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Vor dem Sonnenuntergang

Zum dritten und letzten Mal tritt Edmund Glaise-Horsten-au in den Zeugenstand. Nach acht Jahren konnte Peter Broucek mit der Vorlage des dritten Bandes’ die Edition der umfangreichen Aufzeichnungen jenes „Generals im Zwielicht“ abschließen, der mit seinem Hang zum „Mitmischen“ in der Politik bekanntlich im Jahr des Unheils 1938 als Exponent sogenannter „nationalbetonter“ und „katholisch nationaler“ Kreise eine dubiose und — wie die vorliegenden Aufzeichnungen verraten - später bitter bereute Rolle spielte.

Wenn der Bericht dieses Bandes einsetzt, liegen die beschaulichen

Jahre militärhistorischer Forschungen als Direktor des Kriegsarchivs für den Memoirenschreiber weit zurück. Dasselbe gilt für sein Gastspiel als Bundesminister vor und nach der NS-Machter-greifung, die Glaise-Horstenau außer politischer Enttäuschungen trotz seiner Berlin geleisteten „guten Dienste“ nur den Ehrenrang eines „SA-Obergruppenführers h. c.“ eintrugen*. Als 1939 der Krieg ausgebrochen war, den Glaise glaubhaft von Anfang an als Unglück erkannt hatte, durfte er noch die wenig attraktive Rolle eines „Inspektors der Kriegsgräberfürsorge“ im Oberkommando der Wehrmacht spielen.

Da scheint noch einmal das Schicksal zu einer bedeutsamen Aufgabe zu winken. Die deutsche Wehrmacht ist im April 1941 in Jugoslawien einmarschiert. Der Staat der Südslawen zerbricht. Kroatien wird selbständig - allerdings von Gnaden des Duces und des Führers. Der Berufsrevolutionär Ante Pavelič errichtet sein Ustaša-Regime. Im Führerhauptquartier von Mönichkirchen erfährt Glaise aus dem Munde Hitlers, daß er zum Deutschen bevollmächtigten General in Kroatien ausersehen ist. Noch einmal erwacht in ihm die Hoffnung, als Kenner und Schätzer Altösterreichs und seiner nationalen Probleme, einen Beitrag zu einer gerechteren Neuordnung in diesem alten Wetterwinkel Europas leisten zu können, obwohl ihn die Enttäuschungen des „Anschlusses“, den er sich als Zusammenschluß unter Wahrung der Individualität und Traditionen Österreichs vorgestellt hatte, hätten warnen müssen.

Bald stellt sich auch heraus, daß die Rolle eines Deutschen Generals in Kroatien ein Titel mit wenig Mitteln und Kompetenzen ist. Die Kontakte von Berlin nach Zagreb laufen über den Vertrauensmann Joachim Ribbentrops, den als Gesandten auftretenden SA-Führer Kasche. Glaise darf nur „Atmosphäre machen“ und Kontakte zu den zum Großteil noch aus der k. u. k. Armee hervorgegangenen höheren kroatischen Offizieren pflegen, auf die zumeist ein bitteres Schicksal wartet. Dem Ustaša-Terror gegen die pravoslaven Mitbürger des neuen Kroatien jedoch entscheidend zu wehren, gelingt ihm nicht. Einzelne Erfolge beruhigen höchstens das persönliche Gewissen. Eine Befriedung auf breiter Front ein-

zuleiten, bleibt dem Deutschen General in Kroatien jedoch versagt, während Titos Partisanen-Armee gerade durch die erfolgten Greueltaten ihre Kader immer stärker auffüllen kann.

Zurück bleibt ein sich in Intrigen verzettelnder, geschehenes Unrecht und den Gang der Welt beklagender Glaise-Horstenau, der sich mit seinem - wie er es nennt - „Tuskulum“ als Residenz auf dem Tuskanač in Agram tröstet und eifrig notiert, wann immer es im Dom schöne Hochämter und bei verschiedenen Dienststellen wohlgedeckte Tische gab.

Daneben stehen freilich auch immer bitterer werdende Kommentare über die Unvernunft der Balkan-Politik des Dritten Rei-

ches und wenig Schmeichelhaftes über den Poklavnik. Auch die Größen des Dritten Reiches und seine Generale werden nicht geschont. Rendulic etwa ist in den Augen Glaises einmal ein „Wüterich“ (S. 303) und an anderer Stelle „ein dummer, dabei aber unersättlich ehrgeiziger Kerl“ (S. 320). Gleichzeitig vermitteln diese Aufzeichnungen Einblick in den Wirrwarr in den höheren Dienststellen der den Zeitgenossen jener Jahre oft als so straff organisiert erschienenen deutschen Militärmaschine.

Die Erkenntnis über den aus persönlicher Geltungssucht eingeschlagenen Weg wächst. Immer öfter empfindet sich der Memoirenschreiber als „tragisch-komi-

sche Figur“ (S.347) und an anderer Stelle bekennt er, wie außerordentlich schwer es sei, „für eine als verloren erkaimte Sache noch zu arbeiten“ (S. 315). Diese Erkenntnis führt auch zu Kontakten mit der innerkroatischen Opposition, ja über Mittelsmänner auch zur Fühlungnahme mit den westlichen Alliierten. Grund genug, den bald als „Defaitisten“ im harten Kern des Ustaša-Lagers verschrieenen General, der ja „kein Deutscher, sondern ein Österreicher sei“, in seiner Mission stolpern zu lassen.

Zurückgekehrt in die unter dem Bombenkrieg schwer leidende Heimat und zur Untätigkeit verurteilt stellt sich bei dem Heimkehrer immer öfters Zukunftsangst ein. Gespenstisch konfrontieren mit dieser die Illusionen, die noch im Jänner 1945 so manche Gesprächspartner aus dem Strandgut des Dritten Reiches auf dem Semmering von der Neuordnung Mitteleuropas nach dem „Endsieg“ machen (S. 508ff).

„Letzte Manöverkritik“

Auch bricht aufgrund des erfahrenen Anschauungsunterrichts ein beinahe integral zu nennendes österreichertum bei dem einstigen Exponenten der sogenannten „national betonten“ Kreise durch, an dessen Ehrlichkeit mcht gezweifelt werden soll. Es kam sogar soweit, daß Glaise-Horstenau in den Wirren des Zusammenbruchs des nationalsozialistischen Reiches in Salzburg „die lieben rot-weiß-roten Fahnen“ (S. 543) als Zeichen der Hoffnung aufrichtig begrüßt. Mehr noch: In seinem in amerikanischer Haft zu Allerseelen 1945 geschriebenen Kapitel „Letzte Manöverkritik“, welches aus mehr als einem Grund lesenswert ist, wird die Frage aufgeworfen, ob wir Österreicher nicht am Ende im Begriff waren, „eine eigene Nation zu werden“ (S. 580).

Dieser im Rückblick auf die Zeit vor 1938 geschriebene historische Prozeß hat mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem 1946 aus innerer Verzweiflung erfolgten Selbstmord Glaise-Horstenau wohl die Probe aufs Exempel bestanden.

Noch einmal und immer wieder sei die Akribie Peter Brouceks hervorgehoben, mit der dieser den historischen Apparat gestaltet hat und in knappen Fußnoten die oft tragischen Schicksale einer ganzen Generation deutscher und altösterreichischer Offiziere vieler Nationen vermittelt. Dem Herausgeber gebührt für die Vollendung des großen Vorhabens hohe Anerkennung, dem Verlag für sein Wagnis aufrichtiger Dank.

> EIN GENERAL IM ZWIELICHT. Die Erinnerungen Edmund Glaises von Horstenau, Band 3. Von Peter Broucek. Böhlau-Verlas, Wien 1988. 598 Seiten, öS 980.-.

‘ Vergleiche die Kritiken der Bände 1 und 2 in der FURCHE vom XI. Februar 1981 und vom 14. Dezember 1983.

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