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Was die „Uni" kostet

In einer Woche öffnen Österreichs 18 Universitäten und Kunsthochschulen ihre Tore, und eine Flut vop Bildungshungrigen aus dem ganzen Bundesgebiet wird wieder die Hörsäle, Labors und Bibliotheken füllen. Im vorigen Jahr waren es um die 110.000 Hörer (inklusive Ausländer). Heuer wenden es nach vorsichtigen Schätzungen der Experten um rund zehn Prozent mehr sein, die fundiertes Wissen und einen akademischen Grad erwerben wollen.

Jeder, der die Matura hat, kann auch studieren. Das spiegelt sich im permanenten Anstieg der Studentenziffern, die sich in den letzten zehn Jahren na-' hezu verdoppelt haben.

Was läßt sich der Österreicher diesen Ehrgeiz kosten, immer besser ausgebildete Kräfte zu produzieren? Wenn man ein Land danach beruteilt, wie hoch seine Aufwendungen für Bildung - im speziellen Fall höhere Bildung - sind, steht die Alpenrepublik sicherlich nicht schlecht da.

Es sind nämlich Milliardenbeträge, die direkt oder indirekt vom Bund, den Ländern, der Wirtschaft und nicht zuletzt von den Studierenden selbst und ihren Eltern für höhere Bildung ausgegeben werden. An der Spitze steht dabei der Staat; die Gesamtausgaben für Universitäten und Hochschulen liegen 1980 bei 6,898 Milliarden Schilling (ausgenommen die Ausgaben für Bauten und Forschung). Bedenkt man aber, daß diese Summe aus Steuergeldern aufgebracht wird, ergibt eine einfache Rechnung, daß jeder Österreicher knapp einen „Blauen" (genau 950 Schilling) pro Jahr für die Hohen Schulen berappen muß.

Pro Haushalt-davon gibt es 2,6 Millionen - sind das im Schnitt 2600 Schilling. Anders ausgedrückt: Kostete den Bund inYStudienjahr 1969/70 ein Student noch 36.028 Schilling, mußte er 1979/80 pro Studiosus bereits 58.378 Schilling ausgeben.

Wie aus einer Umfrage der österreichischen Hochschülerschaft hervorgeht, wird rund ein Viertel der Studenten von ihren Eltern mit zusätzlich 1000 Schilling pro Monat „gesponsert". Zwischen fünf und elf Prozent erhalten bis zu 3200 Schilling. Neun Prozent der Studierenden bekommen die Lebenshaltungskosten - die individuell und je nach Studienort sehr verschieden hoch ausfallen - von den Eltern komplett aufs Konto überwiesen. 11,7 Prozent erhalten ein Stipendium - die Höhe liegt derzeit für Unverheiratete zwischen 2000 und 38.000 Schilling jährlich.

Nach Schätzungen der ÖH verdient außerdem rund die Hälfte aller Hörer als sogenannte Werkstudenten Geld dazu oder finanziert sogar das ganze Studium selbst. Addiert man diese Beträge überschlagsmäßig, kommt man auf die runde Summe von 1,128 Milliarden, mit denen Österreichs Eltern zusätzlich zu den Steuergeldern das Studium ihrer Kinder mitfinanzieren.

In die Millionen gehen auch die Beträge, die die Wirtschaft direkt oder indirekt in die Universitäten steckt. Hierist es nicht nur reiner Bildungsidealismus - das Interesse an praxisnah ausgebildeten Spitzenkräften rechtfertigt die großen Anstrengungen, die die Betriebe in letzter Zeit in vielerlei Hinsicht unternommen haben. Neben Stipendien -so startet die Industriellenvereinigung im kommenden Wintersemester ein neues Förderungssystem für Dissertan-ten - und Heimzuschüssen werden die Universitäten auch mit Forschungsaufträgen unterstützt. In einer Reihe von Betrieben haben Studenten auch die Möglichkeit, Praktika zu absolvieren -nur ein Beispiel einer indirekten Förderung und Unterstützung zukünftiger Akademiker.

Trotz skeptischer Stimmen und Unkenrufen vom Akademikerproletariat wird niemand bestreiten, daß ein Studium, abgesehen von dem großen persönlichen Gewinn an Wissen, enorme Vorteile bringt, was Arbeitsplatzsicherheit, beruflichen Aufstieg und Verdienstmöglichkeiten anlangt.

Die starke Zunahme der Studentenzahlen hat aber nicht nur diesen Grund - das Nachrücken geburtenstärkerer Jahrgänge ist ein weiterer. Nicht zuletzt hat aber der Staat eine Reihe von sozialen Maßnahmen gesetzt (Abschaffung der Studiengebühren, Stipendienerhöhung, Heimbeihilfen, Freifahrten am und zum Studienort), die den Sprung aufs akademische Parkett für viele erleichtert haben.

Die Entwicklung des Budgets in den letzten zehn Jahren zeigt in allen Bereichen einen deutlichen Trend nach oben, der nicht nur auf die Geldentwertung zurückzuführen ist. So sind die Gesamtausgaben für Österreichs Universitäten und Kunsthochschulen von 2,311 Milliarden Schilling im Jahr 1970 auf insgesamt 8,442 Milliarden im heurigen Jahr gestiegen, was eine Erhöhung um 265 Prozent bedeutet.

Nicht ganz mit der Studentenlawine schritthalten konnte man bei der Aufstockung des Lehrpersonals. Wie aus der Hochschulstatistik des Wissen-schaftsministeriums hervorgeht, sind für 1980 um 43,8 Prozent mehr Planstellen für Lehrpersonen (Professoren, Assistenten, Lehrbeauftragte, Lektoren etc.) vorgesehen als 1970, die genaue Zahl betrug heuer an Universitäten und Hochschulen 12.488. (Im selben Zeitraum stiegen die Studentenzahlen um nahezu 100 Prozent.) Entsprechend entwickelte sich der Personalaufwand. Von 963.349 Millionen auf 3,664 Milliarden Schilling.

Für Sachausgaben wendete das Wissenschaftsministerium in diesem Jahr 3,232 Milliarden auf, zu Beginn dieses Jahrzehnts waren es 902.162 Millionen. Davon entfallen allein 350 Millionen (1970: 120 Millionen) auf die Studienförderung. 1979/80 erhielten insgesamt 11.677 Studierende (11,7 Prozent aller Studierenden) Beihilfen in der Durchschnittshöhe von 26.980 Schilling pro Jahr. 1970 betrug das durchschnittliche Stipendium noch 13.500 Schilling.

Die breite Öffnung der Hohen Schulen, die Erweiterung des Fächerangebots sowie die Einrichtung neuer Studien zog natürlich auch eine rapide Ausweitung des Raumbedarfs nach sich. Gab man für Hochschulbauten 1970 „nur" 321 Millionen Schilling aus, sieht das Budget 1980 bereits 686.334 Millionen vor.

Nicht nur die Studentenzahlen selbst haben sich vergrößert, auch in der Herkunft der Studierenden ist ein Wandel eingetreten. So hat sich der Anteil der Kinder aus Arbeiterfamilien, der jahrzehntelang bei rund sieben Prozent lag, verdoppelt. Ähnlich ist die Entwicklung bei Kindern aus Bauernfamilien. Nahezu gestürmt wurden die Hohen Schulen des Landes aber von den Frauen. Entsprechend dem allgemeinen Trend zur Gleichstellung des weiblichen Geschlechts im Berufsleben verzeichnen die Universitäten einen überproportionalen Zuwachs an weiblichen Studierenden: Ihr Anteil stieg in den letzten zehn Jahren von 25 auf 38 Prozent, bei den Studienanfängern sind es jetzt schon 46 Prozent.

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