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Vorhandene Technik endlich umsetzen

Gegenwärtige Energiesysteme basieren überwiegend auf fossilen, nur begrenzt zur Verfügung stehenden Energieträgern, verursachen gravierende, langfristig untragbare Auswirkungen auf die Umwelt und erhöhen durch die weltweit weiter steigende Nachfrage nach Energieträgern bei gleichzeitig wachsender „Nord-Süd-Disparität” das Potential für internationale Konflikte. Diese Erkenntnis ist nicht neu und war bereits vor dem „Golf-Krieg” und der öffentlichen Diskussion über „Treibhauseffekt” und „Ozonloch” offenkundig.

Von der Energieforschung erwartete man allerdings primär technologische Antworten auf ein vermeintlich technologisches Problem.

So wurde in Österreich bereits im Jahre 1974 - früher als in anderen vergleichbaren europäischen Ländern - ein „Österreichisches Energieforschungskonzept ” erarbeitet und die Energieforschung von der Bundesregierung zum Forschungsschwerpunkt erklärt. Im Jahre 1980 wurde dann vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung das „Österreichische Energieforschungskonzept 80” herausgegeben. Zeit also, Bilanz zu ziehen, Erfolge und Mißerfolge zu analysieren und Zielsetzungen und Strategien den aktuellen Erfordernissen anzupassen.

Die Geschichte der Energieforschung in Österreich ist durch stark schwankende und international vergleichsweise bescheidene finanzielle Aufwendungen gekennzeichnet (siehe Graphik und Tabelle). Die Analyse dieser Schwankungen legt die Annahme tagespolitischer Reaktionen auf Veränderungen des Preisniveaus am Energiemarkt, vor allem von Erdölprodukten, nahe.

Daß die österreichische Energieforschung trotzdem zum Teil auch international sehr beachtete Leistungen erbrachte und erbringt, und daß neue Technologien und nichttechnologische Erkenntnisse der Energieforschung zum Teil erfolgreich in die Praxis umgesetzt werden konnten, ist den intensiven Anstrengungen, der Kreativität und

Flexibilität aller Beteiligten zuzuschreiben.

So konnten die Marktanteile erneuerbarer, vor allem biogener Energieträger gesteigert, Märkte für Wärmepumpen und Solaranlagen geschaffen und neue Technologien (Biodiesel, Bioalkohol, umweltfreundliche Verbrennungstechniken für biogene Energieträger, (solare) Niedrigenergiehäuser, Photovoltaik, neue Batteriesysteme) bis zur Marktreife entwickelt werden.

Auch der Aufbau einer Energieberatungsinfrastruktur wurde wissenschaftlich unterstützt. Damit konnte ein nicht unwesentlicher Beitrag zur Erreichung der ener-'giepolitischen Ziele der Bundesregierung geleistet werden.

Trotz dieser Erfolge muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß die Umsetzungsgeschwindigkeit der Erkenntnisse der Energieforschung in die Praxis nicht der durch die Dringlichkeit der Probleme gebotenen Eile entspricht. Dies ist zum Großteil mit dem Mitte der achtziger Jahre einsetzenden Energiepreisverfall und der damit verbundenen nachlassenden Konsequenz in der Umsetzung energiepolitischer Ziele zu erklären. Dazu kam eine weitverbreitete Fixierung auf technologiezentrierte Lösungen.

In Anbetracht der Herausforderung durch die in der Einleitung beschriebenen Problemstellungen sind jedoch grundsätzlich und qualitativ neue Lösungsansätze erforderlich. Rein quantitative, oft nur punktuelle Problemlösungen (zum Beispiel Reduktion der Schwefeldioxid- und Stickoxid-Emissionen) haben sich als nicht ausreichend erwiesen, obwohl deren Erfolge keineswegs geschmälert werden sollen.

Lösungsansätze dürfen nicht länger auf Einzelsymptome zentriert werden, sondern müssen im Lichte des Gesamtproblems und unter Berücksichtigung aller relevanten Aspekte entwickelt werden. Programmatische Ansätze dazu enthält der Bericht der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung „Unsere gemeinsame Zukunft” ausdem Jahre 1987. Unter dem Begriff „sustainable develop-ment” (dauerhafte und nachhaltige - „aufrechterhaltbare” - Entwicklung) wird ein Leitbild zur Umstrukturierung wirtschaftlicher Aktivitäten entwickelt, dessen Konkretisierung in den betroffenen Politikbereichen erst allmählich erfolgt. Einige Richtlinien wie die Orientierung an den Systemprinzipien der Biosphäre, die Erhaltung der genetischen und Ökosystemaren Vielfalt, die Stärkung dezentraler, vernetzter und regional angepaßter zivilisatorischer Strukturen mit dem langfristigen Ziel einer auf erneuerbaren Rohstoffen und Energieträgern basierenden Kreislaufwirtschaft erscheinen jedoch bereits evident.

Diesen Richtlinien im Ansatz folgend hält der Energiebericht 1990 der Bundesregierung fest, „daß im Rahmen der energiepolitischen Strategien dem Energiesparen erste Priorität zukommt” und daß eine „C02-Reduktion um 20 Prozent bis zum Jahre 2000” angestrebt wird. An anderer Stelle heißt es: „Neben der prioritär anzustrebenden Einsparung von Energie ist die Substitution fossiler durch erneuerbare Energieträger eine aufzugreifende Option”.

Für die Energieforschung bedeutet dies eine wesentliche Forcierung der Anstrengungen in den Bereichen effiziente Energienutzung (Energiedienstleistungen mit minimalem Energieeinsatz, Energiesparen) und erneuerbare Energieträger (Sonne, Wind, Biomasse).

Eine Sonderstellung unter den erneuerbaren Energieträgern nimmt die Wasserkraft ein, da sie bereits wesentlich zur Energieversorgung Österreichs beiträgt, ihr weiterer Ausbau jedoch zunehmend an ökologische und soziale Grenzen stößt. Aufgabe der Energieforschung wird es sein, sich dieser Problematik anzunehmen.

Im Sinne einer langfristig und umfassend angelegten Energieforschungspolitik wird auch die Entwicklung neuer Energiesysteme (zum Beispiel Wasserstofftechnologie, Kernfusion) sorgfältig und kritisch zu beobachten sein. Im Rahmen der Begleitforschung werden Planungsinstrumente zu verbessern sowie effiziente Informationssysteme vorzubereiten sein. Um den neuen Anforderungen nach vernetzten interdisziplinären Lösungsansätzen zu entsprechen, wird eine neue Kategorie von be-reichs- und fachübergreifenden in-tegrati ven Forschungsprogrammen zu schaffen sein.

Zu den bisher dominierenden technischen und mikroökonomischen Kriterien zur Entwicklung neuer Energietechnologien und energetischer Dienstleistungen werden ökologische Kriterien sowie Aspekte der sozialen, internationalen und der Raumverträg-lichkeit treten müssen, um den oben ausgeführten Richtlinien gerecht zu werden.

Darüber hinaus wird Fragen der Umsetzung (marktkonforme Implementierungsstrategien, Analyse von Umsetzungsbarrieren) eine vergleichbare Bedeutung beizumessen sjn, wie der Forschung und Entwicklung im engeren Sinn.

Durch die aktuellen Ereignisse in der Golf-Region hat dieser Neuorientierungsprozeß zusätzlich an Dynamik gewonnen. Es bleibt zu hoffen, daß die Dynamik anhält, denn die Zeit drängt.

Oer Autor ist Mitarbeiter der Abteilung Umwelttechnik, Energie- und Weltraumforschung im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung.

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