab und trieb sich mit hübschen frauen herum, er zeugte zahllose kinder mit ihnen; es entstand so die redensart: Er macht den tag zur nacht.

Die sonne geriet darüber in zorn, sie war eifersüchtig, sie wollte rot anlaufen, aber das ging nicht, sie war dazu zu kalt, sie konnte nicht mehr schlafen, sie träumte im wachen, es regnete immer, sie wurde nie trocken, die menschen sagten von ihr: Sie ist ein grünes ei, das im himmel hängt, es gab nur wenige, die die sonne verehrten, sie opferten ihr Schimmelpilze und baumschwämme.

Die sonne hatte eine dohle, die saß ihr auf der Schulter, manchmal auf dem köpf, manchmal im ohr, sie war der einzige vogel, den es zu dieser zeit gab, aus gründen, die vergessen worden sind, mied sie die erde und ihre annehmlichkeiten.

Diese dohle war der sonne ergeben, sie war immer um sie. Einmal, als sie wieder in ihrem ohr saß, sagte sie: Morgen, wenn dieser mond zur erde hinabsteigt, werden wir seine glaskugel besuchen. Wer weiß, welches ge-heimnis sie birgt? Die sonne sagte ja.

Der mond war auf der erde, er trieb sich herum, die sonne ging zu der leeren glaskugel, sie öffnete die türe dieser glaskugel und trat ein; sie erwärmte sich schnell, sie begann zu glühen, zu strahlen, sie leuchtete um ein vielfaches stärker als der mond, der tag wurde zum tag, es war die erste morgensonne der weit. Der mond schämte sich unter den menschen, er stand ohne kleider im hellen licht der sonne, er trug weder hose noch hemd, jedermann sah seine bloße. Er stieg eilig zu seiner glaskugel auf, aber als er die türe öffnen wollte, verbrannte er sich die hand, er floh vor der hitze, er ging verbittert an die stelle, an der die sonne gewesen war und nahm ihren verregneten platz ein. Die meisten menschen verehrten nun die sonne, die sonne wurde schnell zu einer frau, die formen ihrer gestalt rundeten sich, es wuchsen ihr brüste, es wuchs ihr ein

gefälliges geschlecht. Die dohle aber verbrannte im ohr der sonne, sie wurde in ihrer hitze zu asche; aus dieser asche entstanden die vielfältigen vogelarten, sie verbreiteten sich über alle teile der erde, sie waren die ersten sänger. Das singen stammt von der sonne, das flüstern ist mondgezeugt. Es sind indes die hexen und Zauberinnen, die dem mond zugetan sind, die stammen von ihm und menschenfrauen ab, in seinem licht öffnen sie ihre seltsamen knospen, für sie ist der mond ein durchscheinendes grünes mineral, man hütet sich deshalb in ihrer gegenwart, ihn mit einem grünen ei zu vergleichen, wie ehemals die sonne, als sie noch an der stelle des mondes hing.

Wasserschweine

Das erste schwein hatte hörner, es hatte ein geweih wie ein eich, es hatte einen schwänz wie ein krokodil, es war ein alligator, der wie ein schwein aussah, es fraß mann und frau, es fraß am liebsten beide zusammen, es verschluckte sie lebend und trug sie lebend in seinem magen, viele menschen wurden deshalb wieder durch jäger gerettet und wurden selbst Jäger, denn sie haßten das schwein und seinen schmutzigen magen, sie aßen es nicht auf, sie warfen es tot in den fluß zu den anderen Schweinen, es gab damals nur wasserschweine, das war der grund, weshalb niemand schwimmen mochte, so wurde das boot erfunden, aus ihm heraus jagte man das erste schwein.

Ein mann wollte eine frau besuchen, die am anderen ufer des flusses wohnte, er hatte kein boot, er nahm sein messer und schwamm, er geriet an ein wasserschwein, es fiel über ihn her, es verschluckte ihn. Die frau vom anderen ufer wollte zu dem mann, sie wußte nicht, daß er sie besuchen wollte, sie hatte kein boot, sie nahm ein messer und schwamm, sie geriet an das gleiche wasserschwein, es fiel sie an, es verschluckte sie. Mann und frau trafen sich im magen des Schweines, das schwein schwamm ans ufer, es wälzte sich im schlämm, bis es abend wurde und der mond aufging, das licht des mondes betäubte es, es schlief ein, es lag still und satt im schlämm.

Mann und frau waren durch das herumwälzen des Schweines hin und her geworfen worden, sie hatten sich dabei gegenseitig mit ihren messern die linke hand abgeschnitten, mit der rechten schnitten sie sich aus dem schlafenden körper des Schweines, sie stiegen aus dem körper des toten Schweines, sie nahmen ihre linken hände mit, sie setzten sich die abgeschnittenen hände wieder an, der mann die seine der frau, die frau die ihre dem mann, sie sangen ein lied, und die hände heilten wieder an. Wir sind zum zweiten mal geboren, sagten sie, wir sind aus einem körper geboren, wir sind geschwister. Wir sind durch unsere hände verbunden, sagten sie. Sie bauten eine insel in die mitte des flusses, sie bauten sie aus steinen, erde und reiser, sie legten einen garten an, sie pflanzten bäume, sie erfanden ein feuer, das die nacht beleuchtete und die feindlichen schweine abschreckte, sie hatten kinder, die vögel heirateten, und enkel, die aus eiern gebrütet wurden.

Der fluß wurde immer breiter, dasi land trat zurück, die bewohner der insel verloren es schließlich aus den äugen, aber auch die insel wurde mit der zeit größer, sie wuchs zu einem land, sie wurde ein erdteil und der fluß zu einem ozean, die wasserschweine fanden kein ufer mehr zum atmen, sie wurden keine fische, sie ertranken eines um das andere, die fische gehören zu einer anderen geschichte, es wäre aber möglich, daß aus dem einen oder anderen schwein der hai erstanden ist, der hai oder der Schwertfisch. Vielleicht ist das eine lüge.

Die nachkommen jenes mannes und jener frau waren anfangs fliegende menschen mit einem männlichen flü-gel und mit einem weiblichen flügel, sie besaßen keine hände, sie verrichteten ihre arbeit mit den zehen, sie reisten durch die luft in die länder jenseits des ozeans, sie blieben dort oder kehrten nach jähren wieder in ihre heimat zurück, je nachdem es ihnen gefiel. Mit der zeit wurden ihre flügel langsam wieder wie die hände ihrer stammeitern, aber die linke der männer wurde wieder männlich, die linke der frauen wieder weiblich, es sind aber wahrscheinlich nicht die linkshänder, die von ihnen stammen.

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