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Digital In Arbeit

Vorbestraft — chancenlos

Sie sieht gut aus, ist wohl etwas über dreißig, hübsch gekleidet. In einem gut gehenden Geschäft der Wiener Innenstadt ist sie Geschäftsführerin - und seit zwölf Jahren mit einem Strafentlassenen verheiratet.

„Das größte Problem ist das .Vorbestraft-Sein*. Nach der Verbüßung der Strafe müßte alles aus sein“, erklärt sie mir gleich zu Beginn. „Ich habe das vorher nicht so gesehen. Als mir meine Mutter einmal sagte: ,Paß auf, Du heiratest einen Vorbestraften. Das wird enorme Probleme geben', gab ich zur Antwort: ,Geh, heute spielt das keine Rolle mehr.' Aber da habe ich mich getäuscht!“

Ihr Mann stammt aus Niederösterreich. Zu Hause herrschte meist Hochspannung. Der Vater war Alkoholiker. Es gab furchtbare Auftritte, Tätlichkeiten. Einige Jahre verbrachte der Bub bei der Großmutter.

In die Lehre kam er nach Wien. Er pendelte täglich, lernte eine neue Welt kennen - und kam in schlechte Gesellschaft. Bei jeder „Hetz“ machte er mit. Endergebnis: Anzeige — Eigentumsdelikt — Verurteilung - Haft. Die Spirale der Kriminalisierung begann sich zu drehen. Das letzte Delikt in der Serie bescherte ihm mit 21 Jahren ein Jahr Kerker.

„Wer vorbestraft ist, hat kaum eine Chance, allein wieder auf die Beine zu kommen“, resümiert seine Frau ihre Erfahrungen. „Man findet keine Arbeit. Ohne Leumundszeugnis steht man daneben. Selbst als Chauffeur oder Lagerarbeiter braucht man einen guten Leumund.“

Strafentlassene sind einfach auf Hüfe angewiesen: „Es wäre aber so wichtig, daß sie selber Arbeit finden könnten. So aber wird er immer weitergereicht. Ohne Protektion geht bei ihm gar nichts. Das erlebst du als dauernde Demütigung. Haftentlassene sind charakterlich nicht gefestigt, sonst wären sie ja nicht ins Gefängnis gekommen. Und da wirken sich die vielen Rückschläge besonders verheerend au6. Nach der Strafe müßte man neu anfangen können. Und das geht nur ohne Vorstrafe!“

„Damit muß endlich Schluß sein“, betont mein Gegenüber noch einmal. „Man bekommt auch nur die schlechtesten Arbeiten und kommt damit aus dem gefährlichen Milieu nie heraus.“

Dieses vehemente Plädoyer für die Abschaffung der Vorstrafe ist aber noch durch andere schlimme Erfahrungen begründet. „Trotz meiner Sicherheit, meiner Kraft hätte es uns beinahe in den Abgrund gezogen“, berichtet sie weiter.

Vor mehreren Jahren wurde in der Nacht in ihr Geschäft eingebrochen. Sie selbst war nicht in Wien, als es geschah. Der Täter war offenbar mit einem Schlüssel eingedrungen und hatte dort die Kassa entwendet.

Am nächsten Morgen wird die Polizei gerufen. Sie erhebt die Personalien der Beschäftigten, überprüft die Daten in der Zentrale. Die Vorstrafen des Ehemannes meiner Gesprächspartnerin werden offenkundig. Die weiteren Nachforschungen konzentrierten sich darauf nur mehr auf ihn: *

„Meine Mutter war allein zu Hause. Unangemeldet erscheinen zwei Polizisten, stellen alles im Haus auf den Kopf - ohne Erklärung. Auch nachdem sie nichts Verdächtiges finden, warten sie auf meinen Mann. Als er zu Mittag heimkommt, wird er ohne Kommentar verhaftet.“

Auf dem Kommissariat wird er in die „Mangel“ genommen. Das Motto: „Du warst es, gib es zu, dann ist allen Beteiligten geholfen.“ Unglücklicherweise hatte ihr Mann diese Nacht „durchgedreht“. Jetzt war erst recht alles klar. Der Täter schien gefunden. Bei entsprechender „Bearbeitung“ würde er schon gestehen. Weü er diese Befragungsmethoden (Schläge in den Magen, an den Haaren reißen) weitere 30 Stunden bei der Polizei nicht ertragen würde, gestand er, um Ruhe zu haben. Vor dem Untersuchungsrichter widerrief er dann zwar sein Geständnis — aber zu spät.

„Schuld war die Vorstrafe. Dadurch wurde alles unobjektiv durchgeführt. Das von meinem Mann angebotene Alibi wurde nicht überprüft. Unseren Angestellten und deren Angehörigen auf den Zahn zu fühlen, hielt man für unnötig.“

Und bei Gericht ging es im selben Stil weiter. Auch für den Richter war es ein sonnenklarer Fall. Auf Antrag der Verteidigung wurde die Verhandlung zwar zur Uberprüfung des Alibis vertagt. Aber auch das half nichts. Als die Verhandlung eineinhalb Jahre später fortgesetzt wurde, hatte man das Alibi immer noch nicht geprüft — und damit war es wertlos geworden. „Mein Mann wurde zu acht Monaten Kerker verur-teüt ,Tun S' Ihnen wegen den acht Monaten nichts an', war des Richters mitfühlender Schlußkommentar.“

Und der Verteidiger? Er wollte sich gleich mit dem Urteil abfinden. „Wir mußten ihn förmlich dazu zwingen, gegen das Urteil zu berufen. Ich bin nicht einmal sicher, ob er uns geglaubt hat.“

Wenigstens hatten diese Bemühungen Erfolg. Das Berufungsgericht hob das Urteil auf, und bei der neuerlichen Verhandlung des Falles wurde der Angeklagte freigesprochen. „Der ganze Salat hat uns eine Menge Geld gekostet — über 60.000 Schilling. Aber noch schlimmer waren der jahrelange Streß, die Ungewißheit, die bohrende Angst...“

Beinahe noch grotesker war aber das, was beide ein paar Jahre nach diesen Ereignissen erlebten: „Mein Mann hat einen ganz normalen Autounfall. Er fährt gegen einen Baum. Es kommt die Polizei, erhebt den Namen—Rückfrage -, wieder rasselt der Computer alles heraus. Zufällig waren in dem Auto: vier abgefahrene Reifen, ein altes ausgebautes Autoradio und ein alter leerer Bilderrahmen. Ein übereifriger Beamter wittert sofort eine heiße Fährte. Er tippt auf Einbruch, verständigt die Kriminalpolizei.“

Zwar wurde der Patient ins Spital eingeliefert, der Polizist klebte aber an ihm wie eine Klette und begann ihn zu verhören. Auch die Frau wurde verständigt: „Mich wollten sie wieder bluffen, ,1m Wagen Ihres Mannes haben wir Gegenstände gefunden, die beweisen, daß er eingebrochen hat', bekam ich zu hören. Aber diesmal war ich schon gescheiter.“

Sie nimmt ihren Mann mit heim. Ob das Verhalten des Polizisten die medizinische Untersuchung beeinflußt hat, ist nicht eindeutig zu klären. Faktum ist jedenfalls, daß der Patient unversorgt weggeschickt wurde, obwohl er — wie sich nachher herausgestellt hat — zwei Kieferbrüche und Jochbeinbrüche hatte. All das wurde zunächst übersehen, obwohl dem Patienten infolge des Unfalls zwei Schneidezähne fehlten.

„Vor dem Weggehen habe ich dann Zellstoff verlangt, weil ich ihm wenigstens das gestockte Blut aus dem Bart waschen wollte“, erinnert sich die Frau noch heute.

Sehr penibel hingegen war die Kriminalpolizei: Wegen des alten Autoradios wurde der Arbeitgeber befragt, wegen der abgefahrenen Reifen ein Verwandter.

Aus all dem wird klar: Als Vorbestrafter hat man es unverhältnismäßig schwer. „Wer aus dem Gefängnis kommt, braucht einen Menschen, der hundertprozentig hinter ihm steht, mit viel Liebe, viel Kraft und viel Hingabe. Ich habe wirklich viel von allem gehabt. Aber diese Jahre haben mich sehr viel Kraft gekostet. Oft dachte ich, jetzt kann ich nicht mehr. Jetzt, da die Strafe getilgt ist, können wir endlich aufatmen.“

Name und Anschrift der Gesprächspartnerin sind der Redaktion bekannt

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