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Was geht uns Adam an ?

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Über ,.Chancen und Grenzen der Religion in der Welt von heute" sprach der Salzburger Soziologe Werner Stark dieser Tage bei den Wiener Internationalen Hoch-schulkursen. Auszüge:

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Über ,.Chancen und Grenzen der Religion in der Welt von heute" sprach der Salzburger Soziologe Werner Stark dieser Tage bei den Wiener Internationalen Hoch-schulkursen. Auszüge:

Die Dinge der unsichtbaren Welt kann man nicht mit den Mitteln erfassen, mit denen man die Dinge der sichtbaren Welt erfassen kann: man kann sie weder sehen noch greifen noch wägen. Das heißt nicht, daß sie nicht existieren, und der Mensch der Vergangenheit hat sie in sein Leben hineingezogen, indem er sie in

Symbolen versinnbildlicht hat. Wo Symbale ihren Appell verlieren, verschwindet die Möglichkeit, sich mit dem Geahnten auseinanderzusetzen.

Es liegt dann etwas vor, das man mit dem Verlust der Sprache vergleichen könnte. Wie der Verlust der Sprache stumm macht — um nicht zu sagen dumm macht -, so macht der Verlust der Symbolik teilblind, das heißt blind für alles, das man nicht mit dem physischen Auge wahrnehmen kann, und das ist nicht wenig.

Im Mittelalter war eine Taube sowohl ein Vogel als auch ein Repräsentant des Heiligen Geistes; der modernen Wissenschaft ist sie einfach ein Exemplar der Spezies „Columbidae". Freilich ist dieser

besondere Symbolismus heute noch vielen Menschen geläufig, aber auch unter den Gläubigen hat sicher eine schmerzhafte Rückentwicklung stattgefunden.

Wer denkt bei Darstellungen der weihnachtlichen Krippenszene noch daran, daß Ochslein und Eslein nicht nur Stalltiere sind, sondern auch Symbole des jüdischen Volkes und der heidnischen Völker? Wer denkt bei Darstellungen der Heiligen Drei Könige noch daran, daß diese Magier die drei damals bekannten Kontinente versinnbildlichen - Amerika und Australien waren ja noch nicht entdeckt?

Wie ernst die Entfremdung vom Symbolismus ist, kann man ermessen, wenn man an Carl Gustav Jungs Begriff der Ursymbole denkt, in denen sich die Urintuiti-on vom Ubersinnlichen niedergeschlagen und verfestigt hat.

Das Umsichgreifen eines nüchternen Deskriptivismus ist aller Religiosität abträglich. Wie steht es um die spezifischen Chancen und Grenząn des Christentums in der Welt Von heute? Sobald wir uns dem Christentum zuwenden, stoßen wir auf eine Konzeption, die besonders an Boden verloren hat, nämlich auf die These von der Erbsünde.

Zunächst ist zu sagen, daß gera-,de diese These den kollektiven Ursprung der tiefsten religiösen Vorstellungen illustrieren kann. Es ist ganz falsch, sie nur als einen Ausgangspunkt anzusehen, sie ist gapz wesentlich ein Endpunkt, das Endresultat von generations-, langen Bemühungen um menschliche Selbsterkenntnis, der Niederschlag persistenter Selbstbeobachtung.

Dem modernen Soziologen, soweit er ein Mann der Wissenschaft ist, ist sie leicht verständlich. Denn der Mensch ist, wenn man ihn vom Standpunkt der Vorsehung aus betrachtet, offenbar auf die Gesellschaftlichkeit angelegt, „auf sie hingeordnet", wie Thomas von Aquin das ausgedrückt hätte, aber er will diese Gesellschaftlichkeit nicht voll akzeptieren, sein eingeborener Egoismus hindert ihn daran.

Es ist unvermeidlich, daß er sich’selbst gegenüber Unbehagen fühlen muß, und dieses Unbehagen ist die psychologische Wurzel des Dogmas. Dieses Unbehagen muß jeden Menschen ergreifen, der überhaupt bewußt lebt, und daher die Uberzeugung einer kollektiven Belastung, einer Belastung aller. Dem voll sozialisierten Menschen war es nicht schwer, an eine Schuldgemeinschaft aller Menschen ohne Ausnahme zu denken, und die Uberzeugung zu akzeptieren, daß in Adams Fall alle Adamssöhne und Evastöchter involviert waren und involviert sind.

Dabei half ihm auch der Begriff der Sippensolidarität und der solidarischen Sippenhaftung, der das Recht der jungen Völker überall durchsetzt. Wenn aber einmal die Uberzeugung im Geist lebt, daß alle Menschen von Schuld überschattet sind, dann folgt mit zwingender Logik, daß auch alle Menschen die Sehnsucht nach der Erlösung in sich tragen, und damit ist ein Fundament für das Christentum gelegt. Das ist der Grund, warum die Frohbotschaft sich so schnell durch so viele Länder verbreiten konnte.

Sowie nun in der Schicht, die Karl Marx den Unterbau genannt hat, eine Änderung vor sich geht, sobald die Solidarität schwindet und der Individualismus sich ausbreitet, gerät diese religiöse Tradition in Schwierigkeiten. Wo es heißt: Jeder für sich! kann das Wissen um eine kollektive Haltung und um eine kollektive Haftung nicht unerschüttert bleiben, und wenn sie in der „condition hu-

maine" auch eine noch so feste Basis besitzt.

Auf dem niedrigsten Niveau formuliert sich wie von selbst die Frage: Was geht mich die Verfehlung Adams an? Ich habe von der verbotenen Frucht nicht gegessen! Von diesem niedrigsten Niveau aus verbreitet sich diese Denkweise dann aber hinauf in die höheren Ebenen und wird schließlich zum Bestandteil einer ganzen Lebensphilosophie.

Freilich bedeutet das eine Verflachung und Verarmung der Selbstinterpretation des Menschen, aber wer hört nicht gerne, daß er schuldlos ist, ja daß er gut geboren ist? Der billigste Weg, eine Belastungloszuwerden, ist der, zu leugnen, daß eine Last»über-haupt da ist. In seinen „Confessi-ons" zeigt Jean-Jacques Rousseau sich als einen Menschen, der ein volles Maß der menschlichen Urschwäche in sich getragen hat; in seinem Rechtfertigungsbrief an den Erzbischof von Paris de Beaumont aber behauptet er, daß der Mensch von Natur aus unschuldig ist. Die Behauptung: an meinen Verfehlungen bin nicht ich schuld, sondern die Gesellschaft, das heißt die anderen, ist die faulste aller faulen Ausreden. Aber sie hat, wie wir alle wissen, große Schule gemacht.

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