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Vikariat der Solidarität

„Die Kinder, die in die Kinderspeise-stätte unserer Pfarrei kommen, gehören der in extremer Armut lebenden Volksschicht an. 60.000 Menschen leben unter solchen Verhältnissen allein in diesem Viertel in Santiago-Süd; 22 solcher Comedores (Küchen, Anm. d. Red. ) werden hier unterhalten. Zuhause bekommen die Kinder höchstens dünne Nudelsuppe, selten Kartoffelbrei und vielleicht Bohnen. Brot ist für diese Familien ein Luxusartikel.

Ich bin Ärztin in dieser Gegend; ich betreue mit meinem Mann, der aber hauptsächlich in einem staatlichen Spital arbeitet, hier so eine Art Poliklinik. Und ich muß Ihnen sagen: 60 Prozent der Kinder, die hierher kommen, sind unterernährt. Dabei arbeiten wir in diesen Comedores bis an die äußerste Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Dazu unterrichte ich die Frauen hier in Ernährungsfragen, wenn der Unterricht auch hauptsächlich darin besteht, gemeinsam mit ihnen zu lernen, wie man mit so wenig Lebensmitteln so kocht, daß trotz allem eine möglichst hohe Kalorienzahl dabei herauskommt."

Dies zitiert der Dominikanerpater Anatol Feid in seinem Buch „Plaza de Armas 444 - Chiles Kirche für die Menschenrechte". (Jugenddienstverlag, Wuppertal).

1,2 Millionen Menschen leben in den Elendsvierteln von Santiago, der Hauptstadt Chiles. Hier gibt es überdurchschnittlich viele Arbeitslose, unterernährte Kinder, das Problem des Alkoholismus in den Familien. Aus dieser Situation heraus organisierten Frauen der jeweiligen Pfarre oder Siedlung Kinderküchen, in denen vor allem Kinder im Vorschulalter, aber auch mittellose alte Menschen und stillende Mütter, täglich eine warme Mahlzeit erhalten.

Obwonl sich die einzelnen Kinderküchen in der Zwischenzeit zusammengeschlossen und mit Hilfe des „Vikariats der Solidarität" eine zentrale Lebensmittellagerung organisiert haben, reichen die zugeteilten oder aus Spenden selbst beschafften Lebensmittel in vielen Fällen nicht aus. Hier springen insbesondere kirchliche Gruppen aus dem Ausland helfend ein.

In Österreich unterstutzt die Arbeitsgemeinschaft „Christen für Chile" seit 1974 die Arbeit der Kinderkücnen, sowohl allgemein über das „Vikariat der Solidarität" als auch in einigen Fällen direkt über Kontaktpersonen in bestimmten Pfarren oder Vierteln meist Priester oder Ordensschwestern. Die durch die Arbeitsgemeinschaft initiierte Aktion „Chiles Kinder hungern" wurde bisher vor allem von der Caritas der Erzdiözese Wien, der Katholischen Männerbewegung Österreichs, der Katholischen Sozialakademie und der evangelischen Einrichtung „Brot für Hungernde" unterstützt und gefördert.

Immer wieder langen Briefe ein, die nicht nur den Empfang der Spenden aus Österreich, sondern anhand der konkret aufgezeigten Situation auch die Notwendigkeit der weiteren Unterstützung bestätigen:

„ .. .Manchesmal ist es schwierig, genügend Lebensmittel aufzutreiben, doch finden sich immer Menschen, die ein gutes Herz haben. . .74 Prozent der Väter der versorgten Kinder haben keine fixe Arbeit. Sie sind Gelegenheitsarbeiter oder im Notstandsprogramm der Regierung zu Minimallöhnen beschäftigt oder überhaupt arbeitslos. 36 Kinder, die versorgt werden, sind Vollwaisen, 27 haben kein Zuhause, 16 Kinder arbeiten als Straßenverkäufer, 44 haben alkoholkranke Väter..."

Die Kinderküchen bilden nur einen Teil der Sorgen und Aufgaben des „Vikariats der Solidarität", das im Herbst 1975 vom Erzbischof von Santiago, Kardinal Raul Silva Henriquez, gegründetwurde, alsdas ökumenische Komitee für den Frieden auf Druck der Regierung aufgelöst werden mußte. Rechtshilfe für aus politischen Gründen Inhaftierte, das Problem der Verschwundenen, Verteidigung von Arbeitsplätzen und des Rechtes auf gewerkschaftliche Betätigung, Förderung der Landarbeiter sowie die Ermöglichung kostenloser ärztlicher Untersuchungen für Familienmitglieder der Arbeitslosen und Gefangenen stellen weitere wichtige Anliegen des Vikariats dar, das im Vorjahr - mit österreichischer Unterstützung - für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden war.

Das „Vikariat der Solidarität" ist in der gegenwärtigen Situation die einzige legale Institution zur Verteidigung der Menschenrechte in Chile. In der Zeitschrift „Solidaridad" tritt es für die Wiederherstellung der Demokratie ein; darin nehmen kirchliche Würdenträget unter Berufung auf das Evangelium klar Stellung zu Fragen, die die Tätigkeit der Kirche, einzelne Bevölkerungsgruppen oder überhaupt das ganze Land betreffen.

Einer jener Bischöfe, die sich seit dem Militärputsch konsequent und mit Nachdruck für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzten, ist der Diö-zesanbischof von Copiapo, Fernando Ariztia. Er hat sich an Österreichs Katholiken mit der Bitteum Unterstützung eines Projektes gewandt, dessen Realisierung mitentscheidend für die Verbesserung der tristen Situation der Landarbeiter sein könnte.

Die Problematik dieser Bevölkerungsgruppe ist einerseits durch die Abhängigkeit vom Großgrundbesitz, andererseits dadurch gekennzeichnet, daß viele auf Saison- oder Gelegenheitsarbeit angewiesen sind. Fruchtbaren Boden gibt es in dieser Region nur in den wenigen Tälern, wo durch die Flüsse, die aus den Anden kommen, Bewässerung möglich ist. Die kleinen Bauern kämpfen schwer um ihre Existenz, sie werden auch hier schwer bedroht und auf schwierig zu bearbeitende Böden abgedrängt.

Das Projekt soll eine Starthilfe für eine Bauerngenossenschaft kleineren Ausmaßes und Modell für weitere Initiativen in dieser Richtung sein. Der Arbeitsgemeinschaft „Christen für Chile" war es - trotz des spontanen Beitrages der Salzburger Dritte Welt-Gruppe - in Anbetracht der gleichzeitig noch vorliegenden anderen Anfragen bisher noch nicht möglich, den erbetenen Betrag von 3.600 Dollar aufzubringen.

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