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Vom stillen Tod der Dinge

Mein Vater lebte noch. Es war im Sommer. Ich ging in die Wohnung der Eltern, um den Briefkasten zu öffnen und ihnen die Briefe und die anderen Postsendungen der letzten Wochen nachzusenden. Da lagen nun all die Papiere auf der pastellfarben bestickten Tischdecke des kühlen Zimmers; ich sichtete, wählte aus, sah die Ansichtskarten an, las die Namen der Absender; eine gelbliche Postkarte fiel mir auf, die Schrift war mit einem Tintenbleistift hastig aufs Papier gekritzelt, die Briefmarke zeigte das Gesicht eines Politikers aus der Tschechoslowakei.

Die Tante meiner Mutter hatte geschrieben. Ihr Bericht war kurz. Ihr Neffe war gestorben, Juraj, der Zahntechniker aus DobSina, zwischendurch einige Jahre hindurch General der Panzerwaffe, gestorben an schwerem Asthma nach einer Behandlung auf der Krim.

Ich nahm auch die anderen Briefe und Karten in die Hand, geistesabwesend, mit der unglaubhaften Nachricht beschäftigt. Juraj war ein fröhlicher Bursche gewesen, er hatte hellblaue Augen gehabt und einen keck zurechtgestutzten Schnurrbart, der schwarz glänzte, er hatte schwierige Zeiten heiter gemeistert; solche Leute konnten nicht einfach nur so dahinsterben, an Asthma, mit fünfundfünfzig.

Ich legte die Briefe auf die eine Seite, die Karten auf die andere, vielleicht der Größe nach, ich wußte nicht recht, was ich tat. Eine Ansichtskarte zeigte die Farbenpracht eines Badestrandes. Auf der Rückseite standen schöne Grüße von der Krim. Juraj hatte geschrieben, offenbar ein paar Tage vor seinem Tod.

Die Nachricht von seinem Sterben und danach der herzliche Gruß: Diese Umwendung der Chronologie ließ erschaudern. Es war, als hätte der Tote geschrieben.

Ich hielt die Karte in der Hand, ein totes Ding, ein Stück hartes Papier, aber einige Wochen zuvor hatte noch Juraj diese Farbfotografie betrachtet, hatte die Briefmarke benetzt und aufgeklebt, hatte mit dem Kugelschreiber die Grüße hingeschrieben und dann noch den Zusatz „Auf Wiedersehen bald“. Juraj war verschwunden, und die Karte war übriggeblieben, losgelöst von ihrem Absender, ein Stück Papier isoliert im Raum, Botschaft aus dem Tod.

Jetzt liegt die Karte irgendwo zwischen den alten Papieren meines verstorbenen Vaters; die Schrift wird eines Tages blaß sein; und irgendwann wird irgend jemand die Karte wegwerfen: eine unentzifferbare Spur fremden, erloschenen Lebens.

So sterben die Dinge. Auch so. Sie folgen ihren Besitzern in den Tod. Die hinterlassenen Sachen und Sächelchen eines Menschen erscheinen uns wie verwandelt: plötzlich treten ihre Unvoll-kommenheiten hervor, all die Sprünge und Scharten, Flecken und Risse. Der verbeulte Hut hatte, solange er noch getragen wurde, fröhlich und an manchen Tagen sogar verwegen gewirkt, nun ist er sinnlos, hat mit seiner Funktion auch seine Form verloren. Die seit Jahrzehnten täglich benützte Kaffeetasse ist plötzlich plump und museal, man käme gar nicht auf die Idee, aus einer solchen Tasse zu trinken.

Selbst die Bücher, in denen noch die Zettel und Lesezeichen eines abgeschlossenen, vergangenen Lebens liegen, haben sich verwandelt, sind verschlossen, unpersönlich, aus dem Zusammenwirken mit einem bestimmten Leser hinausgeglitten. Verlassene Gegenstände verändern ihre Gesichter.

Als wir Kinder waren, haben wir es alle erfahren: Das Spielzeug, das wir seit Monaten oder auch nur seit Wochen nicht mehr in der Hand gehalten hatten, war sinnlos geworden — ein seltsames Gebilde aus Holz oder aus bunt bemaltem Blech.

Verwundert und befremdet nahm man das Ding in die Hand, wollte und konnte nicht glauben, daß dieses Stück Etwas die Turmspitze einer Burg gewesen war, in der Ritter gehaust hatten und Riesen, Prinzessinnen und Waldgeister, während das gelbe Männchen auf dem roten Motorrad — beide aus Blech — eilig Nachricht gebracht hatte aus einer siegreichen Schlacht. Nicht die Burg war prachtvoll, nicht das Männlein heroisch gewesen, nein, unsere Phantasie hatte einen Anlaß gebraucht, sich auszudehnen und auszuleben. Auch im Geäst des Birnbaumes hausten ja nächtlich Indianer, und unter dem Himbeergebüsch, in der lockeren, von der Sonne aufgewärmten Erde lag sicherlich ein Schatz begraben.

Später besaßen wir weniger Kraft, das früher einmal von Träumen umgebene geheime Leben der verlorenen und wiedergefundenen Gegenstände in unserer Phantasie wieder erwachen zu lassen; wir erinnerten uns zwar an die freudige Erregung angesichts einer Spielkarte oder an die schönen, schwärmerischen Worte, die über einem Weinglas gesprochen worden waren, vielleicht in Anwesenheit einer Dame, aber wir betrachten bloß das aus dem Gedächtnis aufsteigende Bild eine Weile, ohne es zugleich zu beleben oder den Versuch zu unternehmen, es mit all seinen Folgen in die Gegenwart herüberzuholen. Es folgte die durch Schwäche, Trägheit und Resignation verursachte Gleichgültigkeit der Erwachsenen.

Je länger wir lebten, umso mehr Dinge starben. Kleidungsstük-ke waren aus der Mode gekommen oder sie waren verbraucht; da hingen sie noch im Schrank, bewahrten in der Dunkelheit vielleicht noch den Tabakgeruch längst vergangener Wochen und die Spur eines Schattens, der an einem hellen Tag im frühen Herbst, die Schultergegend kühlend, auf den Stoff gefallen war.

Tassen bekamen Sprünge. Auf den Tischplatten vermehrten sich die Ringe: Abdrücke der Weinflaschen und der Weingläser, Spuren mancher Teller und Tassen. Besonders ordnungsliebende Hausfrauen ließen solche Tischplatten von einem Fachmann wiederherstellen; makellos glänzte nachher die Fläche, gelackt und versiegelt; aber den verschwundenen Spuren folgten auch die Erinnerungen an gute Räusche. Sie waren verflogen. Die Tischplatte glänzte sauber und gleichsam inhaltslos.

Es gab aber auch Dinge, die wir sterben ließen ohne Erbarmen; den Topf, zum Beispiel, in dem etwas angebrannt war und den man noch hätte — allerdings mühevoll — säubern können, der aber trotzdem so wie er war auf den Mist kam; oder das alte Automobil, dessen verschiedene Reparaturen immer mehr Geld verschlangen.

Zu manchen beglückenden Abenteuern hatte uns das bereits damals nicht gerade junge Fahrzeug hingeführt; wie oft hatten wir während der Fahrt durch den Wald das Fenster heruntergekurbelt und uns die kühle frische Luft über das Gesicht strömen lassen; und wie viele Male blickten wir nachts in den doppelten Lichtkegel der Scheinwerfer, zum Bremsen bereit und angespannt, denn ab und zu sprang ein Hirsch auf die Straße, flink und kräftig. er sah aus wie ein Mensch: wie ein als Hirsch maskierter Schamane.

Das Automobil wollte eines Tages wieder einmal nicht. Der Mechaniker nannte eine Summe. Wir schüttelten den Kopf, wußten, daß wir das Fahrzeug verkaufen und nun ein neues altes anschaffen mußten, wir wußten auch, daß der Mechaniker die Höhe der von ihm genannten Summe in der Hoffnung festgesetzt hatte, der Autobesitzer würde noch handeln. Er handelte nicht. Er ließ sich mit wenig Geld abfinden und hatte vernünftigerweise nichts dagegen, daß man das Fahrzeug, nach dem Abverkauf sämtlicher noch brauchbarer Teile, auf den Autofriedhof brachte. Da lag es nun einer großen Konservenbüchse gleich zwischen anderen überdimensionalen Konservenbüchsen und wurde, so sagte man, zur Stahlerzeugung verwendet.

Wir ließen aber nicht nur unser altes Auto sterben, sondern auch unseren Herd, der sich zum Verbrennen von russischem Erdgas offenbar nicht eignen wollte. Die Änderung der Lebensform ließ in ein paar schnell dahinfliegenden Jahrzehnten alle Dinge dahinsterben, die man aus irgendeinem Grund nicht mehr verwenden konnte: die weiße, an den Ohren befestigte Schnurrbartbinde; den runden, emaillierten Spucknapf mit der runden Öffnung in der Mitte, die aussah wie ein zyklopisches Auge; verschiedene Geräte der Optik wie das Pincenez, die Lorgnette und das Monokel; das Tintenfaß in allen seinen Variationen, zum Beispiel als Schmuck des Schreibtisches, mit einem bronzenen Löwen oder Adler verziert. Auch besitzt der Parkwächter keinen Spazierstock mehr, der in einer langen, starken — uns Kinder erschreckenden — Stahlsprosse endet, damit der Hüter der Ordnung nebenbei auch alle vom Winde verwehten Papierfetzen aufspießen könne.

Die Dinge sterben in uns: Erst nach ihrem Tod in der Phantasie sterben sie wirklich. Im Verdrängen von Erinnerungen liegt Schwäche oder Feigheit, vorausgesetzt, es entspringt nicht der nach innen gerichteten Kraft jener Selbstreinigung, die für Zukünftiges Raum schafft. Es gibt einen Verzicht, der nichts anderes ist als Entsühnung, Fasten, Reinigung vor dem Abenteuer, Voraussetzung der geistigen Fruchtbarkeit im Sinne des Goetheschen „Stirb und werde“.

Der Tod der Dinge leitet die Auferstehung der Dinge ein: ihren Zerfall und ihre Verwandlung. Was vom persönlichen Schicksal gezeichnet war, kehrt in den Zustand einer kristallinischen oder amorphen Form zurück. Es liegt da, lebensbereit als Rohstoff neuer Schöpfung.

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