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Vor Feldzug gegen „Menschenfeind"

Der romantische Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist in der arabischen Welt nach wie vor lebendig. Man kann sich gar nicht genug tun, die „glorreiche" Vergangenheit heraufzubeschwören. Von Nasser bis Saddam waren und sind Diktatoren auf der Suche nach einer Rolle in der Weltpolitik, die in keinem Verhältnis zur relativ kleinen Zahl der Araber und ihrer geringen Bedeutung als Menschenpotential steht.

Den Arabern scheint es besonders schwer zu fallen, sich mit der Beschränkung ihrer „Rolle" abzufinden und die Universalität dieses Reduzierungs-Phänomens zu erkennen, von dem schließlich eine

ganze Reihe von Nationen unseres global village betroffen ist. Ähnlich wie ihre israelischen Nachbarn verlangen auch die Araber nach einer Machtposition, die in keinem Verhältnis zu ihrer demographischen Marginalität steht. Zu diesem Zweck beschwören sie gern den Islam herauf; denn damit sind sie der Kern eines Sechstels der Menschheit - und bald wird es wohl ein Fünftel sein.

Diese Hybris, die manch Außenstehendem als Revanchismus erscheinen mag, ist nicht nur bei Islamisten (Fundamentalisten) stark, sondern auch bei vielen Säkulari-sten. In Krisenzeiten bricht sie stärker hervor - und kaum je zuvor so stark wie in der Kuweit-Krise. Denn hier ist es erstmals einem Araber gelungen, andere Mächte das Fürchten zu lehren.

Das läßt auch manchen derjenigen Araber triumphieren, von denen man es am wenigsten erwartet hätte, weil sich der nationale Minderwertigkeitskomplex hinter einer Maske der Verwestlichung verbarg. Andere wiederum, die aufgrund ihres religiösen Gepräges oder ihrer verbohrten Radikalität als anti-westliche Fanatiker galten, treten gegen Saddam auf - fast möchte man sagen überraschenderweise. Jene Nationalisten wollen beweisen, daß sie es mit ihren Forderungen nach Gerechtigkeit für die Palästinenser ernst meinten, daß es ihnen um das Prinzip der Gerechtigkeit und der Freiheit geht (siehe Seite 11). So wird Saddam auch von zahlreichen moslemischen Religionsgelehrten ob seines unmenschlichen Vorgehens gegen Kuweit in Grund und Boden verdammt, als ein Anti-Moslem, der den Arabern nichts als Schande bringe.

Das Bagdader Regime ist seit fast 20 Jahren emsig dabei, seinen Einfluß in der arabischen Welt auszudehnen, und zwar mittels der Baath-Partei, die ja nicht eine irakische, sondern eine pan-arabische Partei sein will.

In Mauretanien und im Sudan schürt die Baath-Partei den Rassenhaß zwischen Braunen und Schwarzen. Beide Länder haben eine schwarzafrikanische Mehrheit, die von den arabischen Militärdiktaturen blutig unterdrückt wird. In beiden Fällen warnt die irakische Propaganda vor einer Überfremdung des Arabertums durch die Schwarzen. Wenn hier nicht ein Riegel vorgeschoben werde, könnten auf arabischem Boden weitere Israels entstehen, heißt es in den Bagdader Medien.

Ungeachtet dieser zutiefst unislamischen Politik begann Saddam bereits vor sieben Jahren, einen eigenen islamischen Propaganda-Apparat aufzubauen. Damit versucht er, dem Iran und Saudi-Arabien Konkurrenz zu machen. In seinem Größenwahn verstieg sich Saddam sogar darauf, das Leben eines jeden Irakers bis in alle Ein-

zelheiten zu bestimmen.

Gegen diesen Hintergrund gesehen hat Präsident Bush sicher recht, wenn er von einem internationalen Feldzug gegen einen Feind der Menschheit redet. Peinlich ist nur, daß zu diesem Feldzug nicht aufgerufen wurde, als Saddam mit dem Völkermord an den Kurden begann und im Sudan einer faschistischen Junta zur Macht verhalf. Ernsthafte Schritte ergriffen die USA erst, als Gefahr bestand, daß das Öl teurer werden könnte.

Hätte der Feldzug ein Jahr früher stattgefunden, dann wäre es nicht zur Zerstörung Kuweits gekommen und die Weiterentwicklung biologischer und chemischer Waffen im Irak hätte noch verhindert werden können. An warnenden Stimmen fehlte es bereits 1988 nicht. Stattdessen fühlte sich Saddam durch die amerikanische Halltung ihm gegenüber nur in seiner Vermessenheit bestätigt.

Kurz vor dem Einmarsch in Kuweit hatte er ein Gespräch mit der Botschafterin der USA in Bagdad. Dabei wurde Saddam aggressiv deutlich. Die überaus höfliche Botschafterin aber sagte ebenso vernehmlich: „Ihre innerarabischen Zwiste gehen uns nichts an."

Ermutigt haben die USA ihren Bösewicht in Bagdad noch auf ganz andere Weise. Erstens sind sie gegen die Belieferung des Irak mit Waffen aus aller Welt kaum vorstellig geworden. Das ermöglichte es dem Diktator, sich ein Grusel-Arsenal zuzulegen.

Vor allem aber - und hierin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Kuweit-Krise - haben die USA Saddam durch ihr Verhalten in den Geisel-Äffären ermutigt, und zwar sowohl in der iranischen Geisel-Affäre als auch in der libanesischen. 444 Tage lang wurde ab 1980 das amerikanische Botschaftspersonal in Teheran festgehalten. 444 Tage lang rechnete Saddam, der bereits Krieg gegen den Iran führte, mit

einer kriegerischen Aktion der USA gegen Teheran. Es geschah aber nichts. Präsident Carters Versuch einer Geiselbefreiung scheiterte kläglich an technischer Inkompetenz.

Ähnliches wiederholte sich im Libanon. Ein großsprecherischer Präsident Reagan entsandte seine Marines in den Libanon. Kaum hatten die einige hundert Verluste erlitten, wurden sie'wieder abgezogen - ohne daß es zu einer Geiselbefreiung gekommen wäre. Im Gegenteil, der Libanon wurde nun erst recht zu einer Domäne der Feinde Saddams, nämlich der Iraner und der Syrer.

Saddam gelangte schließlich zu der Überzeugung, die USA seien wirklich nur Papiertiger. Man brauche nur ein paar amerikanische Geiseln, um mit Washington nach Belieben umspringen zu können.

Über diesen entscheidenden Hintergrund zum Handeln Saddams ist in den USA wenig gesagt oder geschrieben worden. Einige wenige Beobachter scheinen das Bagdader Psychodrama aber doch verstanden zu haben. Sie schlugen bereits Anfang September vor, erst einmal kleine Hiebe auszuteilen. Also keine militärische Großaktion, sondern Störaktionen - zum Beispiel gegen die Versorgungslinien der Iraker in Kuweit; das hätte man allmählich eskalieren lassen können.

Es wäre darauf angekommen, Saddam zu verstehen zu geben, daß ihm doch etwas zustoßen könnte -und daß die USA diesmal nicht bluffen. Besteht jetzt nur mehr die Möglichkeit einer militärischen Großaktion ab 15. Jänner zur Befreiung Kuweits zum Preis eines 2,5. Weltkrieges (so ein amerikanischer Kommentator)?

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