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Vor langer Zeit

Ich glaube, ich war damals acht oder neun Jahre alt. Ich sehe die Laienschwester vor mir, eine der Schwestern, die aufräumen und die — zum Unterschied von den höheren Ordensfrauen - die weißen Hauben tragen. Ich sehe sie gegen die halbgeöffneten Fenster des Festsaals, das helle und ein wenig verdrossene Licht des frühen Nachmittags und den Staub, der wie Weihrauch aufsteigt und sich in diesem Licht bewegt, gegen die kahlen feuchten Äste draußen im halben Wind. Und dann erinnere ich mich.

Ich erinnere mich der Stunde, die diesem Staub und diesem Licht und dieser Schwester aufgesetzt ist: es ist kurz nach drei Uhr nachmittags, am dreiundzwanzigsten Dezember. Und ich weiß in diesem Augenblick, daß jetzt Weihnachten ist, zu dieser Stunde, daß es jetzt schon ist, nicht erst morgen— und daß nichts sie überbieten wird. Es ist eine Stunde ohne Stern im Finstern, ohne Schnee, ohne Baum, und die Kuppel derrussischenKirchedrü-ben in dem milchigen Himmel sieht aus, als wäre auch sie von Staub überzogen. Und doch weiß ich in diesem Moment: es ist jetzt. Alles vergewissert mich dessen: Die halb abgewandte Schwester mit Besen und Schaufel in Händen, die auf den Kopf gestellten Sessel und die Stimmen der andern, die sich an der Pforte unten verabschieden, ehe sie in die Ferien gehen.

Ich gehe langsam die Treppen hinunter, durch den dunklen Raum, in dem die Kirchschleier aufbewahrt werden, an dem Sprechzimmer mit den gläsernen Türen und den Gummibäumen vorbei. Ich läute unten und lasse mir von der Pfortenschwester

Mantel und Mütze in Ordnung bringen und sage „Fröhliche Weihnachten“, ehe ich gehe. Urfd dabei denke ich noch einmal an den verlassenen Festsaal, an die Stunde, die ich verließ.

Es gab Jahre, in denen Weihnachten schon auf den zweiten Dezember fiel, auf einen Augenblick, in dem wir uns auf einer Truhe im Gang die etwas zu engen Schneeschuhe überzuziehen versuchten. Und im Grunde fiel es mit jedem Jahr, das ich älter wurde, früher. Einmal auf einen Augenblick im Oktober, in dem meine Großmutter den Parkwächter des botanischen Gartens fragte, weshalb heute schon früher gesperrt würde — einmal sogar mitten in den September hinein.

Und die Zeit, die dann zwischen diesem Augenblick und dem Heiligen Abend verstrich, war keine Zeit, war viel eher ein Teil des Raumes geworden, ein dunkler, stiller Flügel, der sich gefaltet hatte über dem Rattern der Straßenbahnen, dem Küchenlärm am Sonntag, der Stimme des Geographielehrers am halben Vormittag.

Viel später, als ich schon erwachsen war, erzählte mir jemand, er hatte an einem heißen Augusttag in der Nähe des Seebades Brighton aus einem kleinen Kofferradio das Lied „Stille Nacht“ gehört. Da fiel mir meine Kinderzeit ein, und ich dachte, vielleicht wären die Leute in dem Boot bei Brighton auf dem rechten Weg. Vielleicht müßte man, damit Weihnachten wieder auf Weihnachten fiel, das Jahr nach der andern Richtung hin durchstoßen, durch den Hochsommer, durch den April und den März, diese schwierigen und nüchternen Monate hindurchkommen, um wieder im Dezember zu sein.

Vielleicht hängen die viel zu früh und viel zu oft an allen Bahnstationen und auf den verlassensten Autobushaltestellen errichteten Christbäume bis zu einem kleinen Grad auch mit derselben Angst zusammen, es könnte vorbei sein, Weihnachten, dieser lebengebende Augenblick könnte irgendwann einmal nicht sein — mit dem Verlangen, die Zeit aus dem Raum zu drängen. Denn die Angst hat ja zugenommen und das Verlangen auch.

„Mutter, ich habe den Heiligen Christ gesehen“ - sagt das Mädchen Sanna in der Erzählung „Bergkristall“ von Stifter. Und es hat ihn in der Heiligen Nacht gesehen, im rechten Moment. Jetzt wird es in Ruhe den Januar und den März kommen lassen, den Juni, Juli und den August, und es wird auch am dreiundzwanzigsten Dezember des nächsten Jahres den Augenblick nicht vorwegnehmen.

Was sollen wir aber tun, damit die Christnacht wieder in die Christnacht fällt? Wie sollen wir ohne die Vorwegnahme aller Feste den um so vieles gesteigerten Küchenlärm dieser Zeit ertragen und im stärkeren Zwielicht die Stimmen ihrer Lehrer, die von immer neuen Todesarten wissen? Wie sollen wir die Verschiebungen der Furcht und des Verlangens wieder von uns lösen und uns den Festen und den Ernüchterungen anheimgeben, wie sie kommen?

Ich erinnere mich, daß es mir außer in der frühesten Kindheit nur mehr kurz vor dem Krieg und im Krieg gelungen ist. Damals, als die äußere Bedrängnis der inneren zu Hilfe kam, und beide zusammen wie zwei Engel den Augenblick wieder in sein Recht setzten.

In Österreich hatten zu Weihnachten 1938 Verfolgung und Unsicherheit für viele Familien begonnen. Auch wir hatten unsere Wohnung verlassen müssen und wohnten bei unserer Großmutter. Meine Schwester und ich lagen miteinander in einem Bett im Wohnzimmer, und auf dem Klavier neben dem Bett stand der Christbaum. Wenn man nachts erwachte und sich aufrichtete, konnte man zuweilen die Silberfäden in dem Ebenholz sich spiegeln sehen.

Noch einmal brandete die Kindheit gegen alle Mauern, warf sich von dem eiskalten und unbewohnten Salon her gegen die Türen, zitterte mit den schlecht verkitteten Scheiben, wenn unten auf der kleinen Bahnlinie ein Lastwagen vorüberfuhr, in der Richtung nach Osten. Vielleicht waren es dieselben Lastwagen, die nur wenig später den Deportationen dienten - noch verteilte sich der Rauch der altmodischen Lokomotive wie Licht auf dem Nachthimmel, noch dienten sie der Kindheit

Aber vielleicht, daß die beiden Dienste auf eine geheimnisvolle und undurchschaubare Weise zusammenfielen, daß die späteren furchtbaren und oft ohne Trost durchstandenen Leiden so vieler der kurzen und ebenso ungeschmälerten Freude dieses Festes zu Hilfe kamen. Denn vermutlich hat die äußerste Bedrängnis mit der äußersten Geborgenheit mehr zu tun, als das Mittlere mit beiden von ihnen. Jedenfalls fiel in diesem Jahr, und auch in den folgenden noch um vieles elenderen, Weihnachten wieder auf Weihnachten, uneingeschränkt und angstlos wie in der früheren Zeit.

Wenn man den Schmerz ermißt, von dem ich überzeugt bin, daß er dieser und aller Freude dient, der Kindheit, dem Christfest — den ungetrösteten und ungestillten Schmerz aller Jahrtausende, so ermißt man die Schulden, die von jedem von uns abzutragen sind. Wenn es uns gelänge, und sei es auch nur durch die Hinnahme der Ernüchterung, der Angst und Verwirrung dieser Zeit: vielleicht fiele dann noch einmal der Heilige Abend auf den Heiligen Abend, die Stimme des Engels auch für uns wieder in die Heilige Nacht.

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