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VON DER SUBVENTIONIERTEN UNVERNUNFT ENDLICH ZUR VERNUNFT KOMMEN!

Herr Präsident Schwarzböck, in den letzten Wochen und Monaten haben die Massenmedien ausführlich Uber die Probleme der Bauern berichtet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil mit großen Traktorendemonstrationen gedroht wurde, die erfreulicherweise dann doch nicht abgehalten wurden. Wie sehen Sie als oberster Interessenvertreter der Bauern im Agrarland Nr. 1 die Situation?

Wenn auch bei Milch und Getreide buchstäblich in letzter Minute eine Einigung erzielt werden konnte, so ist dennoch der Bereich Wein geblieben, der dringend einer Lösung harrt. Die Situation auf dem Getreidemarkt war so ernst wie noch nie. Wenn nämlich das Getreidemodell - Absatzgarantie, Preisgarantie, Hälfte der Exportko-sten.muß der Staat-Zahlen -nicht aufr recht geblieben wäre, hätte nicht nur der Zusammenbruch des Getreidemarktes, sondern auch in logischer Konsequenz auch jener aller anderen Agrarmärkte gedroht.

Während Österreich 1965 noch Getreide einführen mußte, konnte angesichts ertragreicherer Sorten, verbesserter Düngung und nicht zuletzt dank des hohen Könnens und des Fleißes unserer Bauern die Getreideproduktion angehoben werden, und aus dem Importeur wurde ein Exporteur. 1979 wurden 71.0001 exportiert, 1985 sind es rund eine Million Tonnen Getreide, die außer Landes gebracht werden müssen. Die Exportkosten dafür betragen etwa 2,9 bis 3 Milliarden S gegenüber 86 Millionen Schilling im Jahre 1979.

Weil man die Bedeutung des Getreidemarktes erkannt hatte, schuf man nach Ende der Ernte 1979 das noch heute geltende Getreideexportmodell. Die Exportkosten werden vom Staat und von den Bauern selbst je zur Hälfte getragen. Die Bauernvertreter wußten aber, daß daneben nach anderen Lösungen gesucht werden müßte, und fordern seit Jahren eine echte Förderung der Alternativen wie Biosprit, Ölsaaten und Eiweißfutterpflanzen.

Die Vorteile der Alternativproduktion sind einleuchtend:

So wurden 1985 rund 600.000 t pflanzliche öle, Fette und Eiweißfuttermittel im Wert von rund 4 Milliarden Schilling eingeführt. Würde man diese in Österreich anbauen, brauchte man dazu an die 250.000 ha. Die Fläche, die jenes Getreide einnimmt, das exportiert werden muß, beträgt aber nur 200.000 ha. Dazu kommt, daß die Exportkosten pro ha Getreide mindestens 15.000 S betragen, die Bauern aber bei einer Förderung von nur 6000 S bis 8000 S pro Hektar mit der Produktion von öl und Eiweißfruchten beginnen könnten. Die in der Vorwoche im Nationalrat einstimmig beschlossene Novellierung des Marktordnungsgesetzes ermöglicht einen zusätzlichen Anbau von Ersatzkulturen des Getreidemarktes wie Raps, Sonnenblumen, Eiweißpflanzen etc. im Ausmaß von ca. 20.000 ha im Wirtschaftsjahr 1986/87.

Das klingt alles sehr einleuchtend. Es drängt sich daher die Frage auf, warum man nicht schon längst diese Alternativen genutzt hat. Woran liegt das Ihrer Meinung?

Es steht wohl außer Streit, daß die agrarpolitische Situation mehr als angespannt ist. Was wir heute mehr denn je brauchen, ist eine Verbesserung des politischen Klimas, das sich in den letzten Wochen und Monaten gleichsam von Tag zu Tag verschlechtert hat.

Wir Bauern bekennen uns zur Mitverantwortung und beweisen dies immer wieder. Jüngster Beweis:

Gemeinsam mit den Sozialpartnern haben wir Vorschläge zum Ausbau der dringend notwendigen Produktionsalternativen erarbeitet und sind bereit, Hunderte Millionen an Bauerngeldern zum Aufbau dieser Produktionen zur Verfügung zu stellen.

Angesichts dieser Tatsachen und Zahlen ist es wohl allerhöchste Zeit, daß wir von der vielzitierten subventionierten Unvernunft zur Vernunft kommen! Weil wir glauben, daß dieser Weg beschritten werden muß und auch beschreitbar ist, waren wir kürzlich in Finnland, um an Ort und Stelle das ölsaatenprojekt zu studieren, das für das vergleichbare Österreich durchaus machbar ist.

Wie funktioniert nun dieses finnische Modell?

Das kleine, neutrale Finnland hat seit Ende 1982 ein Ölsaaten-Förde-rungsgesetz, aufgrund dessen jährlich Höchstanbaumengen und Preise staatlich festgelegt werden. Der Produzentenpreis beträgt derzeit das 2,2fache des Gerstenpreises. Die rapsverarbeitende Industrie erhält im Rahmen der jährlich festgesetzten Höchstmengen die Vergütung der Preisdifferenz zum Weltmarkt.

Diese Vergütung wird monatlich aufgrund der festgesetzten einheimischen und der monatsdurchschnittlichen Weltmarktpreise festgestellt. Als Weltmarktpreise werden die laufenden Notierungen an der Rotterdamer Börse plus Frachtkosten verstanden. In Finnland, mit ähnlicher Landwirtschaftsstruktur wie bei uns, hat man schon längst erkannt, daß man gerade als neutraler Staat nicht nur im Krisenfall unabhängig sein muß. Jedenfalls haben uns die Finnen bewiesen, daß man Ölsaaten in wachsendem Maße produzieren und wirtschaftlich im eigenen Land verarbeiten kann.

Was wäre nun Ihrer Meinung nach notwendig, um die Situation unserer Landwirtschaft zu verbessern? Was müßte geschehen, um das Einkommen der Bauern anzuheben?

Statt die Landwirtschaft immer wieder als subventionierte Unvernunft zu bezeichnen, ist es zum Wohle aller zweifellos besser, gemeinsam den Weg der Vernunft zu beschreiten. In einem Klima, fernab der Beschimpfungen und Unterstellungen, das es ermöglicht, einer ganzen Berufsgruppe jenen Lohn zukommen zu lassen, der ihm zusteht. Es geht zweifellos nicht an, daß gerade die Bauern Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, während jede andere Berufsgruppe jährliche Einkommenssteigerungen erzielt, die wir ihr auch gar nicht neiden. Den gerechten Lohn sollte die Gemeinschaft gerade den Bauern nicht verwehren, die durch ihre Arbeit nicht nur für die Versorgung mit Nahrungsmitteln, sondern auch für die Pflege der Umwelt sorgen.

Das Interview mit Präsident Rudolf Schwarzböck führte Mag. Gerd Rittenauer.

Eine Information der NO Landwirtschaftskammer

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