7060982-1991_36_15.jpg
Digital In Arbeit

Völker und Republiken im großen Clinch

19451960198020002020

Man weiß, wo das Baltikum ist, hat einen Tau von Armenien, Aserbeidschan, Kirgisien und Tadschikistan, aber wo liegt die Tuwinische, wo die Abchasische, wo die Jakutische oder die Udmurtische Autonome Sozialistische Sowjet-Republik (ASSR)?

19451960198020002020

Man weiß, wo das Baltikum ist, hat einen Tau von Armenien, Aserbeidschan, Kirgisien und Tadschikistan, aber wo liegt die Tuwinische, wo die Abchasische, wo die Jakutische oder die Udmurtische Autonome Sozialistische Sowjet-Republik (ASSR)?

Selbst große Atlanten verzeichnen deutlich die Staatsgrenzen in den USA, Binnengrenzen der Sowjetunion, Namen und Hauptstädte ihrer Republiken aber (so man sie überhaupt findet) oft so zart, daß man meinen könnte, die Zeichner seien sich ihrer Sache selbst nicht ganz sicher gewesen. Seit sich Staaten, von denen wir bestenfalls wußten, daß sie existieren, für unabhängig erklären oder den Austritt aus der Sowjetunion ankündigen, werden unsere Wissenslücken offenbar...

Es gibt (oder gab?) 15 Sozialistische Sowjet-Republiken und 20 Autonome Sozialistische Sowjet-Republiken. Letztere heißen so, weil sie als Teilgebiete ersterer weniger autonom sind als diese. Die Sozialistischen Sowjet-Republiken (SSR), nachfolgend kurz „Republiken": Die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik sowie Estland, Lettland, Litauen (Baltikum), Weißrußland, Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien, Aserbeidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan.

Einige können sich bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen auf besondere Umstände berufen. In den Baltenstaaten wird die Ansicht vertreten, man sei genau genommen gar nicht Mitglied der Sowjetunion. Sie waren selbständige Staaten, die sich 1918 von der russischen Herrschaft befreit hatten und die Stalin im Einvernehmen mit Hitler militärisch einkassierte. Ukraine und Weißrußland hingegen können ins Treffen führen, daß sie zwar schon im 18. Jahrhundert Rußland einverleibt wurden, aber insofern eine Sonderstellung haben, als sie Gründungsmitglieder der UNO waren und dort eigene Sitze einnehmen. Die Westmächte gestatteten Stalin, so seinen Einfluß in der UNO zu stärken.

Moldawien (weitgehend identisch mit Bessarabien, Mehrheit Rumänen, Hauptstadt Kischinow) wurde 1812 von der Türkei an Rußland abgetreten, erklärte 1918 seine Unabhängigkeit, schloß sich wenig später an Rumänien an und wurde 1940 von der Roten Armee wieder in Besitz genommen. Nun hat die Republik wieder ihren Austritt verkündet (nicht zu verwechseln mit der unverbindlicheren Unabhängigkeitserklärung mehrerer anderer Republiken). Die derzeitigen Verantwortlichen wollen sich nicht wieder mit Rumänien vereinigen, hoffen aber, von Bukarest als erster Regierung anerkannt zu werden.

Man nennt die Sowjetunion und ihr Kerngebiet, Rußland, mit gutem Grund letztes Kolonialreich. Bereits die Zaren waren als Eroberer erfolgreicher als bei ihren Bemühungen, die ihrem Reich einverleibten Gebiete auch zu integrieren. Nur ein Beispiel dafür, wenn auch vielleicht das beste: Das Baltikum. Alle drei Staaten (Reste einst viel größerer Gebilde) gehörten seit dem 18. Jahrhundert politisch zu Rußland und wurden doch nie integriert. Auch Stalin stärkte mit der Deportation von Intellektuellen und Bauern sowie massiver Russifi-zierung nur den baltischen Freiheitswillen.

Weißrußland (Minsk), bis 1772Teil des Großfürstentums Litauen und der Litauisch-Polnischen Doppelmonarchie, hat sich zwar ebenfalls für unabhängig erklärt, war aber schon vor 1920 besser integriert als die Ukraine und ist sozusagen UdSSR-Kernland. Die Ukrainerhingegen hatten seitdem Mittelalter kaum je eine Chance auf Selbstbestimmung, aber auch ihren nationalen Traum nie aufgegeben. Die junge Sowjetmacht wütete in wenigen Gebieten so brutal wie hier. Dies förderte den kurzen Flirt vieler Ukrainer mit Hitlers Besatzungsmacht. Hitler und Stalin fiel die Hälfte der männlichen und ein Viertel der weiblichen Bevölkerung zum Opfer. Heute kommen vom 52-Millionen-Volk 20 Prozent der Industrie-, 25 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion und 40 Prozent der sowjetischen Kernenergie.

Der Zerfall der Sowjetunion wäre ein leichter lösbares Problem, würden nicht in jeder der unabhängig gewordenen oder werdenden Republiken Minderheiten leben. Die Zusammenarbeit unabhängiger, stabiler, wirtschaftlich aufeinander angewiesener Staaten auf eine neue Basis zu stellen, sollte keine unlösbare Aufgabe darstellen. Die Wirklichkeit schaut anders aus. Ein neuer baltischer Außenminister führte sich bereits mit der Forderung ein, die Russen müßten nun als Gastarbeiter um Arbeitsbewilligungen ansuchen. Er gab der Welt (und Boris Jelzin) eine Vorahnung der Konfliktpotentiale, die der Zerfall des Reiches aktivieren könn1 te.

Es wurden nicht nur in allen Republiken Russen als Stützen der Sowjetmacht ansässig gemacht. Stalin verschob ganze Völker über Tausende Kilometer und produzierte dabei bewußt Konfliktstoff: Nicht eingesessene, bedrohte Minderheiten sollten auf ihn angewiesen sein, ihre Ängste seine Diktatur festigen helfen.

Dazu kommen die Probleme uralter, eingesessener Minderheiten, an deren Anwesenheit nach jahrhundertelanger Koexistenz plötzlich Anstoß genommen wird. Beispiel: Georgien (Tiflis). Das Königreich stellte sich 1783 unter russischen Schutz und wurde ihn bis zur nunmehrigen Unabhängigkeitserklärung nie mehr los. Unter Präsident Swiad Gamsachur-dia, Sohn eines berühmten Dichters, weht in der traditionell westorientierten, liberalen Republik ein scharfer Wind gegen Oppositionelle, gegen die in ASSR's lebenden moslemischen Osseten und Abchasen, Armenier und Aserbeidschaner. Der Par-teichef, der 1978 die Einführung des Russischen als Staatssprache verhinderte, hieß Übrigends Edward Schewardnadse.

Armenier und Aserbeidschaner („Aseris") sind besonders blutig entzweit. Wenn irgendwo in der Sowjetunion die Vorstufe einer jugoslawischen Entwicklung rumort, dann hier. Aserbeidschan (Baku) erklärte sich unabhängig, Armenien (Erewan) den Austritt.

Über Minderheiten und sonstige Konfliktpotentiale in und zwischen vielen Republiken und Autonomen Gebieten weiß man hierzulande kaum Bescheid. Kasachstan (Alma Ata, Watcheslaw Molotows langjähriger Verbannungsort) ist mit 2,7 Millionen Quadratkilometern etwa neunmal so groß wie das vereinigte Deutschland. Allein der Aralsee bedeckte vor Jahrzehnten ein Drittel der Fläche der alten Bundesrepublik. Mit 16,5 Millionen Einwohnern ist Kasachstan die Republik mit der drittgrößten Industrieproduktion hinter Rußland und Ukraine.

Der in Moskau Ende der sechziger Jahre gefaßte Entschluß, dem Aralsee das Wasser abzugraben und damit die Baumwollproduktion in Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgisien und Kasachstan zu forcieren, ließ bis jetzt eine Wasserfläche, die fast einem Drittel Österreichs entspricht, versanden. Der See schrumpft unaufhaltsam weiter, mit gewaltigen ökologischen und über die Sowjetunion hinausreichenden klimatischen Folgen. Die mit Baumwolle bepflanzten Flächen werden immer schlechter. Vom Exporterlös fndet kaum etwas zu den Anrainern des Sees, dernun statt Wasserdampf jährlich rund 140 Millionen Tonnen feinsten Salzstaub und versalzten Sand an die Atmosphäre abgibt. Die Staubfahnen sind selbst von Satelliten aus zu sehen, die Kindersterblichkeit vor Ende des ersten Lebensjahres stieg auf über elf Prozent (!), Moskau und die Lokalbehörden schoben einander selbst in einer noch funktionierenden Sowjetunion die Schuld zu. Wie solche Probleme zwischen .unabhängig gewordenen, notleidenden, ihren eigenen Interessen verpflichteten Republiken gelöst werden sollen, weiß niemand. Der Gedanke daran macht immer mehr sowjetischen Politikern Angst.

Auch das Phänomen, das überall auftritt und oft sogar gefördert wird, wo von Problemen abgelenkt werden soll, macht sich immer deutlicher bemerkbar: Der Antisemitismus. Aber die Juden haben keine SSR, nicht einmal eine ASSR.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau