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Vielseitiger Ruf nach Umkehr

1945 1960 1980 2000 2020

Weitgehend verlorengegangen ist weltweit das Bewußtsein persönlicher Schuld. Die Mehrheit der Gläubigen meidet den Beichtstuhl. In Rom suchten die Bischöfe der Welt nach Auswegen.

1945 1960 1980 2000 2020

Weitgehend verlorengegangen ist weltweit das Bewußtsein persönlicher Schuld. Die Mehrheit der Gläubigen meidet den Beichtstuhl. In Rom suchten die Bischöfe der Welt nach Auswegen.

Mit allen Übeln dieser We)t hat sich die Bischofssynode in vier Wochen langen Debatten beschäftigt, nie ganz schlüssig, wie sich persönliche Schuld und Sünde und das Böse in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft unterscheiden lassen. Zum Abschluß jedoch, kurz nach den Schrek- kensnachrichten aus dem Nahen Osten und der Karibik, haben die Bischöfe eine Botschaft der Versöhnung und Buße als einen Friedensappell an die Welt gerichtet, der so unverblümt wie eine harte Anklage klang:

„Wir verurteilen, daß Machtlosen die Menschenrechte verwei-

gert werden, verurteilen die Einschränkung der regionalen Freiheit, jede Rassendiskriminierung, militärische Aggression, Gewalt und Terrorismus. Wir verurteilen die Anhäufung von konventionellen- und Atomwaffen, sowie den skandalösen Waffenhandel die ungerechte Verteilung der Güter dieser Welt und die Strukturen, durch welche die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden”.

Der pakistanische Kardinal Joseph Cordeiro ließ keinen Zweifel daran, daß Stil und Inhalt dieser Botschaft von den Bischöfen aus der Dritten Welt geprägt wurden. Sie bilden heute im Weltepiskopat eine Mehrheit und stellten auch in den moraltheologischen Debatten der Synode immer wieder die soziale Dimension des Bösen in den Vordergrund.

Zwar wurde auch immer wieder darauf hingewiesen, daß letzten Endes niemals die soziale Struktur als solche, sondern der Mensch sündigt, doch eben als Menschenwerk ist alles heutige Elend von ohnmächtigem Hunger nach Brot bis zum gefährlichen Machthunger, vom privaten bis zum staatlichen Egoismus bei der Synode zur Sprache gekommen.

Nur mehr nach einer überreichlichen Mahlzeit bringen viele Menschen heute das Wort über die Lippen: „Ich habe gesündigt.” So bedauerte der Kölner Kardinal Josef Höffner den Verfall von Schuldbewußtsein und Beichtpraxis. Zum öffentlichen Fehler- Striptease, zur Pseudo-Beichte seien ja viele Leute heute durchaus bereit, meinte der Kardinal: „Warum also nicht auch zum heilenden Bekenntnis?”

Ein Weihbischof aus New York hatte eine Antwort zur Hand: Die Furcht, in die Hölle zu fahren, ist verblaßt. Und leider, so klagte der wackere Amerikaner, spiegle sich das auch in den Dokumenten dieser Synode. Diese hatte es sich aber nicht leicht gemacht, sondern alle Möglichkeiten menschlichen, auch kirchlichen Versagens durchleuchtet.

Von den wirklichen Höllen, die Menschen sich selbst und anderen bereiten, war die Rede. Der Ruf zur Umkehr, den die Bischöfe erhoben, klang vielstimmig und wird es dem Papst schwermachen, aus ihren mühsam erarbeiteten, bisher unveröffentlichten Vorschlägen praktische Schlüsse zu ziehen.

Besonders offen geredet wurde in den zwölf, nach Sprachkennt- nissen zusammengesetzten Arbeitskreisen. Im 19köpfigen deutschsprachigen Zirkel diskutierten auch Kardinale aus Brasilien, Korea, aus der Tschechoslowakei, Bischöfe aus Finnland, Polen und Jugoslawien. Unter ihnen saß als einziger Laie, vom Papst selbst berufen, Albert Görres, ein Professor für medizinische Psychologie und Psychotherapie aus München, dessen Mitwirkung bei der Debatte „wohltuend das hu manwissenschaftliche Defizit der Kirche ausfüllte”, wie der Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher feststellte, der selbst eines der heißesten Eisen öffentlich anprangerte:

„Der in manchen Teilen der sogenannten traditionellen Moraltheologie vertretene Rigorismus ist an der heute so bedauernswerten Verwirrung der Gewissen nicht unschuldig.” Der Oberhirte nannte vor allem die verbreitete Fixierung auf das Sexuelle, daß grundsätzlich alles, was mit dem sechsten Gebot zusammenhängt, als schwere Sünde darstelle, „eine Übertreibung, die zum extremen Laxismus und zur Gleichgültigkeit in unseren Tagen beigetragen hat”. Ermutigt fühlte sich Bischof Stecher nach dieser Intervention, als ihm der Papst sagen ließ, jene „Übertreibung” sei niemals die echte Lehre der Kirche gewesen.

Einig war man sich, daß christ liehe Versöhnung nicht nur im Beichtstuhl stattfindet, den die große Mehrheit der Gläubigen aller Kontinente heute meidet. Manche Bischöfe möchten den neuen Bußriten, der Generalbeichte und Generalabsolution den Vorrang vor der Ohrenbeichte geben.

Kurienkardinal Josef Ratzin- ger belehrtę jedoch die Synode ganz amtlich, daß das Festhalten an der Ohrenbeichte zu den „unveränderlichen Normen” gehöre. Wenn sie aber, wie in manchen Ländern, aus Priestermangel gar nicht mehr möglich ist? Da seien dann der „seelsorglichen Phantasie nicht unbedingt Grenzen gesetzt”, räumt Ratzinger vorsichtig ein.

Immer mehr muß sich die Kirche auf extrem verschiedene Situationen und Kulturen einstellen. Sie mag es noch gelassen hinnehmen, wenn der Bischof von Taiwan vegetarisches Fasten nach buddhistischen Regeln empfiehlt. Aber sie muß auch mit jenem „Aspekt voller Indifferenz” rechnen, die ein brasilianischer Erzbischof beim Namen nannte: „Man widerspricht nicht mehr dem Papst, hört ihn an, schweigt und macht weiter wie vorher.”

Am Ende der Synode hörte man vom Erzbischof von Rio de Janeiro geradezu einen Angstschrei: „Das ganze Palaver verwirrte nur das Gottesvolk.” Die Bischöfe sollten sich nicht zu sehr ihren lokalen und nationalen Problemen widmen, sondern den „Primat” des Papstes stärken. Als ob er allein die Wurzel aller Übel ausreißen könnte. Doch Papst und Kirche stecken im gleichen Dilemma wie die ganze Welt. Wer diese ändern will, müßte die Menschen änder…nd umgekehrt. Doch dafür sehen die Chancen heute so schlecht aus wie immer in den 1983 Jahren nach Christus.

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