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Digital In Arbeit

Was ist uns Arbeit wert ?

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„Werte sind abstrakt, Preise sind konkret“, pflegen Ökonomen zu sagen. Werte sind nicht sichtbar, sie lassen sich nur aus Handlungen und Äußerungen von Menschen erschließen. Trotzdem gehört das Reden vom Wertewandel schon zur öffentlichen Diskussion, ohne daß deshalb die Begriffe klarer geworden sind. Umfangreiche Daten über die Österreicher gibt es aber im Zusammenhang mit ihrer Einstellung zur Arbeit.

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„Werte sind abstrakt, Preise sind konkret“, pflegen Ökonomen zu sagen. Werte sind nicht sichtbar, sie lassen sich nur aus Handlungen und Äußerungen von Menschen erschließen. Trotzdem gehört das Reden vom Wertewandel schon zur öffentlichen Diskussion, ohne daß deshalb die Begriffe klarer geworden sind. Umfangreiche Daten über die Österreicher gibt es aber im Zusammenhang mit ihrer Einstellung zur Arbeit.

F|ür Österreich gibt es nur wenige demoskopische Befunde über Werthaltungen, geschweige denn über einschlägige Veränderungen. Der allfällige Wandel ist teilweise noch vom Mantel unseres Nichtwissens und Datenmangels umhüllt. Man kann nicht einmal spotten: „Wertwandel: oft de- • moskopiert, nie erreicht.“

Was hingegen vorliegt, sind Daten zur Arbeitshaltung der Österreicher. Nicht in langen Zeitreihen, aber immerhin seit 1979, und Daten, die auch die Arbeitswerthaltungen von Jugendlichen widerspiegeln.

In einer Repräsentativuntersuchung 1985/86 hatten die Befragten die relative Wichtigkeit von fünf Bereichen einzustufen, sie konnten 100 Punkte vergeben. Auf die „Familie“ entfielen im Schnitt zirka 40 Punkte. Sie wurde damit im Durchschnitt als der mit Abstand wichtigste Bereich klassifiziert. Auf den Bereich der Arbeit entfielen 27 Punkte, auf Freizeit 22 Punkte, auf Religion neun und auf soziales Engagement sechs Punkte.

Die Vorgangsweise erbrachte, bei aller Grob- und Rohheit, doch das interessante Resultat, daß der Arbeit ein sehr hoher relativer Stellenwert zugeschrieben wird. Auch Bevölkerungsgruppen, die sich in stärkerem Maße als Träger „neuer Werte“ (bezogen auf ihre Abkehr von konventioneller Leistungsethik) ausweisen, schreiben der Arbeit diesen hohen Stellenwert zu.

Isoliert danach befragt, wie wichtig und bedeutend Arbeiten im gesamten persönlichen Leben ist, antworteten die Befragten ebenso deutlich. Nur sieben Prozent sprachen der Arbeit einen eher geringen Stellenwert zu. Fast 80 Prozent stuften sie als sehr wichtig ein. Die trockenen Zahlen zeigen immerhin, daß Arbeit für die Österreicher mehr ist als Lebensmittel — nämlich ein bedeutender Lebensinhalt.

Arbeit ist in den Augen vieler österreicher(innen) sichtlich nicht nur Lebensmittel, sondern auch Zweck. Der Traum, daß die Maschinen eines Tages alle Arbeit übernehmen, scheint mehr ein Alptraum denn ein Wunschtraum zu sein. Durch ihn geistert nicht die Angst, durch Computer oder Mikroprozessoren ersetzt und überflüssig zu werden, sondern auch der wachsende Verdacht, daß in der Freizeit allein der vielzitierte „Sinn“ nicht gefunden werden kann. Und in zunehmendem (!) Maße neigt man zur Ansicht, daß an der Arbeit nicht das damit verdiente Geld am wichtigsten ist, sondern die Art der Arbeit. Gerade in einer Zeit hoher Spezialisierung und Professiona-lisierung, da der zum Analphabeten zu werden droht, der der Computerschrift nicht mächtig ist, wo alte Berufsbilder schneller stürzen, meldet Irtan den Anspruch auf eine „interessante, erfüllende Tätigkeit“ an!

Eine Repräsentativuntersuchung aus dem Jahr 1983 (siehe Tabelle) beleuchtet diese hohe Wertschätzung der Arbeit. Die Betrachtung der Arbeit als notwendiges Übel ist sehr selten vorfindbar. Es dominiert eine positive Grundhaltung, in der sowohl instrumenteile Aspekte (Arbeit als Mittel für Wohlstand) als auch qualitative Anreize deutlich werden (Arbeit soll Freude bereiten, man soll eigene Vorstellungen verwirklichen können).

Bemerkenswert, daß die Einstellungen der Jugendlichen von denen der Gesamtstichprobe nicht stark abweichen.

Die überwiegende Mehrheit der österreichischen Jugendlichen wertet Leistung als wichtig und positiv, nur jeder zehnte bekundet eine persönlich ablehnende Stellung dazu. Unter Studenten und Jugendlichen mit „postmaterialistischen“ Orientierungen steigt die Skepsis gegenüber der Verknüpfung von Einkommenshöhe und Leistung zwar an, die Kritiker bleiben aber nichtsdestotrotz in der Minderheit (zirka jeweils ein Viertel der beiden Subgrup-pen).

Dieser Befund einer überwiegend „traditionellen“ Arbeitswerteorientierung—bei gleichzeitiger Existenz „abweichender“ Minderheiten — kann noch weiter aufgeschlüsselt werden: insgesamt lassen sich fünf „Typen“ von Arbeitsorientierungen charakterisieren, denen jeweils etwa ein Fünftel der österreichischen Bevölkerung zugeordnet werden kann:

• Arbeitsintrinsische Orientierung (man sucht in der Arbeit Identifikation und Sinnerfüllung, der Verdienst wird als eher sekundär eingeschätzt; 20 Prozent der Österreicher).

• Positiv instrumentelle Orientierung (eine positive, leistungs-bezogene Einstellung zur Arbeit, die als Grundlage des persönlichen wie des allgemeinen Wohlstandes angesehen wird. Der Wert der Arbeit liegt allerdings nicht in ihr selbst, sondern in ihrer finanziellen Abgeltung; 23 Prozent).

• Gemischt-positive Orientierung (eine positive, sowohl lei-stungs- als auch sinnorientierte Auffassung von Arbeit, der man als Nichtberufstätige/r [87 Prozent der Gruppe] jedoch eher distanziert gegenübersteht; 20 Prozent).

• Resignativ-instrumentelle Orientierung (Arbeit dient zur Bestreitung des Lebensunterhaltes, Selbstverwirklichung durch Arbeit wird kaum für möglich gehalten; 16 Prozent). • Negativ-instrumentelle Orientierung (Arbeit dient fast nur als Instrument des Gelderwerbs; das persönliche Leben und die Bedürfnisse orientieren sich an der Freizeit; 21 Prozent).

Zusammenfassend betrachtet, rechtfertigen die Daten für Österreich keinen Befund eines generellen Abbaues von traditionellen Arbeitswerten. Vielmehr findet man eine Tendenz zum additiven Wertewandel. Materielle Werte und Zielsetzungen — und hier besonders die starke Sicherheitsorientierung - werden um solche qualitativer Natur angereichert und ergänzt. Als Indikator für die Werthaltung, mit der man der „Arbeit“ begegnet, können auch die (Soll-)Anforderungen an einen „guten Beruf“ gelten.

Hier stehen an erster Stelle die Sicherheit des Arbeitsplatzes, gefolgt von einem gesunden Arbeitsplatz und gutem Betriebsklima. Verdienst, Eigenverantwortung, Aufstiegschancen, anregende Tätigkeit und Selbstentfaltung rangieren im Mittelfeld; Mitbestimmung, leichte, streßlose Arbeit und Ansehen des Berufes am Ende der Wunschliste.

Ein ganz ähnliches Ergebnis erbrachte die Repräsentativstudie 1985/86, bei der unter anderem erfragt wurde, wie wichtig einem bestimmte Merkmale bei einer beruflichen Tätigkeit sind.

Die größte Bedeutung hat für die österreicher(innen) die Sicherheit des Arbeitsplatzes (73 Prozent bezeichnen sie als sehr wichtig). Hohe Wertigkeit besitzt auch „das gute Verhältnis“ zu den Kollegen; mit einigem Abstand folgen „gesunde und angenehme Arbeitsbedingungen“ (55 Prozent sehr wichtig). Qualifikationsnutzung (berufliche Fähigkeiten voll anwenden) ist etwas über 50 Prozent, Anerkennung der eigenen Leistung und Möglichkeit zur Selbstentfaltung über 40 Prozent „sehr wichtig“. Ein hohes Einkommen bezeichnet demgegenüber nur rund ein Drittel als „sehr wichtig“.

Immaterielle Orientierungen scheinen im Bereich der Arbeit eine sehr hohe Bedeutung zu haben. Jedenfalls eine stärkere als man annimmt.

Schließt man sich der These von differenzierten wertenden Haltungen gegenüber „der Arbeit“ an (und nicht der Klage um sinkende Arbeitsmoral, die es so wiederzugewinnen gilt, wie sie einmal war), so ergeben sich daraus sowohl für Fragen der internen Arbeitsorganisation als auch für politische Rahmenmaßnahmen wichtige Konsequenzen, die hier nur angedeutet werden können:

Für die Unternehmen hat dies Folgen unter anderem für den Führungsstil, für die Aus- und Weiterbildung, für Aufgabenbeschreibung, allfällige Zielvereinbarungen und so weiter. Die Arbeitnehmer erwarten von ihrer Arbeit auch nichtmaterielle Gratifikationen, die aus der Arbeit selbst oder vom sozialen Ambiente herkommen. „Management“ wird in zunehmendem Maße nicht nur Sachkenntnis, sondern auch menschliche Qualitäten erfordern.

Die schwierige Aufgabe für Management und gesellschaftsge-staltende Kräfte besteht in Zukunft nicht „bloß“ darin, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern Tätigkeitsmöglichkeiten zu bieten, deren Nutzung auch inneren Nutzen bringt.

Klingt gut, ist aber sehr schwer. So schwer, wie der Glaube an das sehr alte Wort des alttestamentarischen Predigers: „Darum sage ich, daß nichts Besseres ist, denn daß der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit.“ Ein Wort aus der Tiefe der Zeiten, das viele „Wertwandlungen“ überdauert hat.

Der Autor ist Geschäftsführer des Fessel + GfK Institutes.

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