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Vom „Eiskeller“ ins Treibhaus

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Zwei neue Bücher befassen sich mit Ozon loch, Treibhauseffekt und der verhängnisvollen Potenzierung eines natürlichen Temperaturanstieges durch Industrie und Lebensstandard.

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Zwei neue Bücher befassen sich mit Ozon loch, Treibhauseffekt und der verhängnisvollen Potenzierung eines natürlichen Temperaturanstieges durch Industrie und Lebensstandard.

Das Problem des Treibhauseffektes ist schon bald von Fachleuten der Meteorologie und Klimatologie in seiner ganzen Potenz erkannt worden. Man versucht nun mit zahlreichen Prognosen, diese Erscheinung zu erfassen. Das Resultat waren gemittelte Kurven, die zum Teil einige Jahrzehnte, ja sogar bis zu zwei Jahrhunderten umfaßten. Man errechnete die mutmaßliche weitere Zunahme des CO,-Gehaltes unserer Atmosphäre und die damit verbundene mutmaßliche Steigerung der mittleren Temperatur der gesamten Erde.

Zunächst einmal eine kurvenmäßige Darstellung (Graphik 2) der Zunahme des COt-Anteils unserer Atmosphäre, wie sie bis für das Jahr 2050 vorausgesagt wird. Die Kurve ist mit einem darüberliegenden, gestrichelten Ast versehen, der die Wirkung auch anderer vom Menschen erzeugter und in die Luft abgegebener Spurengase - Stickoxide, Methan, Schwefeldioxid — wiedergibt. Auch diese Spurengase üben eine für den Treibhauseffekt typische Wärmehemmung aus: Bei der Kurve wurde deren Wirkung so umgerechnet, daß sie zum C02-Anteil hinzugezählt werden müssen. Man spricht vom „äquivalenten C02-Anstieg.

In der zweiten Graphik zeigen wir nun die Zunahme der mittleren Temperatur der gesamten Erde, wie sie wohl bis in die Anfänge des 22. Jahrhunderts zu erwarten ist. Da wir nur grob abschätzen können, wie wohl der CO}-Ausstoß im Maßstabe des künftigenErnergiebedarfs der Menschheit ansteigen wird, sind drei Annahmen gemacht. Die linke Kurve errechnet sich aus der Annahme einer Steigerungsrate im Verbrauch fossiler Brennstoffe von vier Prozent pro Jahr, der mittleren Kurve entspricht eine Steigerungsrate von drei Prozent und der rechten Kurve eine Steigerungsrate von zwei Prozent.

Diese Prognose ist besonders lehrreich, da sie uns vor Augen führt, wie wichtig eine Beschränkung unserer Energieerzeugung mit fossilen Brennstoffen für die Zukunft des Weltklimas sein wird. Bei einer jährlichen Steigerung von vier Prozent wird die mittlere Erdtemperatur bereits im Jahre 2060 um sieben Grad angestiegen sein, während dieser Zustand bei einer Zuwachsrate von drei Prozent erst im Jahre 2090, und bei nur zwei Prozent erst im Jahre 2120 Wirklichkeit sein wird. Wie dem auch sei - alle drei Kurven weisen den Weg in die Klimakatastrophe für uns, für die Menschheit.

Die Methoden der Erforschung zukünftiger Verhältnisse haben große Fortschritte gemacht, vor allem weil man sich - wie in vielen anderen Gebieten der modernen Wissenschaft - der Computertechnik bedient hat. Bei einer Voraussagung zukünftiger Klimaänderungen spielen eine große Zahl von. Faktoren eine Rolle, die oft eine verstärkende oder auch hemmenden Wirkung haben. Um das in allen nur denkbaren Fällen zu erfassen, hat man sogenannte „Computermodelle“ des zukünftigen Klimas erstellt, deren Verläßlichkeit man freilich von Fall zu Fall kritisch abschätzen muß.

Andererseits kann man die verschiedenen Modelle auch auf die Vergangenheit anwenden und die Stichhhaltigkeit ihrer Ergebnisse und Voraussagungen an der Wetterentwicklung ablesen, die sich ja ereignet hat und die wir deshalb kennen. Heute dürfen wir sagen, daß wir solchen Computermodellen über die zukünftige Entwicklung des Klimas immer mehr Vertrauen schenken können.

Die Klimaforscher kennen den Treibhauseffekt schon seit mehr als 100 Jahren. Es wurde in Fachkreisen darüber diskutiert, und die Öffentlichkeit erfuhr eigentlich wenig davon. Aber bereits in den fünfziger Jahren haben einige besonders weitschauende Wissenschaftler vor dem kommenden Treibhauseffekt gewarnt. Damals schon sagten sie voraus, daß sich der Treibhauseffekt Ende der achtziger Jahre deutlich bemerkbar machen würde. Sie haben recht gehabt, obwohl die Senke zwischen 1945 und 1980 sie Lügen zu strafen schien. Zwei Gründe könnten dafür verantwortlich sein: Eine Zunahme der Versteppung weiter Landstriche mit einer entsprechenden Anreicherung des Staubes in der Luft. Sodann könnte eine langjährige Zunahme der mittleren Bewölkung der Erde - die ebenfalls Schwankungen unterworfen ist - eine Rolle gespielt haben.

Das einzige, was die Öffentlichkeit von dieser flachen Temperatursenke zwischen 1945 und 1980 mitbekommen hat, war eine fühlbare Charakterveränderung der Jahreszeiten im Vergleich zu den ersten vier Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Unsere. Eltern und Großeltern erinnern sich an zwar kurze, aber auch recht kalte Winter, in denen unsere Flüsse und Ströme vielfach zugefroren waren. Dann kam Ende März, Anfang April sehr bald der schöne, milde Frühling, gefolgt von einem meist schönen Sommer, in dem die Kinder häufig Hitzeferien bekamen. Während der Zeit der Senke wurden die Winter länger, aber auchmilder und schneereicher. Der Frühling ließ lange auf sich warten und im gerühmten Mai nur noch zögernd sein blaues Band fliegen. Dann kam, vielfach bereits im Juni, eine kurze Hitzewelle, gefolgt von einem oft verregneten Juli und August. Nur am Herbst hat sich wenig geändert.

Ja, es war sogar so, daß in der voreiligen Medienlandschaft von einer neuen Eiszeit gesprochen wurde. „Eiskeller oder Treibhaus“ wurde zum Schlagwort.

Diese Senke war wohl auch verantwortlich dafür, daß die Öffentlichkeit und die Politiker die Mahnungen der ernsthaften Klimaforschung vor dem Treibhauseffekt nicht ernst nahmen. Wie konnte man in den fünfziger und sechziger Jahren vom Treibhauseffekt reden, wenn die Natur uns das Gegenteil vor Augen führte? Aber die Klimaforscher hatten damals schon vorausgesagt, daß diese weltweite Abkühlung nur vorübergehend sei und von dem dann einsetzenden Treibhauseffekt Ende der achtziger Jahre überrollt werden wird. Man muß freilich verstehen, daß solchen Prognosen selbst in Fachkreisen gelegentlich widersprochen wurde. Die Öffentlichkeit - soweit sie sich um diese langfristigen Prophezeiungen überhaupt kümmerte - sah die Folgen eines Treibhauseffekts überhaupt nicht auf sich zukommen. .

1965 wurde festgestellt, daß die Temperatur des Nordatlantiks um ein halbes Grad gesunken war. Umgekehrt hat sich die Eisgrenze des schwimmenden Polareises um einige hundert Kilometer nach Süden verlagert, und auch die Eisberge stießen wieder weiter nach Süden vor.

Sodann sind seit Anfang des Jahrhunderts bis Anfang der sechziger Jahre die Gletscher in den Hochgebirgen auf der ganzen Erde weggeschmolzen, um dann in der Tiefe der Senke wieder zuzunehmen. Diese Zunahme war besonders auffallend, da zum Beispiel die Alpengletscher in den Jahrzehnten bis in die fünfziger Jahre hinein sehr stark abgeschmolzen waren und häßliche, schmutzige Moränen hinterließen. Dann fingen sie wieder an zu wachsen.

Alle diese Beobachtungen muß-ten natürlich Verwirrung stiften und die Glaubwürdigkeit der Treibhauseffekt-Propheten in Frage stellen. Und das ist wohl auch der Grund, weshalb sich die Politiker mit diesem Problem überhaupt nicht beschäftigt haben.

Es ist nun das Handicap der Klimaforscher, daß die von ihnen prophezeiten Klimaänderungen so langsam und langfristig vonstatten gehen. Um das Problem zu kennzeichnen, müssen sie immer von Jahrzehnten sprechen, und solche langen Zeiträume interessieren Politiker überhaupt nicht.

Heute wissen wir, daß diese „Eiskellerzeit“ - wie vorausgesagt - nur von kurzer Dauer war. Schon vor 40 Jahren haben die Klimatologen prognostiziert, daß diese kurze säkulare Klimaschwankung in Richtung auf niedrige Temperaturen Ende der achtziger Jahre vom Treibhauseffekt überrollt werden wird. So ist es dann auch gekommen.

Aus: EISKELLER ODER TREIBHAUS - Zerstören wir unser Klima? Von Heinz Haber. Her-big Verlag, München 1989.254Seiten, zahlreiche Bilder, Ln., 6S 310/44.

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