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Von Nörgelsucht umschwirrt

Sie toben sieh, meine Damen und Herren, in beklagenswerter Zeit au ' beklagenswertem Anlaß versammelt: zu einer Schulfeier. Beklagenswert ist unsere Zeit, da sie sich — bei allgemein maxi-miertem Trend zur Perfektion — doch in niohts so sehr perfektioniert hat wie in der Fähigkeit, sich über sich selbst zu beklagen. Sie bejammert aber nicht nur ihre Gegenwart, sie weiß auch die Vergangenheit samt allen möglichen Zuküniften in den schwärzesten Farben zu malen, sie klagt über Gott und die Welt, über den Menschen, den Unmenschen, Untermenschen, natürlich auch über den Übermenschen, über Demokratie und Diktatur, über Ordnung und Chaos, sie klagt, worüber Sie wollen, doch am allermeisten am allerkläglichsten über die Schule.

Die Schule ist an allem schuld.

Welches Übel immer Sie auch aufs Korn nehmen, als Ursache seiner Ursachen, als die jedes Unglück nährende Wurzel wird die Schule entdeckt.

Schlagen Sie eine Zeitung auf, ein sehreierisches Boulevardblatt oder eine hochgestochene intellektuelle Gazette, spätestens auf Seite 3 werden Sie es bestätigt finden: An der Schule liegt's, nur an der Schule. Oder drücken Sie den Knopf an Ihrem Radio: Sie werden gar nicht lange suchen müssen, bis Ihnen eine Stimme aus dem Kasten entgegentönt: alles Unheil der Welt beginne in der Schule. Oder widmen Sie sich Ihrem Fernsehapparat: Zwischen Shiloh-RanOh und Krimi erscheint ganz sicherlich ein ernsthaft und gelehrt aussehender Herr oder eine noch ernsthafter und noch gelehrter ausseihende Dame oder eine ganzes Team solcher Damen und Herren, die darin einig sind: in der Schule liegt der Hund begraben. In jeder besseren Buchhandlung füllen die Klage-schriften gegen die Schule mehrere Regale... Wer also kann daran zweifeln: Die Schule ist an allem schuld.

Hören wir doch einmal zu!

Sind die Menschen leidlich zufrieden und mit ihrem Schicksal einverstanden — wo liegt die Ursache? Nun, in der Schule; denn sie hat diese Leute schon in deren zartestem Kindesalter des kritischen Sinnes beraubt und hat sie zu stumpfen Konformisten gestempelt.

Sind die Menschen aber unglücklich, unzufrieden, aufsässig und revoltieren gegen ihr Dasein; wer oder was hat sie dahin gebracht? Die Schule, ganz klar, die Schule! Denn sie hat es versäumt, diese Individuen auf das Leben vorzubereiten, auf das Laben, wie as nun einmal ist, die Schule hat es versäumt, sie zur Anpassung und Geschmeidigkeit zu erziahen, die Schule hat sie verdorben.

Jeder Schüler, der die Schule verläßt, ist ein wandelnder Beweis dafür, daß sich die Schule an ihm versündigt hat. Ist einer klug und hat was gelernt, kann rechnen, lesen, schreiben, weiß, wie viele Quadratkilometer Afrika und wie viele Beine ein Maikäfer hat, kann sogar Alexander den Großen von Peter Alexander unterscheiden — dh, was ist an diesem Menschen verbrochen worden? Sein Kopf wurde mit Buchwissen vollgestopft, seine Natur überfordert, seine Triebe verkrüppelt. Seine ursprüngliche Kreativität wurde durch erlahmende Rezeptivität überformt und abgewürgt. Die Schule hat ihn frustriert.

Ist aber einer dumm und faul gewesen acht Jahre lang oder gar zwölf, ist unbeleckt geblieben, ein Kahlkopf, hat nichts im

Sinn als Mädchen und Mopeds, was kann die Ursache sein? Die Schule, natürlich die Schule! Sie hat ihn um die Jahre betrogen, die er vergeblioh auf ihren Bänken versaß, sie blieb ihm jede Übung des Verstandes schuldig, sie ließ ihn intellektuell verkommen, die SChuie hat ihn auf dem Gewissen.

Die Schule ist schuld daran, wenn wir von Ehrgeiz besessen sind, denn ihr Notensystem programmiert schon den kleinen Knirps, den unschuldigen ABC-Schützen auf Leistung und Wettbewerb, die Schule hetzt uns auf zum gnadenlosen Kampf um den Platz an der Sonne und vergiftet unser soziales Klima mit Aggression.

Andernteils aber läßt die Schule jedes Streben erlahmen, sie erfüllt unsere Jugend mit bleischwerer Lethargie; in der Sandwüste schulischer Langeweile erliege jeder Wissansdurst; kein Wunder, wenn auch das Leben nach der Schule keinerlei Blüte zeige, es sieche nur fort in frühgewohnter ödenei.

An der Schule liegt es auch, wenn unsere Umwelt verschmutzt, voll Müll und Unrat verkommt, denn man habe uns nicht gelehrt, auf Sauberkeit und Ordnung zu achten. Gleicherweise aber liegt's an der Schule, wenn sich gewisse Leute nicht genug tun können in Pitzlichkeit und Pedanterie, und alles wie geschleckt haben wollen.

Die Schule ziehe die Kinder heran zu kleinkariertem Spießertum und ängstlicher Duckmäuserei; andernteils aber hetzt sie die Kinder auf zu maßloser Verschwendungssucht und anmaßender FreOheit gegen die Eltern.

Die Schule hat die heilige Pflicht und Schuldigkeif, die Chancengleichheit für alle wahrzunehmen und dafür zu sorgen, daß jedes Kind mit gleichen Kenntnissen und gleichem Anspruch auf Glück ins Leben trete. Doch wehe der Schule, die den Begabten Förderung versagt, die alle über den gleichen Kamm schert; eine solche Schule wird schuldig an der Gesellschaft.

Die Schule soll sich vor Uber-treibungen hüten, denn wo käme sie hin mit Extravaganzen? Aber auch der Goldene Mittelweg ist nicht viel wert, er führt nur zu miesem Durchschnitt.

Die Schule möge unsere Buben und Mädchen zu wahren Athleten ausbilden, zu kühnen Skiläufarn, Sprintern, Springern und vor allem au 'hochbegehrten Fußballstars; doch soll sie sich hüten, den sportlichen Ehrgeiz auf die Spitze au treiben und unsere Jugend dem Moloch Rekordsucht in den Rachen zu werfen.

Die Schule soll endlich darangehen, ihre Fächer zu reduzieren und den Wust des Wissens zu lichten und abzubauen; sie soll aber andernteils alles Neue und alles Alte lehren, von der Astronautik bis aur Aufklärung über das Kinderkriegen; sie soll musisch und realistisch, österreichisch und europäisch, traditionell und avantgardistisch, sie soll im Mutterboden der lieben Heimat verwurzelt und zugleich auf dem Drahtseil übernationaler Globalität sattelfest und unerschütterlich sein.

Arme Schule! Sie soll so viel — und macht es keinem recht. Woran das wohl liegen mag?

Geht es der Schule nicht etwa so wie dem Wetter, das es auch niemandem recht machen kann? Es ist entweder zu schön oder au schlecht, zu kalt oder au heiß, es geht auf die Nerven, wenn es wechselt, und auf die Nerven, wenn es beständig ist.

Oder: Die Schule ist wie die Ehe. Jedermann glaubt sich für die Ehe bestens geeignet. Heiratet er, dann staunt er darüber, daß die Ehe auch Unbequemlichkeiten mit sich bringt. Nun geht das Jammern, das Klagen, das böse Witzeln an. Nimmt sich dann einer das Herz, bricht aus der Ehe^aus, läßt sich scheiden, was geschieht dann im Handuimdre-

hen? Er ist wieder auf dem Standesamt.

Die Schule ist also — wie das Wetter und die Ehe — von ständiger Nörgelsuoht umschwirrt. Und trotzdem: im Emst hat niemand etwas gegen sie. Sie gilt uns seit mindestens 200 Jahren als eine der großen lelbenskonsti-tuierenden Uiwenrneidiliohkeiten. Wir alle sind fest davon überzeugt, daß die Schule das Fundament unseres Lebensstandards, unserer Kultur, unserer Zivilisation ist. Und sind überzeugt, daß es der übrigen Welt, sofern sie hungert und leidet, nur an geeigneten Schulen fehlt, Schulen, wie wir sie haben. Gäbe es solche Schulen, so glauben wir, in Afrika, Asien und Lateinamerika, wäre es bald zu Ende mit Not und Elend.

So trauen wir, wie es scheint, der Schule doch eine Menge Gutes au? Aber gewiß. Und wir sind vielleicht nur deshalb so kritisch gegen sie, weil wir so viel, weil wir beinahe alle« von ihr erwarten?

Wir überreichen ihr unsere Kinder zumeist in einem Zustand haarsträubender Unerzogenheit, als kleine Wilde und Kobolde und sagen uns: Die Schule wird's schon richten.

Wir sind erbittert, wenn die Lehrer unserer Sprößlinge keine Engel sind, und können es nicht fassen, daß auch sie Nerven haben — bei dreißig Schülern! —, da doch unsere eigenen Nerven bereits durch zwei Nachkommen gänzlich verschlissen sind.

Wir erwarten, Wie mir scheint, daß die Schule aus unseren Kindern neue Menschen macht, mit einem Wort: daß sie das Paradies

auf Erden herstellt. Alles, was wir selbst der Welt schuldig bleiben in unserer Zeit, das soll die Schule herstellen für die Zukunft.

Woher diese ungeheure, unmäßige und deshalb ungerechte Hoffnung? Unsere Großväter sagten: Wissen ist Macht. In der Generation unserer Väter kam die Erwartung auf: Wissen beschenke uns auch mit Güte, denn man müsse den Menschen nur bilden und belehren, dann werde er von selbst begreifen, was er seinen Mitmenschen, was er der Gesellschaft, ja, was er der ganzen Menschheit schuldig sei. Und wenn (so begann man in unseren Tagen zu hoffen) Wissen nicht nur Macht, sondern auch Güte

verleihe, dann müßte es ja auch Glück mit sich fuhren, Glück: das heißt: Freiheit, Freiheit von Schmerz, von Furcht, womöglich vom Tod... kurz und gut: der Himmel auf Erden.

Und dar Ort, an dem Wissensvermittlung geleistet wird, wäre natürlich die Schule.

Das war nicht immer so. Früher vermittelten auch Kirche, Familie und Brauchtum: die Kirche vermittelte ein Weltbild, die Familie — je nach Stand und Beruf — einen Schatz praktischer Erfahrungen; das Brauchtum wieder sorgte für Gewähnung an gesellschaftliche Formen, für Anpassung und Einordnung. Damit hat es ein Ende. Das Weltbild der Kirche wind weithin als unzureichend abgelehnt. Die praktischen Erfahrungen der Eltern sind für die Jugend nicht mehr relevant: sie lernt Neues, anderes, sie lebt in einer spezialisierten und ganz veränderten Walt. Was endlich das Brauchtum und Herkommen betrifft, in denen sich einstmals die Erfahrungen früherer Generationen stapelten, so sind sie in jüngster Zeit vollends albgerutscht und werden nur noch als billige Spektakel geduldet und verkauft.

Die Gesamterziehung des Menschen ist in die Schule abgewandert. Das heißt, sie ist aus dem Bereich des Religiösen, Familiären, Sozialen, damit auch Praktischen und Emotionalen in den Sog des Wissens, und nur des Wissens, geraten.

Doch — was ist unterdessen aus unserem Wissen geworden? Es ist in den letzten Jahrzehnten einem großartigen, doch letzten Endes beängstigenden Prozeß unterlegen: es vermehrt sich in geome-

trischer Reihe. Schon hat man errechnet, daß es sich alle fünf Jahre verdoppelt. Überall ist Forschung am Werk, und auf der ganzen Erde sorgt eine multipli-kative wissenschaftliche Publizistik für die Verbreitung aller Ergebnisse, wobei jedes dieser Ergebnisse als Reizwert für neue Forschungen funktioniert. So verbreitert sich der Horizont dessen, was — einmal erkannt — rechtens auch gelehrt und weiterverbreitet werden müßte, unaufhörlich.

Unsere Hochschulen bersten unter dem Druck dieses Zuwachses, sie bersten in jeder Richtung und natürlich auch nach unten. Sie geben Stoff .ab an unsere Mittelschulen, zunächst an die Oberstufen, diese an die Unterstufen, weiters an die Hauptschulen, diese an die Elementarschulen — und diese...?

Schon hat sich die Vorschule formiert. Schon faselt man davon, daß man Vier- und Dreijährigen Lesen und Schreiben beibringen sollte; schon werden in den Kindergärten Grundbegriffe der Abstraktion, der Mengenlehre vermittelt, schon bald wird man die Lernfähigkeit der Zweijährigen zu nutzen suchen ...

Das System ist von Ungeduld aufgeheizt.

Die Kopflastigkeit unserer Kultur übt einen verhängnisvollen Druck aus auf die, die sich am wenigsten dagegen wehren, die sich nur versagen können, auf unsere Kinder.

Wie soll das weitergehen?

Das Wissen wird sich weiter vermehren und weitere, immer stärkere Druckwellen nach unten aussenden. Einmal wird eine Grenze erreicht sein. (Oder nicht?)

Man hat bis jetzt das steigende Pensum an Wissen damit aufzufangen gesucht, daß man neue und, wie man hoffte, immer bessere, immer intensivere, effektivere (vielfach freilich nur aufwendigere) Lehnmethoden entwickelte.

So folgte Reform auf Reform.

Daß ihre Ergebnisse fragwürdig blieben, ist bekannt. Wenn ein Patient jeden Tag eine neue Medizin, eine neue Kur verordnet bekommt, wird er am Ende nicht nur einen total verdorbenen Magen, sondern auch eine Angstneurose haben. Seine Leiden werden durch seine Unsicherheit potenziert. Auch die Schule ist verunsichert. Unsere Ungeduld, die au viel von ihr erwartete, hat sie nicht nur krank geschrieben, sondern auch krank gemacht.

Am guten Willen, zu bessern und zu heilen, fehlt es nicht. Aber man glaubt, guten Willen nur insofern praktizieren zu können, als man den jeweiligen Stand genau in Evidenz hält; also muß fortwährend über alles berichtet, jede Aktivität registriert, jede Menge quantifiziert, alle Betroffenen jeweils genau ins Bild gesetzt, alle Entscheidungen vordis-kutiert, gegengezeichnet und noch einmal gagengezeichnet werden. Die bürokratischen Maßnahmen wachsen an — nicht zuletzt durch die wachsende Verfügbarkeit und Perfektion der bürokratischen Vervielfältigunigsmittal. Auch in dieser Hinsicht Explosion. Die Schule ist in Gefahr, zwischen zwei Explosionen, jener des Wissens und jeher der Bürokratie, zerrissen zu werden.

10h würde meinen, daß die Schule durch einen doppelten Verzicht wieder Atemluft gewinnen könnte: durch eine (wenn auch fallweise schmerzliche) Abschirmung gegen die ausufernde Wissenschaft und durch Eindämmung der bürokratischen Evidenz. Unsere Kinder brauchen mehr Geduld und mehr Festigkeit, die Lahrer brauchen mehr Vertrauen. Das klingt anachronistisch? Ja. Aber der Mensch sollte doch wohl wichtiger sein als die immanente Folgerichtigkeit von Systemen. Nicht nur die Schule, wir alle stehen sonst einmal in seiner Schuld.

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