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Vom Eise befreit..

1945 1960 1980 2000 2020

Die Kirche ist nicht Papier,

1945 1960 1980 2000 2020

Die Kirche ist nicht Papier,

die Kirche ist Menschenschicksal

„Vom Eise befreit..." schreibt Goethe, und er wird zu Ostern gern zitiert. Katholischerseits ist es üblich geworden, von einer winterlichen Kirche zu reden. Nicht wenige gute Katholiken haben kalte Füße bekommen. Das aber gibt es auch in der Kirche von Österreich: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche!

Man sollte sich ein eigenständiges Denken bewahren. Der Kirche wird man nur gerecht, wenn man sie mit jenem Blick zu betrachten sucht, den die Jünger Christi einige Jahre einüben durften: dem Blick auf die Menschengestalt des Herrn und zugleich in der glaubenden Entdeckung, daß der Sohn Gottes bei uns ist. Es gibt vieles, bei dem wir sagen können: Das ist doch schön!

Es gibt einen angereicherten Boden des selbstverständlichen Glaubens. Viele Zahlen sind geringer geworden. Aber: Man sehe die vielfältige Fruchtbarkeit des Gebetes, der Nachfolge, die aus diesem Boden wächst. Er empfängt gerade auch von der Gegenwart seine Stärke. Mehr als früher geschieht nun vieles überlegt und bewußt. Ich weiß nicht, ob sich jemals so viele Menschen für die Kirche interessiert haben. Das geht keineswegs immer friedlich zu, aber man kann nicht vom Volk Gottes reden und Marionetten erwarten.

Ich schaue auf die Priester. Sie sind wenig geworden und werden noch weniger werden. Aber ich behaupte: Sie haben ein theologisches, moralisches und pastorales Niveau, wie es keineswegs immer so war. Allerdings: Diese Berufung nicht stützen führt in die Eiszeit.

In der Kirche ist das Volk erwacht. Es sind beinahe in jeder Diözese Zehntausende, die ohne Bezahlung mitsorgen und mittragen und nicht mehr von „der" Kirche, sondern von „meiner, unserer" Kirche reden. Wissen unsere Ankläger, wieviel in den Pfarrgemeinden und Diözesen Österreichs lebt -an Treue, Apostolat und Herz?

Daß nun nicht mehr allein Priester Theologie studieren können, sondern auch Laien und Ordensfrauen, gehört zum Frühling. Es geht um mehr als um Ausbildung von Fachleuten: dem guten Denken Gottes nachspüren und es mit heutiger Sprache weitersagen.

Das Herz der Kirche ist die Feier der Sakramente. Mit welcher Sorgfalt werden sie heute vorbereitet und gestaltet! Sie unterliegen zugleich der Barmherzigkeit: Es ist wohl eine Fehllösung, nur ganz Überzeugte zu taufen, zu firmen, zu trauen. Wir müssen dabei zugestehen, daß wir Geduld haben müssen und Nachsicht - auch das ist ein Schimmer von der Liebe Gottes.

Iii Österreich ist nun Weltkirche zu spüren, sei es durch viele Hilfen in die Mission, sei es besonders durch die Präsenz des Papstes. Da müssen wir noch lernen, unsere kleinen Verdrossenheiten zurückzustellen und mitzuatmen in der Weite der Welt.

Fast in jeder Diskussion wird auf Schmerzen hingezeigt: wiederverheiratete Geschiedene, Priesterberufe, Sexualmoral. Wir sind oft ratlos, finden keine Lösung. So bitter das sein kann, es ist nicht grundsätzlich negativ. Es ist eine Demonstration, wie die Kirche mit ganzer Ernsthaftigkeit zu Gott und zum Menschenschicksal stehen will.

Ungeheure Summen an Geld bringen die Katholiken außer dem Kirchenbeitrag auf. Müßten wir

Gruppenstunden bezahlen, bekämen Pfarrgemeinderäte Sitzungsgeld, wir wären längst am Ende. Vor allem: Wir hätten die unbesiegbare Kraft der Freiwilligkeit aufgegeben. Und: Trotz allen Ächzens wird vom ganz großen Teil der Katholiken der Kirchenbeitrag ohne weiteres gegeben. Deshalb können wir den Glanz von Kultur in Österreich bewahren und neu schaffen. Das ist aber mehr als Ästhetik, es ist ein Klang von der ewigen Schönheit Gottes, und wir haben auch nicht vor auszuwandern vor der Herausforderung moderner Kunst.

Einer der größten Fortschritte der letzten Zeit ist das Erwachen der sozialen Verantwortung. Eigentlich sind diese neuentdeckten Dimensionen von den Christen ausgelöst worden. Jetzt kommen sie zurück an unsere Haustür, wie ausgewanderte Kinder, die wir oft gar nicht mehr recht erkennen. Ihnen ist die Türe zu öffnen. Man sollte nicht so lange theologisieren, bis die unter die Räuber gefallene Welt verblutet ist.

Wir sind eine freie Kirche in einem freien Staat. Dieser Staat soll wissen, daß er sich selber nützt, wenn er die Kirche unterstützt. Dazu gehört der Religionsunterricht. Er wird viel geschmäht, er hat auch

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Unsere Katecheten sind oft wie Kundschafter in einem Dschungel...

Mängel. Aber hinter vielen Klagen stehen oft wehmütige Erfahrungen, den eigenen Kindern den Glauben nicht bewahrt zu haben. Unsere Katecheten sind oft wie Kundschafter in einem Dschungel des scheinbar interesselosen Kindervolkes. Es tut ihnen weh, wenn der Nachschub des Vertrauens ausbleibt. Sie finden immer noch Wege durch diese verwirrende Kinder- und Jugendgesellschaft. Sie finden auch Wege zu den Herzen, damit sie sich dem Herzen Gottes zuwenden können.

Wir Österreicher sind schon längst nicht mehr unter uns und werden es in absehbarer Zeit noch weniger sein. Neue Gesichter, neue Sprachen, neue Kulturen kommen. Gerade die Katholiken haben eine erste Bewährungsprobe bereits halbwegs bestanden: von der gege-. benen Hilfe bis zur Hartnäckigkeit, die Gewissen zu wecken. Und der Sozialhirtenbrief ist in seiner Entstehung und in seinem Wortlaut ein Stück großer Kirchengeschichte.

Doch Kirche ist nicht Papier. Kirche ist Menschenschicksal, gelebt mit ihm, der aus dem Schoß des Vaters kommend Mensch geworden ist. Die Heiligen haben neu Antlitz und Profil gewonnen. Die modernsten Menschen spüren den Trost dieser Gestalten: ob Franziskus oder Edith Stein, Maria oder P. Kolbe. Sie sind eingebettet in eine Schar, die niemand zählen kann, die unbekannten Heiligen unseres Landes. Menschen in Treue, in Geduld und in Reinheit des Herzens. Es gibt sehr viele.

Ich könnte noch viel mehr aufzählen. Wovon es aber viel mehr geben muß, damit die Kirche atmen, am Herzschlag Gottes sein, trösten kann: mehr Freude an ihr. Sie wird immer Ostem bewahren. Das ist die Begründung der Freude.

Der Autor ist Diözesanbischof von Graz-Seckau

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