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Vorbild für die christliche Welt ?

„Islamische Ökonomik“ gewinnt also in der muslimischen Welt zunehmend an Einfluß. Gibt es ein christliches Gegenstück? Und wenn nicht — sollte man diesem Mangel nicht abhelfen? Zur Profilierung christlicher Identität, von der jetzt häufiger die Rede ist (Weihbischof Kurt Krenn), zur Stärkung der „gesellschaftlichen Wirksamkeit der Kirche“?

Die islamischen Gelehrten geben der „Säkularisierung“ die Schuld an der normativen Schwäche des westlichen Denkens: Die Ablösung vom geistlichen Richtmaß führe zum Orientierungsverlust — und so sei die ungläubige Wirtschaftstheorie zur Magd des Kapitalismus (oder des Marxismus) geworden.

Aber damit wird die Entwicklung verzeichnet. Sie verlief differenzierter. Die ersten Christen hatten noch keine Wirtschaftstheorie. Sie hatten die Bibel mit der Weisung, zuerst das Reich Gottes zu suchen, und mit den Schriftworten über die Bedenklichkeit des Reichtums, über die gottgefällige Armut, über das Gebot der Brüderlichkeit und der gegenseitigen Dienstwilligkeit. Kirchenväter betrachteten das Privateigentum ebenso wie die Herrschaft von Menschen über Menschen als eine Folge der Sünde, mithin als nicht gottgewollt.

Doch dann mußte man das Leitbild der Liebesgemeinschaft mit der gesellschaftlichen Realität vermitteln, einen begehbaren Weg in der Spannung zwischen den Bibelworten und den bestehenden Zuständen finden: Irdische Güter dürfen, ja sollen sinnvoll genutzt, und also auch erstrebt werden. Aber man darf sie nicht zur Hauptsache werden lassen und soll jedenfalls das, was man nicht notwendig braucht, den Bedürftigen zuwenden.

Entscheidend für die Weiterentwicklung ' der christlichen Lehre wird, noch in der Spätantike, der Rückgriff auf die Philosophie — deren Vorstellungs- und Begriffswelt sich anbot, als man das Selbst- und Weltverständnis den Zeitgenossen erläutern und den Glauben rechtfertigen wollte. Gott hat die Welt geordnet und auch dem Menschen seine Daseinsaufgabe gegeben, vermittels des sittlichen Naturgesetzes; dieses bestimmt in der „gefallenen Welt“ zwar das Denken und Handeln nicht ungetrübt und ungebrochen, ist aber trotzdem nicht gänzlich machtlos: es kann der menschlichen Vernunft, unterstützt durch das Licht des Glaubens, Orientierung geben — so lehren es die Theologen.

Der Mensch erkennt, daß er die geordnete Gemeinschaft braucht, daß er in ihrem Rahmen auch wirtschaften muß, und daß er in allen Lebensbereichen das Richtige erstreben muß, es aber verfehlen kann.

Auch im Mittelalter sieht man das so. Arbeit wird bejaht (für die antiken Philosophen war sie verächtlich), Eigentum gerechtfertigt, sofern es menschenwürdigem Leben dient. Durchwegs galt, daß die Wirtschaft, und überhaupt die Gesellschaft, dem Menschen helfen soll, die Vollkommenheit zu erreichen, zu der er bestimmt, ist.

So betont die christliche Ethik den Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen und — modern gesprochen — den Vorrang der „Person“ vor der „Sache“, ohne daß sie die Abhängigkeit der Kultur, auch der persönlichen, von materiellen Voraussetzungen leugnet.

Gerade die neuere katholische Soziallehre hat Prinzipien ausgearbeitet, die aus jenem „Vorrang der Person“ ableitbar sind, unter Berufung auf die Idee der Menschenwürde. Beispielhaft ist die These Johannes Pauls U. vom Vorrang der Person vor jeder ökonomischen Systemlogik („Laboren-! exercens“). Zugleich wird - unter anderem vom II. Vatikanischen Konzil — erklärt, daß die „eigene Sendung“ der Kirche sich nicht „auf den politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich“ bezieht. Sie dürfe nicht mit irgendeinem spezifischen Wirtschaftssystem oder -programm identifiziert werden. („Gaudium et Spes“, Nr. 43).

Richtige Wirtschaftspolitik läßt sich auch nicht „fundamentalistisch“ aus heiligen Texten direkt herauslesen. Dazu ist nötig, sich ein Bild von den Sachverhalten zu machen und zu fragen, welche konkreten Aufgaben sich daraus ergeben. Dazu mochte in früheren Zeiten die allgemeine Lebenserfahrung oder der Hausverstand genügen; heute muß man die entsprechenden Fachwissenschaften zu Rate ziehen. Und eine „Christliche Ökonomik“ hat, wie das ein speziell mit Problemen der Wirtschaft befaßter Vertreter der katholischen Soziallehre erläutert hat, den Charakter eines „Gefüges offener Sätze“ - zur Konkretisierung braucht es nicht nur der Logik und der Gläubigkeit, sondern auch des Sachverstands.

Diese Sicht trägt gesellschaftlichen Wandlungen Rechnung, denen die islamischen Kritiker des Westens mit dem Ausdruck „Säkularisierung“ nicht so ganz gerecht werden: Die Moderne bedeutet nicht das Absterben der Religion und nicht einmal ihre Verbannung aus der öffentlichkeit, sondern in erster Linie eine zunehmende Differenzierung der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, Theorie und Religion haben sich zu relativ autonomen „Subsystemen“ auskristallisiert, und innerhalb dieser bilden sich abermals Differenzierungen heraus (Produktion, Distribution und Kreditsystem in der Wirtschaft; Wissenschaft, Bildung und Mediensystem im Subsystem der „Theorie“, Willensbildung, Exekutive und Kontrolle in der Politik und so fort). Spezifische Wissenschaften entwickeln diese Subsysteme weiter.

Diese „Differenzierung“ ließ die Vorstellung aufkommen, die modernen Menschen würden gleichsam in voneinander unabhängigen, verschiedenen Welten leben, von denen eine sozusagen nur vom Wesen der Gattung „ho-mo oeconomicus“ bevölkert würde, eine andere nur von Exemplaren des „homo politicus“ (lauter kleinen Machiavellis...) und so fort.

Dieses Bild trügt. Die moderne Kultursoziologie zeigt, daß Differenzierungen nicht etwa Zusammenhänge ausschließen — im Gegenteil. Es gibt nicht nur Entstehungszusammenhänge — bekannt ist Max Webers Hinweis auf die Bedeutung des protestantischen Ethos innerweltlicher Askese für den Kapitalismus —, auch funktional beruht die moderne Gesellschaft auf Verschränkungen.

Gerade die Theoretiker der jeweiligen Subsysteme — die der Wirtschaft, der Politik oder der Sinnorientierung (ja, auch die Theologen und Philosophen) müssen erkennen, daß sie den Dialog und die gegenseitige Konkretisierungshilfe nötig haben, wenn sie „Wissenschaft vom Menschen“ betreiben wollen. Ob demgegenüber die Konzeption der „Islamischen Ökonomik“ nicht geradezu Unfähigkeit oder Unwilligkeit darstellt, jene Differenzierung anzuerkennen, von der die Moderne geprägt ist?

Freilich, hinter dem kultursoziologischen Problem steht ein theologisches: im Vergleich zum Islam betont gerade die christliche Lehre viel stärker, daß die irdischen Wirklichkeiten der menschlichen Verantwortung übergeben sind. Und das bedeutet eine ständige Herausforderung auch der Vorstellungs- und der Urteilskraft, anstelle der fundamentalistischen Gleichschaltung an eine Shariah oder an einen anderen Kanon oder Kodex von Sätzen.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft in Wien

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