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Vorstoß der Pragmatiker

Ein wesentlicher Punkt der Deng-”schen Stabilisierungsbemühungen ist sicher die Wiedereinrichtung des Parteisekretariats, das während der Kulturrevolution verschwunden war. Dengs Schützling Hu Baoyang ist nunmehr Generalsekretär dieses Organs -ein Posten, den Deng Xioaping vor der Kulturrevolution selbst innegehabt hatte. Dies ist eine der Umstrukturierungen, mit denen eine pragmatisch-realistischere Linie innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas durchgesetzt werden soll.

China, das sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 2000 aus dem' jetzigen Dritten-Welt-Land mit einer Milliarde Einwohner einen modernen Staat zu machen benötigt nach all den Jahren innerer Machtkämpfe und -krämpfe vor allem eine einheitliche Regierung, die in realistischer Weise die gigantischen Probleme zu lösen vermag.

Ein Beispiel: 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 21 Jahre alt: das heißt jährlich etwa 13 Millionen Zugänge zum Arbeitsmarkt; das heißt auch eine neue Generation, die ihrerseits Kinder in die Welt setzen wird; das heißt weiters, daß die gesamte Infrastruktur noch viel stärker (und viel rascher) ausgebaut werden muß. Zwar sind das alles primär bevölkerungspolitische Probleme, die aber in diesem gewaltigen Ausmaß großen Einfluß auf die Zukunft des ganzen Landes haben werden.

Durch die Unruhen der Kulturrevolution und der darauf folgenden Jahre herrscht vor allem bei der Landbevölkerung Chinas Verunsicherung. Was heute erlaubt ist, mag morgen bei schwerer Strafe wieder verboten sein, und umgekehrt. Das fördert bei diesen Menschen aber nur die Haltung: „Am besten, man tut nichts mehr und riskiert damit auch nichts.”

Man darf dabei nicht vergessen, daß

80 Prozent der Chinesen zur Landbevölkerung zählen und somit die am schwierigsten zu lösenden Probleme in den Volkskommunen und Dörfern zu suchen sind: nicht in Schanghai, Peking oder Kanton.

Betrachtet man die Provinzen einzeln und bezüglich ihrer wirtschaftspolitischen Experimente oder in Hinblick auf die Modernisierungen, so wird ein eindeutiges Gefälle sichtbar: Sichuan unter dem progressiven Deng-Schütz-ling Zhao Ziyang rangiert an erster Stelle, gefolgt von Guangdong, Fujian und Anhui.

Guangdong ist die Provinz, an der Hongkong und Kanton existieren be-der britischen Kronkolonie und dem Reich der Mitte verschwindet für den lokalen Wirtschaftsverkehr und den Touristenstrom zusehends. Bahn-, Bus-und Schiffsverbindungen zwischen Hong kong und Kanton existieren bereits - und das mehrmals täglich. Eine Autobahn zwischen den beiden Städten befindet sich im Bau. „FreeEconomic Zones” (Freie Wirtschaftszonen - Freihandelszonen) existieren ebenfalls oder sind geplant.

Fujian - die Provinz, die gegenüber Taiwan liegt - hat sich in den letzten zwei Jahren gleichfalls zu einem Vorkämpfer der vier Modernisierungen hochgemausert. Neuester Beweis: der offiziell bestätigte Plan, auf einer kleinen Insel in der Nähe Fuzhous eine internationale Freihandelszone mit äußerst günstigen Bedingungen für ausländische Investoren zu errichten.

Schließlich Sichuan, das traditionsgemäß eine der reichsten und fruchtbarsten Provinzen des Riesenlandes war, durch das Chaos der Kulturrevolution aber nicht nur seinen Reichtum verloren hatte - ja als ehemalige Reiskammer Chinas sogar dazu gezwungen war, dieses Hauptnahrungsmittel zu importieren.

Provinzgouverneur seit 1975 ist der 61jährige Zhao Ziyang. Seit dem Sturz der Viererbande und der damit erfolgten Rehabilitierung seines Politvaters, des ebenfalls aus Sichuan stammenden Deng Xiaoping, ist es Zhao Ziyang gelungen, durch die zunächst probeweise Einführung neuer und noch vor einigen Jahren als „revisionistisch und kapitalistisch” verurteilter Wirtschaftsformen der Provinz zu ihrem alten Reichtum zu verhelfen. Die Agrarproduktion stieg in den letzten drei Jahren um 80 Prozent, die Produktion der Kleinindustrie wurde um 25 Prozent gesteigert.

Vor etlichen Wochen wurde Zhao nach Peking berufen. Deng scheint sich also nun voll der Aufgabe zu widmen, einen Nachfolger aufzubauen und Zhao Ziyang ist Favorit in allen Spekulationen.

Dennoch ist es verfrüht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Im Herbst wird höchstwahrscheinlich der 12. Kongreß der KPCh stattfinden. Vermutlich werden dann weitere unliebsam gewordene Personen aus dem Politbüro entfernt werden um der neuen, von Vizepremier geförderten pragmatischen Generation Platz zu machen.

Was immer geschehen mag, eines ist deutlich zu erkennen: In Peking bemüht man sich, innere Zwistigkeiten und Machtkämpfe auf ein Minimum zu reduzieren. Die neu angewandte und von Deng Xiaoping meisterhaft beherrschte Taktik heißt: langsames Wegnagen der politischen Basis von Machtopponenten.

Für die Durchsetzung der überaus ehrgeizigen Pläne der Volksrepublik ist es jedenfalls von lebenswichtiger Bedeutung, daß es nicht wieder zu Ausschreitungen im Stile der Kulturrevolution kommt. Und darüber scheinen sich alle Führer des Reichs der Mitte im klaren zu sein.

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