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Wann ist Glaube „unverkürzt“ ?

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Ist die Forderung „Der Glaube darf nicht verkürzt werden!“ der richtige Ausdruck, wenn man Entstellungen und Abschwä-chungen des Glaubensinhalts entgegentreten will?

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Ist die Forderung „Der Glaube darf nicht verkürzt werden!“ der richtige Ausdruck, wenn man Entstellungen und Abschwä-chungen des Glaubensinhalts entgegentreten will?

Seit einigen Jahren ist auffallend oft von dem „unverkürzten Glauben“ die Rede. Um Berechtigung und Grenzen dieser Formulierung zu verstehen, ist zunächst zu klären, was damit gemeint ist. Bekanntlich kann das Wort „Glaube“ erstens den Glaubensakt, die von Vertrauen getragene Hingabe an Gott (fides qua cre-ditur), bezeichnen, so zum Beispiel in der Predigt Jesu und in den Hauptbriefen des Apostels Paulus. Zweitens kann „Glaube“ die zu glaubende oder gläubig angenommene Botschaft von Gottes erlösendem Wirken meinen (fides quae creditur), so etwa in den Pastoralbriefen, wo gegenüber Irrlehrern zum Festhalten an der „guten“ und „gesunden“ Lehre ermahnt wird. In Abwehr der Reformatoren wurde in den Katechismen der Gegenreformation „Glaube“ oft einseitig nur unter letzterem Aspekt gesehen (glauben = alles für-wahr-halten, was Gott geoffenbart hat).

Wer den „unverkürzten“ Glauben fordert, geht davon aus, daß die kirchliche Glaubenslehre verkürzt werden kann. Dabei bedenkt er aber meist nicht, daß letztlich jede menschliche Formulierung des Glaubensinhalts bereits eine „Verkürzung“ darstellt; denn Gott und sein Handeln übersteigen immer menschliches Begreifen und Sprechen. Das Ringen der frühen Konzilien um eine adäquate Ausformulierung der zentralen Glaubenswahrheiten belegt dies (zum Beispiel bei „gezeugt, nicht geschaffen“ — „eines Wesens mit dem Vater“). Den „unverkürzten Glauben“ (im strengen Sinn des Wortes) gibt es also gar nicht.

Unbeschadet dieser Grenzen jeglicher Formulierung der Glaubenslehre, ist es jedoch berechtigt und nötig — dies lehren Bibel und Kirchengeschichte -, Entstellungen und Abschwächungen des Glaubensinhalts entgegenzutreten, und zwar wegen dessen Bedeutung für den eigenen, an die Gemeinschaft der Getauften gebundenen Glaubensakt. Dabei ist jedoch sorgfältig zu unterscheiden zwischen den Glaubenswahrheiten, die in Glaubensbekenntnissen und Dogmen formuliert sind, und den zeitbedingten theologischen Erklärungen; nicht alle Aussagen in den Katechismen sind deshalb Glaubensinhalt. Außerdem ist die Hinordnung weniger zentraler Aussagen auf die Mitte des Glaubens zu beachten, wie die Betonung einer „Hierarchie der Wahrheiten“ (Zweites Vatikanum) lehrt.

In der Tat geben heute manche Äußerungen in Katechese, Predigt und Theologie zu der Frage Anlaß: Werden dort nicht wesentliche Inhalte der biblischen und kirchlichen Glaubensbotschaft ausgelassen, abgeschwächt und in diesem Sinn „verkürzt“ (zum Beispiel betreffs Jesu Gottessohnschaft, Erlösung durch seinen Tod, ewiges Leben)? Dabei wirkt sich oft der Einfluß der Aufklärung aus (Reduktion des Glaubens auf Ethik/Nächstenliebe; positivistische Fixierung auf diese Welt).

Allerdings dürfen solche „Verkürzungen“ nicht verallgemeinert werden. Außerdem ist nicht jede diesbezügliche Klage oder Anzeige berechtigt; denn oft kommt sie von Katholiken, deren Glauben beziehungsweise theologische Bildung auf dem Stand vor dem Konzil stehen geblieben ist, wie ihre Verweise auf die angebliche Glaubenstreue der Anhänger Marcel Lefebvres oder in ihrer Jugendzeit zeigen.

Schließlich muß sich jeder Kritiker der wirklichen Verkürzungen fragen, ob diese letztlich nicht die Reaktion auf eine vorkonziliä-re verkürzende Glaubensunterweisung sind, die sich vielfach den Problemen verschloß, welche eine neuzeitliche Sicht von Welt und Geschichte (nach Charles Darwin, Ludwig Feuerbach, Sigmund Freud und Karl Marx) an Christen stellt.

Alle namhaften Theologen sind sich nämlich heute darin einig, daß die neuscholastische Theologie und kirchliche Katechese Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bei aller faszinierenden Geschlossenheit im Grund oft eine grobe Verkürzung der kirchlichen Lehre darboten (zum Beispiel in dem mehr juridischen Verständnis von Kirche als „Amtskirche“ und ihrer völligen Abgrenzung gegenüber anderen christlichen Konfessionen; in ihrer Reduktion von Moral auf Kasuistik mit einseitiger Betonung des sechsten Gebotes).

Außerdem führte die starre Ausklammerung der Ergebnisse neuerer Bibelwissenschaft häufig zu Verkürzungen der biblischen Aussagen (zum Beispiel die Erschaffung der Welt in sechs Tagen, Wunder Jesu als allgemein gültige Beweise [statt „Zeichen“] seiner Messianität; Auferstehung Jesu als objektiv feststellbare Rückkehr eines Toten in das Leben dieser Welt [statt der nur im Glauben zu bejahenden endgültigen Befreiung aus dem Tod der Hölle]; Bestimmung des größten Teils der Menschheit für die Verdammnis).

Schließlich ist auch die heute in manchen Kreisen vertretene Ab-solutierung des päpstlichen Primats eine unkatholische Verkürzung. Denn nach dem 1. Vatikanischen Konzil ist der Bischof von Rom als Patriarch des Abendlandes und Papst der ganzen Kirche nicht in all seinen Aussagen und Entscheidungen unfehlbar. Sehr viele von Päpsten und päpstlichen Stellen gegebene Erklärungen haben sich bekanntlich als Irrtümer erwiesen und werden von der Kirche heute nicht mehr vertreten (zum Beispiel hinsichtlich der Verfasser der biblischen Bücher und der Religionsfreiheit). In der alten Allerheiligenlitanei steht sogar die Bitte um Bewahrung des Papstes vor Glaubensabfall („daß du den apostolischen Oberhirten ... in der heiügen Religion bewahren wollest“).

Mit Recht warnt darum ein 1985 in Rom erschienener, von Papst und Glaubenskongregation nicht beanstandeter Artikel der Jesuitenzeitschrift „La civiltä cattoli-ca“ vor der Verwechslung von „Infallibilität“ (bei Ex-cathedra-Entscheidungen) und „Infallibi-lismus“ (alles, was der Papst sagt und tut, ist irrtumsfrei) sowie von echtem Gehorsam und „Papola-trie“ (Papstkult), oft einem „höfischen Byzantinismus“ gleich.

Wenn heute sehr viele Jugendliche und Akademiker der Kirche kritisch oder ablehnend gegenüberstehen, hängt dies oft mit den zuletzt genannten „Verkürzungen des Glaubens“ zusammen, die das 2. Vatikanum bewußt zu überwinden suchte, da sie dem vollen Sinn der Bibel und der wahren kirchlichen Tradition widersprechen. Die in der Geschichte wohl immer wieder auftretenden „Verkürzungen“ lassen sich kaum dadurch beheben oder vermeiden, daß man sie unter Berufung auf einzelne Bibelstellen oder kirchliche Erklärungen einfach verbietet.

Wie die Kirchengeschichte lehrt, hat ein von Angst, Kleinglauben und Häresieschnüffelei eingegebenes Vorgehen den Schaden meist nur vergrößert. Statt dessen ist positiv — im Wissen um die Grenzen jeden Sprechens von Gott - der volle Reichtum der Offenbarung von ihrer Mitte her, etwa den kurzen Glaubensbekenntnissen, als befreiende Wahrheit entschieden zu bezeugen und mutig zu verteidigen, „geleitet von der Liebe“ (Eph 4,15).

Der Autor ist Vorstand des Instituts für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien.

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