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Digital In Arbeit

„Was haltest von den Medien?“

Die Sprache der Medien scheint ihrer Funktion und Wortbedeutung nach dazu bestimmt, Mittlerin, Vermittlerin und Helferin der Hochsprache (Standardsprache) zu sein, die als Norm über der Vielfalt der Mundarten und den Sonderheiten der Umgangssprache steht.

Bevor es Rundfunk und Fernsehen gab, hatte hauptsächlich die Presse diese Funktion zu übemeh-

men. Wir kennen den Krieg eines Karl Kraus gegen die Presse, der mit seiner „Fackel“ in die verschlampten Winkel einer entarteten Schablonen- und Phrasensprache hineinleuchtete. Nicht weniger scharf war Friedrich Nietzsche vorgegangen, als er sagte, er ziehe es nächstens vor, „lateinisch zu sprechen, weil er sich einer so verhunzten und geschändeten Sprache schäme“. Und Carl Gustav Jung, der Schweizer Psychologe und Psychiater, berichtet von einem Geisteskranken, der, nach dem Grund seines jahrelangen Schweigens befragt, antwortete: „Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte“.

Zum Latein Zuflucht nehmen oder gar ins Schweigen flüchten, - daran muß man denken, wenn man erlebt, was heute oft in den Medien sprachlich und sprecherisch geboten wird.

Wenn nun im Folgenden solche Vorkommnisse kritisch beleuchtet werden, dann soll dies nicht als philologische Engherzigkeit verstanden werden, sondern lediglich aus der wachsenden Sorge um eine Sprache, deren Verwahrlosung ständig zunimmt. Dies umso mehr, als das in der Mediensprache Gebotene vielen als nachzuahmendes Vorbild erscheint.

Unsere kritische Wanderung sei mit dem Substantiv begonnen. Jedes Hauptwort hat ein Geschlecht (Genus), das am Artikel erkennbar ist. Daß die Artikel in manchen mundartlichen Bereichen mitunter durcheinander gehen, (zum Beispiel: das Teller, der Butter...) soll uns hier nicht beschäftigen. Dagegen ist Einspruch zu erheben, wenn im ORF von Rundfunksprechern, aber auch von Regierungsmitgliedern bei manchen Hauptwörtern männliches und sächliches Geschlecht vertauscht werden, etwa „der Kilo“, „der Benzin“, dafür aber „das Monat“ und „das Magistrat“. Auch „der Epos“ konnte man kürzlich lesen („Kurier“).

Die Substantiva haben bei der Deklination verschiedene Endungen. Ein falscher Kasus kann aber manchmal unbeabsichtigt einen anderen Sinn ergeben, etwa wenn von einer Rede „des Bundeskanzlers Vranitzkys“ gesprochen wird (FS 2). Das hieße ja: Bundeskanzler Vranitzky hat selbst noch einen Bundeskanzler - und der hat eine Rede gehalten.

Erinnern muß man auch daran, daß man bei Angabe unserer Währungseinheit nur von „Schilling“ sprechen kann. Von Wirtschaftsexperten und Politikern wird immer häufiger gesagt, es handle sich zum Beispiel um eine Steuerschuld von 300.000 Schillingen, was die diversen Sprecher vermutlich für besonders korrekt halten. Die Mehrzahl ist ja nur statthaft, wenn es sich um einzelne Münzen handelt: Er hatte nur drei Schillinge in der Tasche.

Ein wirres Durcheinander herrscht bei den Appositionen („Beisätzen“ in Form von attributiven Substantiven). Daß diese mit dem Bezugswort in dessen jeweiligem Fall übereinstimmen müssen, schien ganz in Vergessenheit geraten zu sein: „Das ist das Problem von Prof. Herde, eines (statt einem ...) international angesehenen Historikers“; „im Anblick des höchsten Berges Österreichs, dem (statt des...) Großglockner“ (FS2).

Eingebürgert hat Sich, vor allem in Österreich, der „Professorentitel“. Hier müßte die Einzahl genügen, denn man sagt ja auch nicht „Doktorentitel“. Doch so etwas macht Schule. Da liest man, daß eine Verstorbene als „Professorenwitwe“ bezeichnet wird, also als die Witwe von mehreren Professoren.

Beim Adjektiv (Eigenschaftswort) gibt es manche Unstimmigkeiten, besonders bei den Steigerungsstufen, namentlich beim Superlativ, wo man nicht genug steigern -kann. Da liest man vom „bestangezogensten Kind“ (Kronenzeitung) und man hört vom „bestbesuchtesten Ort“ (FS1). Mode geworden ist die Steigerungsform bei einem Wort, das gar nicht steigerungsfähig ist, nämlich „kein, keine, kein“. Doch vor allem Politiker aller Fraktio-. H^n lieben es, „in kein-ster Weise“ zu sagen.

Die unrichtige Verwendung von Präpositionen (Vorwort) kann mitunter zu sinnwidrigen Aussagen führen. Charakteristisch dafür ist die vielgebrauchte und vielmißbrauchte Form „am“: Eine Fernsehsprecherin (Österreichbild) berichtet von einem Unfall: „Der Verletzte starb am Transport ins Krankenhaus“ - das heißt ja, der Patient ist nicht an seinen Verletzungen, sondern an den Folgen des Transportes gestorben.

Auf die Präposition „nach“ müssen wir noch kurz zu sprechen kommen. Dieses Vorwort verlangt ohne Ausnahme den 3. Fall, ob es vor- oder nachgestellt ist: Nach meinem Erachten, nach meinem Wissen. Nun kann man ohne Präposition natürlich auch sagen: meines Erachtens, meines Wissens -aber nicht: meines Erachtens nach, meines Wissens nach. Diese Unart hat sich eingebürgert, vermutlich deshalb, weil man zurecht „meiner Meinung nach“ oder „meiner Ansichtnach“ sagen kann.

Und hiemit sind wir in unserem kurzen Überblick beim Ver-

bum (Zeitwort), angelangt. Wir unterscheiden beim Verbum starke und schwache Konjugation (Beugung, Abwandlung). Da staunen wir, daß in dem genannten Duden-Werk starke Verben als schwache Verben bezeichnet werden (zum Beispiel messen, schlafen, verraten) - demnach müßte man in der Mitvergangenheit sagen: Ich meßte, ich schlaf-te, ich verratete.

Bleiben wir noch bei der Unterscheidung starker und schwacher

Verbalformen in der Sprache der Medien, vor allem in Österreich: Da hören wir von der Nachrichten-Sprecherin: „Alle Jahre lauft (statt läuft...) die Zeckenschutzimpfung ... “, von der Moderatorin in „Wir“: „Was haltetst (statt was hältst...) du davon,...“

Traurig ist es, daß die sprachliche Verwilderung auch auf das Fremdwort übergreift. Unausrottbar scheint in Österreich die Form „ terminisieren “ beziehungsweise

„Terminisierung“ zu sein. Es muß richtig „terminieren“ und „Terminierung“ heißen, nach dem lateinischen Substantiv „terminus“. Doch dieses „terminisieren“ hat Schule gemacht und schon eine ganze Reihe von Nachbildungen zur Folge gehabt, so etwa „psychiatrisieren“ statt psychiatrieren.

Zum Abschluß kann nur ein kurzer Hinweis auf das Kapitel „Aussprache“ gegeben werden, das einer eigenen Untersuchung wert wäre. Für das gesprochene Wort muß es ebenso Richtlinien geben wie für das geschriebene. So könnte es doch schon bekannt sein, daß im Finnischen die erste Silbe betont wird, daß man also Helsinki und nicht Helsinki sagt, wie es manche Politiker noch immer aussprechen. Man kann nicht verlangen, daß die Moderatoren und Sprecher bei den Sendestationen alle Sprachen beherrschen, aber es muß Stellen geben, wo sie entsprechend instruiert werden können.

Durch die Sprache wird der Mensch zum Menschen, durch die Sprache kann er auch zum Unmenschen werden. Das sollten alle bedenken, die dafür Verantwortung tragen.

Der Autor ist Literaturhistoriker.

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