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Vom Alptraum befreit

Zehn Jahre Khomeini-Herrschaft haben im iranischen Volk Spuren hinterlassen, die sich mit denen der Hitler-Herrschaft in Deutschland vergleichen lassen. Den Massen der Iraner erscheint die Teheraner Regierung als ein Regime der schiitischen Geistlichkeit. Nicht nur im Iran, auch im Nachbarland Pakistan spricht man von Mxillah-kratie

-“Pfaffenherrschaft“. pemBegriff Mullah eignet auch die Negativbedeutung “Pfaffe“).

Zu Zeiten des Schahs wurden die Mullahs marginalisiert Dadurch sammelte sich hier ein Heer von Benachteiligten zum Aufstand. Im Verlauf dervon allen Schichtenimd den verschiedensten Parteien getragenen Revolution erfuhren die Mullahs 1079 als Speerspitze der Bewegung eine Aufwertung. Durch die Schreckensherrschaft ist aber der alte Anti-Klerikalismus nur noch schärfer geworden. Aus diesem Grund ist es schwer vorstellbar, wie das Regime auf friedlichem Wege ausgewechselt werden kann.

Khomeini selbst hatte die traditionell wichtigsten Ajatollahs eÜ-minieren lassen. Khomeini vertrat als radikaler Islamist (Fundamentalist) eine Minderheit, die den wichtigsten Ausdruck ihrer Religion im Staat sieht. Um den “Islamischen Staat“ zu errichten und zu festigen, kann man sich schon mal über die Gebote des Koran hinwegsetzen, lehrte der selbsternannte Imam (Nachkomme des Propheten). Die Rechtsgelehrten des orthodoxen Schütismus - von den Sunniten ganz zu schweigen - sind darüber entsetzt. Ein solches Staatskonzept ist von ihnen nicht entwickelt worden. Vielmehr war ihre Hauptsorge bis zum Erscheinen des Mahdi (Messias), die reine Lehre zu wahren.

Das MuUahtum wird auch in der Post-Khomeini-Ara eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Gesellschaft spielen. EinTeil der Geist-

lichkeit wird aber das Ende des Regimes ebenso als Befreiimg befinden wie die übrigen Volksschichten. Dazu zählt vor allem die mitgliederstarke Mullah-Vereinigung Hodschatije. Dieser traditionalisti-Bche und heute unterdrückte Sektor im Klerus würde mit den Monarchisten oder aucli anderen politischen Kräften gegen das Regime paktieren, allerdings nicht mit den Linken. Der im irakischen Nadschaf residierende Ajatollah Khui gilt vielen orthodoxen Schiiten als der wirklich oberste Geistliche.

Die Clique um Khomeini wußte imd weiß sehr wohl um den Mangel an Popidarität, an dem das Regime schon seit fünf Jahren leidet. Die Massen sind der Propaganda überdrüssig. Statt mittelalterlicher Lehrmeinungen will das Volk Lohn-erhöhimgen. Statt theologischer Disputationen will es klare Aussagen zu Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot. Die etwa 20.000 Rechtsgutachten (Fatawas) Khomeinis halfen nicht.

Eine der größten Leistungen Khomeinis war der Aufbau eines neuen Unterdrüclnmgsapparates, der an die Stelle der Machtorgane des Schahs trat. Das war mögUch dank der kommunistischen Tudeh-Partei, die aiif Geheiß Moskaus ihre Kader ganz in den Dienst der “Islamischen Revolution“ stellte.

Damit gewann der Imam Zeit, seinen eigenen Sicherheitsapparat aufzubauen, bis er schließUch auch die Tudeh-Partei ausschaltete. Allerdings sind die Kommimisten in WirkUchkeit nicht so verfolgt worden, wie es den Anschein hatte. Im engeren Umfeld Khomeinis gab es bis zum Schluß eine starke Präsenz pro-sowjetischer Kräfte. Die von Khomeini 1980 spektakulär vollzogene Annäherung an den “Kleinen Satan“ Moskau war insofern vorprogrammiert.

Während seiner Exiljahre hatte Khomeini sehr wohl die Anliegen der Dritte-Welt-Jugend erfaßt. Der Kemgedanke war dabei die Ablehnung der Vormachtstellung von

USA \md Sowjetunion. Der Imam machte sich z\im Fürsprecher der Auf lehnving der Kleinen gegen die Großen. So konnte er erst einmal auf einer Welle der Sympathie reiten und gewann sogar die Unterstützung der Linken in der arabischen Welt und auch in Westeuropa. Sein gnadenloses Vorgehen im Iran weckte dann schnell Zweifel, generell wurde jedoch von vielen Menschen in der Dritten Welt jeder negative Bericht über den Iran als amerikanische Propaganda abgetan.

Wie sehr der Krieg mit dem Irak vom Iran selbst provoziert wurde, ist wenig bekannt Ein großsprecherisches Regime in Bagdad stempelte sich selbst zum Aggressor. Doch die beharrUche Fortsetzung des Krieges durch Teheran, vor allem die Waffenhilfe aus Israel, Ue-ßen die Stimmung in der islamischen Weltimischlagen. GegenEnde wurde Khomeini immer mehr als

Ahmad oder Haschemi?

das angesehen, als was ihn Salman Rushdi in seinen “Satanischen Versen“ beschreibt:Ein vorHaß blindes Ungeheuer, das sein eigenes Volk verschlingt

Auch nach Khomeinis Tod sitzt das Regime noch fest im Sattel. Es bewegt sich jedoch nahe am Rande des oft vorhergesagten Zusammenbruchs. Khomeinis designierter Nachfolger, Ajatollah Montazeri, mußte aufgeben. Die nachrückenden Kräfte haben aber nicht genügend Einvernehmen aiifbringen können, um die Nachfolge auf geordnete Weise zu regeln. Im Vordergrund stehen xmd standen meist weniger machtvolle Persönlichkeiten, die allmähhch dvirch die eigentlichen “Macher“ ersetzt wurden. Darin hegt ein Risiko für den Dunkelmann und Gallionsfigur zugleich, Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani. Er drängtauf den Fräsidentensessel, der im August neu zu besetzen ist.

Es ist jedoch fragUch, ob sich

Rafsandschani den wirklichen Machtapparat botmäßig machen kann. Seine Stärke lag bisher darin, daß er es meisterhaft verstand, die Stimmxingen Khomeinis gewissermaßenvorwegzunehmen, gleichzeitig aber auch Volksnähe zu demonstrieren.

Sowohl Khomeinis Vater als auch sein älterer Sohn wurden umgebracht - wahrscheinlich von Schergen des Schahs. Darin liegt ein Schlüssel zum Verständnis der Per^ sönlichkeit des Imam. Seit mehr als einem Jahrzehnt stützte er sich ganz auf Ahmad, den verbUebenen Sohn. Und der so unbedarft wirkende Ahmad ist ein Meister des politischen Schachspiels. Er vertritt den populistischen Flügel des Regimes, befürwortet Nationalisierungen und einen größeren staatlichen Sektor, während die Pragmatiker um Montazeri und Rafsandschani die Interessen der Basaris vertreten, den Privatsektor vor staatlichen Zugriffen schützen wollen.

Seit vielen Jahren schon führt der Khomeini-Sohndie Zügel hinterden Kulissen - getarnt dvirch das Image eines noch nicht ganz erwachsenen Mannes, der nicht ganz dicht im Elopf seL

Ahmad Khomeini imd Haschemi Rafsandschani waren lange Zeit hindurch die Hauptpartner der Macht Sie könnten sehr wohl zu Hauptkontrahenten im Kampf tun die Macht werden. Ebensogut könnten beide auch hinweggefegt und durch andere Kräfte ersetzt werden, die als Fontänen aus dem brodelnden Kessel erst noch emporschießen müssen.

Die große Mehrzahl der Moslems in aller Welt atmet beim Tod des “Alten vonTeheran“ erleichtertauf, wie von einem Alptraum befreit. Doch seine Mordkommandos werden so schnell nicht Zurückgerufen werden. Für viele von ihnen haben die zehn Jahre Schreckensherrschaft unter dem Groß-AjatoUah nicht gereicht, den Traum vom tausendjährigen Mahdi-Reich zu zerstören. Als Gespenst wird Khomeini noch lange weiterleben.

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