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Was ich geschrieben habe, ist meine ehrliche Überzeugung gewesen

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Kardinal König wird als Protektor des Theodor-Innitzer-Fonds dem großen deutschen Theologen Prof. Karl Rahner S J (München) den Kardinal-Innitzer-Preis 1976 überreichen. Im Hinblick auf diese Ehrung führte FURCHE-Mitarbeiter Gerhart Ruis in München dieses Gespräch mit dem Gelehrten.

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Kardinal König wird als Protektor des Theodor-Innitzer-Fonds dem großen deutschen Theologen Prof. Karl Rahner S J (München) den Kardinal-Innitzer-Preis 1976 überreichen. Im Hinblick auf diese Ehrung führte FURCHE-Mitarbeiter Gerhart Ruis in München dieses Gespräch mit dem Gelehrten.

FURCHE: Sehen Sie in den verschiedenen Auszeichnungen, die Ihnen in letzter Zeit zuteil werden, nicht einen Beweis dafür, daß Ihr theologisches Arbeiten nicht ins Leere gegangen ist?

RAHNER: Ehrendoktorate und Preise sind gewissermaßen Alterserscheinungen, die vielleicht nicht ganz vermeidbar sind; natürlich erfüllen sie auch mit einer gewissen Genugtuung im Gedanken, man habe nachweisbar nicht ins Leere gearbeitet. Ob und wie weit in bald vierzig Jahren theologisch-wissenschaftlicher Arbeit das eigentliche theologische Werk, das man zu tun versucht, nun angekommen ist, das ist natürlich eine ganz andere Frage. Erstens einmal steht man nie allein; man gehört in einen größeren oder kleineren Kreis anderer Theologen, auch wenn jeder still für sich arbeitet. So läßt sich natürlich auch die Wirkung einer theologischen Arbeit von der anderen kaum chemisch rein trennen. Insofern weiß man natürlich auch nicht so genau: ist man jetzt angekommen, hat die eigene theologische Arbeit einen Erfolg gehabt. Wenn man von der Auflagenhöhe der eigenen Bücher ausgeht und nüchtern einbezieht, daß theologisch-wissenschaftliche Bücher nie die Auflagenhöhe von Belletristik haben, dann könnte man sagen: irgendwo ist die eigene theologische Arbeit angekommen, gelesen, studiert worden. Es gibt ja auch schon eine Reihe von Dissertationen und Büchern darüber. Von da aus gesehen, kann ich also nicht sagen, ich müsse mich beklagen über die eigene Angekommenheit oder Nichtan-gekommenheit meiner theologischen Arbeit. Eine ganz andere Frage ist natürlich, wie weit das Sachlich-Inhaltliche der eigenen Arbeit, das einem am Herzen hegt, wie weit bestimmte ein-zel-theologische Positionen nun schon die nötige Aufmerksamkeit gefunden haben, die man sich im Interesse der Sache wünscht. Zum Beispiel beim „Grundkurs“ -er ist zwar erst vor zwei Monaten erschienen - da bleiben die bisher erschienen Besprechungen noch sehr im allgemeinen. Das ist zwar nicht verwunderlich, aber es käme mir sehr darauf an, einmal von Fachkollegen und anderen interessierten Leuten zu hören, ob und wie weit sie das Eigentümliche, das selber Gedachte der eigenen Theologie sehen, auch im Vergleich zu anderen theologischen Positionen, wie weit sie so etwas für richtig empfinden, rezipieren. In dieser Hinsicht weiß ich also nicht so genau, wie weit die „eigene Theologie“ angekommen ist.

FURCHE: Gab es in Ihrer theologischen Entwicklung so etwas wie einen Durchbruch, der Ihnen bewußt machte, daß Sie Träger einer neuen Theologie geworden sind?

RAHNER: Ich würde eher sagen, nein, das hat es nicht gegeben. Ich habe nicht den Eindruck, daß meine Theologie irgendwelche Kehren oder Umbrüche fundamentaler Art erfahren habe. Ich habe eine normale neuscholastische Schultheologie fleißig, willig und interessiert gelernt. Es kamen dann die Einflüsse von Marechal und Heidegger hinzu, und in dem Augenblick, da iqh also selber zu dozieren hatte, war in einer sehr unauffälligen Weiise eigenüicbhdiöüötzte Grundkonzeption und Grundstruktur meiner Theologie da, ohne daß ich das als einen besonders revolutionären Vorgang empfunden hätte. Worin sollte denn der auch bestehen? Es kann natürlich einer, von außen sehend und meine Theologie mit der traditionellen neuscholastischen Schultheologie, die es ja jetzt gar nicht mehr gibt, vergleichend, vielleicht sehr erhebliche Unterschiede feststellen. Aber diese Unterschiede werden eigentlich nicht geschaffen und gedacht in einer revolutionär protestierenden Gegensätzlichkeit zur traditionellen neuscholastischen Theologie, sondern mit dem Gefühl, die Impulse auch in dieser Schultheologie weiterzuführen, sie ans Licht zu bringen.

FURCHE: Sie haben in Ihrem Beruf den größtmöglichen Erfolg. Wie werden Sie mit diesem Erfolg fertig? Gibt es für Sie auch ein echt menschliches Problem?

RAHNER: Es gibt natürlich auch in der modernen Theologie unter den Theologen ein dauerndes Hin und Her, so daß man selber nie genau sagen kann, ist das jetzt „Eigenbau“ oder lag das vielleicht in der Luft; sind nicht vielleicht die Antworten, die man gibt aus der Situation heraus einfach solche, die eigentlich von jedem Theologen gegeben werden könnten. Es hat mir einmal jemand zum Vorwurf gemacht, daß ich noch im Grunde genommen außerordentlich viel in meiner Theologie aus den Perspektiven Teilhard de Chardins herausdenke. Ich mußte ihm aber sagen: Das kann ganz gut so sein, ich habe auch gar nichts dagegen, daß da jemand Parallelen entdeckt, aber ich habe fast nichts von Teilhard gelesen. Diese Parallelen ergeben sich einfach aus der gemeinsamen geistigen epochalen Atmosphäre, in der man lebt. Da braucht man den anderen gar nicht besonders studiert zu haben, und trotzdem sind solche Parallelen gegeben. Mit anderen Worten, man lebt doch mit anderen Theologen zusammen - das haben wir besonders beim Zweiten Vatikanischen Konzil ganz konkret erlebt - und da gibt es dann eine Theologie, von der man dann gar nicht so genau weiß, ist es die eigene oder die der anderen, greift man nur Fragen auf, die der andere im Grunde gestellt hat, oder hat man sie selbst zum erstenmal gestellt. Dazu kommt noch, daß ich eigentlich nicht den Eindruck habe, ich hätte ein großes Werk getan, weil gemessen an der heutigen Problematik des Gottesglaubens des Verhältnisses zur Kirche in einer sich immer schneller und weiter säkularisierenden Welt der Gleichgültigkeit, des Unglaubens, der Verständnislo-sigkeit gegenüber dem Christentum und seiner Botschaft, der Schwierigkeit liturgischer Vollzüge, der Schwierigkeit, echt und selbstverständlich zu beten, all diese theologischen Bemühungen, bei denen man selber mitgearbeitet hat, hinter dem, was heute getan werden muß, so zurückbleiben, daß man eine Versuchung, sich auf das Geleistete etwas einzubilden, nicht haben kann.

FURCHE: Fühlten Sie sich in Ihrer theologischen Arbeit auf dem Gebiet der Forschung immer frei genug? Gibt es in Ihrer Schublade Manuskripte, an denen Sie hängen, die aber zu publizieren für Sie zur Zeit inopportun, ja gefährlich wäre?

RAHNER Ich habe zwar in meinen früheren Jahren, in den fünfziger Jahren oder bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, mit Rom, mit dem Heiligen Offizium und, gedrängt von ihm, mit den höchsten Ordensoberen theologisch einige Schwierigkeiten gehabt. Eine mariologische Arbeit, die ich 1952 geschrieben habe, blieb auf der Strek-ke. Ich könnte sie heute ohne jede Schwierigkeit veröffentlichen, aber ich tue das nicht, weil ich das Ganze von der Sache her neu bearbeiten müßte und dafür habe ich keine Zeit und keine Kraft mehr. Abar irgendwelche theologischen Erkenntnisse, die ich in meinem Herzen verbergen müßte, oder die, in meiner Schublade niedergelegt, nicht das Licht der Welt erblicken könnten, gibt es nicht. Das, was ich geschrieben habe, ist meine ehrliche Uberzeugung gewesen und es gibt keine fundamentalen Uberzeugungen auf dem Gebiet, das ich bearbeite, die ich heute nicht sagen dürfte. Ob ich noch einmal theologische Fragen in meinem Alter aufgreifen könnte, wo noch einmal Schwierigkeiten in dieser Hinsicht entstehen könnten, darüber kann ich im Augenblick selber auch nichts prophezeien.

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