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Digital In Arbeit

W eniger U nifor mier ung und viel mehr Humor

Es ist klar, daß jede junge Generation vieles anders sehen und auch anpacken muß als die vorangegangene. Wäre es nicht so, würde die Menschheit auf der Stelle treten. Was die junge Generation unserer Tage betrifft, so kann man wohl sagen, daß noch nie zuvor eine Jugend so viele Möglichkeiten gehabt hat, ihre Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Nur — ein großer Teil von ihr ist, wie es scheint, nicht glücklich.

Es wird heute — auch von seiten der Jugend — viel über Langeweile geklagt. Alles erscheint eintönig, Grau in Grau, ohne Höhepunkte. Was ist dagegen zu tun? Das Le-

ben muß „strukturiert“ werden, es soll keine monotone Ebene, sondern eine abwechslungsreiche Landschaft sein.

Im Klartext: Es muß neben dem Alltäglichen das Besondere geben, es muß sich der Feiertag vom Alltag, das Fest von der Arbeit unterscheiden. Wenn ich in der gleichen Bluejeans an der Werkbank stehe und im Theater sitze, dann beraube ich mich selbst der Erfahrung des anderen, Besonderen, Feierlichen.

Wenn ich tagaus, tagein, zu jeder Uhrzeit und in jeder Stimmung dieselbe Art von Musik im Radio höre, dann mache ich mein Leben selbst zu einem gestaltlosen Brei. Daher: strukturieren statt uniformieren, selbst für Abwechslung und Vielfalt sorgen! Der Rhythmus von Fest und Arbeit hat eine eminente psycho- hygienische Bedeutung. Leider haben wir das Feiern weitgehend verlernt. Die Südländer können es noch. Wir sollten es von ihnen wieder lernen.

Je langweiliger man das Leben findet, desto stärker wird das Bedürfnis nach starken Gefühlser- ‘lebnissen. Allerdings ist es nicht leicht, zu solchen zu kommen. Die vielbeklagte Reizüberflutung bewirkt eine Abstumpfung, aus der heraus man nach immer stärkeren Reizen verlangt. Irgendwann stößt man dann „an die Decke“.

Um wieder die Musik als Beispiel zu nehmen, weil sie im Leben der Jugend eine große Rolle spielt: Hier wird (was die moderne Unterhaltungsmusik betrifft) weitgehend mit Mitteln des Ausdrucks gearbeitet, die nur mehr als extrem zu bezeichnen sind. Diese Musik produziert ein Klima r ermanenter Exaltiertheit, das einerseits in krassem Gegensatz zur Monotonie und Lauheit des Alltagslebens steht und andererseits durch den Dauerkonsum zur Abstumpfung führen muß.

Wenn der extreme Ausdruck nicht mehr dem extremen Anlaß Vorbehalten ist, wird nicht nur er uninteressant, sondern zerstört auch alle Zwischennuancen.

Es wird — wiederum besonders von der Jugend, und mit Recht — in vielen Belangen eine Rückkehr zum menschlichen Maß gefordert. Auch auf dem Gebiet des Gefühlslebens muß, um es zu retten, eine Rückbesinnung auf das menschliche Maß erfolgen.

Es gibt heute eine große Intensität in verbalem Engagement, die

in einem auffallenden Kontrast zu der gleichzeitig zu beobachtenden Inaktivität in bezug auf das konkrete Handeln steht.

Es wird sehr viel gesprochen bzw. geschrieben, es gibt jede Menge Weltverbesserer und auch Sündenböcke. Aber es geschieht relativ wenig, weil man nicht fähig (oder auch gar nicht gewillt?) ist, vom Abstrakten zum Konkreten vorzudringen. Das Abstrakte ist unverbindlich, „mit Worten läßt sich trefflich streiten“, sagt schon Goethe.

Was wird nicht alles über die Gesellschaft, die sozialen Strukturen, die herrschenden Verhältnisse und davon, wie man sie verändern will, gesprochen! Man kann nicht „die Gesellschaft“, sondern nur ihre Mitglieder verändern, also den Menschen. Irgendwelche riesige „Strukturen“ (wobei jeweils konkret zu fragen wäre, was das eigentlich ist) verändern zu wollen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen.

Statt dessen sollte man versuchen, in kleinen Bereichen konkrete und überschaubare Projekte zu realisieren. Nur so lassen sich Fortschritte erzielen. Die Gesellschaft als Ganzes wird man nie zu fassen kriegen.

Einen ähnlichen Eindruck einer Alibiaktivität macht der sehr beliebte Einsatz für weit entfernt Liegendes: Man demonstrierte seinerzeit mit Leidenschaft gegen Vietnam, Chile, Südafrika etc. Heute ist es El Salvador. Alles hübsch weit weg.

Um nicht mißverstanden zu werden: natürlich soll man gegen Unrecht eintreten, auch wenn es am anderen Ende der Welt geschieht. Nur, es geschieht vor unserer Haustür so viel Unrecht, daß man eigentlich aus dem Demonstrieren dagegen gar nicht herauskommen sollte: Unrecht, über das wir viel genauer Bescheid wissen als über das südamerikanische. Es ist hier nicht nur die Blindheit auf einem Auge zu kritisieren, es sind vor allem die Versäumnisse beim Naheliegenden.

Es gibt ein unübersehbares Betätigungsfeld tür Engagement in der unmittelbaren Umgebung Freilich, hier genügt es nicht, in einer Masse Parolen zu skandieren. hier ist der konkrete, persönliche Einsatz, hier ist der Dienst verlangt.

Zuerst muß der Beistand für den Leidenden, Depressiven, Selbstmordgefährdeten, Trauernden, Einsamen, Alten und Kranken in der eigenen Gemeinde kommen. Dann mag man immerhin Transparente schwingen.

Es ist ein allgemeinmenschliches Bedürfnis, Unsicherheit, die

durch Unübersichtlichkeit entsteht, zu reduzieren, komplexe Sachverhalte zu simplifizieren. Die Jugend sollte, wenn sie ihre Ansprüche glaubwürdig vertreten will, ein gerüttelt Maß an Komplexität und Unsicherheit ertragen. Es bringt nichts, gegen Klischees aufzutreten, wenn man sie durch neue ersetzt. Es ist heutzutage etwa schlicht kindisch, sich gegen „das Bürgerliche“ oder „den Kapitalismus“ zu wenden. Gegen konkrete Eigenschaften und Mißstände: selbstverständlich. Aber die muß man genau beim Namen nennen und analysieren. Auch hier geht Konkretes vor Abstraktem.

Schließlich ein letzter Rat: Was in Diskussionen mit Vertretern der jungen Generation oft festzustellen ist, ist ein bedauerlicher Mangel an Humor. Freilich, wenn man engagiert für eine Sache kämpft, wie das ja oft der Fall ist (und wie es auch ganz in Ordnung ist), ist es einem natürlich sehr ernst darum.

Dennoch — wer für eine menschlichere Welt eintritt (was ein Großteil der Jugend erfreulicherweise tut), der sollte gerade das, was somit eigentlich das Menschliche ausmacht, nicht aus den Augen verlieren.

Nicht nur, daß mit Humor vieles besser und leichter geht, daß man sich mit einer Prise Humor und einem Lächeln besser verständigen kann, als wenn alles tierisch ernst hergeht; wer Humor hat, beweist damit, daß er sich der Relativität auch des eigenen Bemühens bewußt ist. Und das ist menschlich und sympathisch und steht auch der Jugend gut an.

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