6875132-1978_41_03.jpg
Digital In Arbeit

Warum Bacher bleibt

19451960198020002020

Mittwoch tritt Gerd Bacher sein Amt als provisorischer Gl an. Zwei Tage später wird er seine Kandidaten präsentieren. Seine Taktik: viele Initiativen zu setzen, gegen die auch die SPÖ nichts haben kann, in Personalentscheidungen Konsens zu suchen - und es der Regierung unmöglich zu machen, ihn mit Gewa.lt abzuwählen. Am Tag des Bacher-Amtsantritts konstituiert sich eine „Bürgeraktion für Informationsfreiheit und Medienvielfalt“ in Wien. Der ORF hängt auch mit dem Mediengesetz zusammen -und mit dem Kabel-TV, wozu Leopold Gratz Neues sagte.

19451960198020002020

Mittwoch tritt Gerd Bacher sein Amt als provisorischer Gl an. Zwei Tage später wird er seine Kandidaten präsentieren. Seine Taktik: viele Initiativen zu setzen, gegen die auch die SPÖ nichts haben kann, in Personalentscheidungen Konsens zu suchen - und es der Regierung unmöglich zu machen, ihn mit Gewa.lt abzuwählen. Am Tag des Bacher-Amtsantritts konstituiert sich eine „Bürgeraktion für Informationsfreiheit und Medienvielfalt“ in Wien. Der ORF hängt auch mit dem Mediengesetz zusammen -und mit dem Kabel-TV, wozu Leopold Gratz Neues sagte.

Werbung
Werbung
Werbung

Natürlich, Überraschungen sind immer möglich - besonders bei so bunten Figuren wie Gerd Bacher und Bruno Kreisky. Aber wenn man der politischen Vernunft folgt und sich dabei an Äußerungen orientiert, die zum aktuellen Thema von den maßgeblichen Akteuren abgegeben wurden, kommt man zu dem Schluß: Das Kuratorium wird am 19. Dezember aller Voraussicht nach Gerd Bacher als definitiven Generalintendanten des ORF für vier Jahre bestätigen.

Er selbst will es. Das ist klar. Aber er will dafür auch Opfer bringen -

persönliche und andere. Zum persönlichen gehört der verheißene Stilwandel. Er hat ihn bei seiner Pressekonferenz am 29. September schon praktiziert

„Ich kehre als Heimkehrer zurück, der die Chance eines neuen Anfangs nützen will“, schnurrte er im 12. Stock des Wiener Hotels Interconti-nental. Und fügte hinzu: „Auch hinsichtlich meines Stils.“ Er zitierte Adenauer („Man wird doch noch gescheiter werden dürfen“) und beteuerte, seine Wiederbestellung als provisorischer Gl sei „kein Triumph, und ich bitte, dem ORF und mir diese Chance für einen neuen Beginn zu geben“.

Die dabei verfolgte Taktik ist klar: Konzilianz bis zum Exzeß, kein Streit, kein Vorwand für eine Abwahl. Mit dem Ersuchen um einen „befristeten Vertrauensvorschuß“ für ein halbes oder, noch besser, ein Jahr für den ganzen ORF zog er auch die Belegschaft auf seine Seite. Von nichts haben die ORF-Leute mehr die Nase voll als dem ständigen Krieg, den die Parteien rund um den Rundfunk aufführen.

Bacher will aber auch bei seinen Vorschlägen für die Programmintendanten und Direktoren den Konsens suchen, sprich: der SPÖ entgegenkommen. Zustimmung zu einem „politischen Diktat“ schloß er aus -aber er ließ wissen, daß seine Vorschläge sich „im Rahmen der österreichischen Realitäten“ bewegen würden.

Daraus meinten manche zunächst, auf die Preisgabe des ersten Fernsehkanals an ' einen Sozialisten schließen zu können. Seit dem Wahlerfolg der nichtsozialistischen Par-

teien in Wien und der Steiermark am 8. Oktober gibt es hier wieder Zweifel. Aber es wäre denkbar, daß sich im Kuratorium eine relativ breite Mehrheit etwa für einen Fernsehintendanten Ernst Wolfram Marboe und einen zweiten FS-Intendanten Professor Dr. Alexander Giese finden ließe.

Marboe ist zwar CVer, aber ein untypischer. Seine quecksilbrige Dynamik läßt parteipolitische Gängelvorstellungen schwer zu. Beim Betriebsrat aller Couleurs ist er gut angeschrieben.

Statt des sozialistischen Volksbildners Giese wären natürlich auch Kuno Knöbl oder Teddy Podgorsky oder Othmar Urban Möglichkeiten. Alle Genannten haben sich um alle zentralen Intendantenposten beworben. Das ist eine Voraussetzung für die Bestellung. Es ist aber auch denkbar, daß das Kuratorium sich auf die Rechtsansicht einigt, daß bis zu Sitzungsbeginn am 13. Oktober noch Bewerbungen nachgereicht werden können. In diesem Fall wird dem derzeitigen Kärntner Landesintendanten Ernst Willner (um dessen Posten sich auch Knöbl beworben

hat) eine gute Chance als FS-Intendant eingeräumt, aber auch Direktor Walter Skala.

Wer dann FS 1 und wer FS 2 bekommt, wird in politischen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen entschieden werden. Daß Bacher die derzeitigen Amtsinhaber wieder vorschlagen wird, gilt als höchst unwahrscheinlich.

„Der Wechsel, die Ablöse, ist weder abnorm, noch zwingend, aber systemimmanent“, dozierte er. Bacher will mit möglichst vielen Signalen zeigen, daß er einen „neuen Anfang“ setzen will. Dazu werden neue Gesichter gehören. Nach seiner unerwarteten Kritik am Hörfunk wackelt auch Wolf In der Maurs Sessel spürbar. Klaus Emmerich ist ein Kandidat.

Aber es gilt (glücklicherweise) als sicher, daß sich für Franz Kreuzer auch in einem neuen Bacher-Rundfunk eine interessante (journalistische) Aufgabe finden wird. Es wäre schade, fände sich für Gerhard Weis, der oft unter seinem Wert gehandelt wird, keine.

Kommt Bacher mit seinen Vorschlägen für die zwei Direktoren und sieben Landesintendanten (ohne Salzburg und Nö., außer Marboe verläßt Studio Niederösterreich) gut über die Bühne, steht sein Sessel schon um vieles fester.

Aber selbst wenn es sich bei den Personalentscheidungen da und dort noch spießen sollte, ist damit das endgültige Nein der SPÖ zu Bacher noch nicht fixiert. Dies schien nur so, als die „Arbeiter-Zeitung“ in ihrem ersten Bacher-Zorn am 29. September verlangte, die ORF-Spitzenposition dürfe nicht endgültig einem „Reaktionär überlassen werden“.

Schon SPÖ-Zentralsekretär Karl Blecha hatte gleich nach der Abstimmung trotz aller Betroffenheit erklärt, Bacher sei nun ein „ernstzunehmenderer Kandidat als heute früh“. Fünf Tage später erinnerte SPÖ-Klubobmann Heinz Fischer daran, daß es 1974 für die Nichtwie-derbestellung Bachers mehrere Gründe gegeben habe (seine Personalpolitik, sein Nein zum neuen ORF-Gesetz, bestimmte „Formulierungen und Handlungen“), deren Noch- oder Nicht-mehr-Vorhandensein man nun prüfen müsse.

Bundeskanzler Bruno Kreisky konnte sich bei seiner Pressekonferenz am 9. Oktober überhaupt nur noch an einen solchen Grund erinnern: Bachers Weigerung, mit der Werbegebührenerhöhüng vor die Paritätische Kommission zu gehen. Das aber ist ausgestanden, hat Bacher längst erklärt. Künftig ginge er.

Wählt man Bacher mit brutaler Vergewaltigung der SPÖ-Kuratoren ab, würde das der SPÖ im Wahljahr bei den liberalen Wählern sehr schaden. Läßt man ihn weitermachen, beraubt man die Opposition des Wahl-kampfthemas ORF. So klug ist Kreisky allemal noch, daß eine solche Überlegung mehr zählt als eine vorschnelle Festnagelung durch die AZ.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung