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Digital In Arbeit

Was tun wir mit den Wasserträgern?

Irgendwo im Pazifik liegen zwei Inseln. Die Bewohner haben alles, was sie für ein angenehmes Leben brauchen.

Der einzige Nachteil: Wasser ist im Tal keines vorhanden, gutes Wasser gibt es nur in einer sehr unzugänglichen Quelle hoch droben in den Bergen.

Die Arbeit ist so organisiert, daß jeder arbeitsfähige Bewohner der Insel 30 Stunden pro Woche in der Landwirtschaft beschäftigt ist und während weiterer 10 Stunden als Wasserträger arbeitet.

In dieser Situation wird im Tal eine herrliche Quelle entdeckt, ein großes Freudenfest wird gefeiert, denn ab jetzt braucht man diese 31. bis 40. Stunde nicht mehr aufzuwenden. Das Wasser ist ohnehin im Tal da und zur Erstellung desselben Sozialproduktes sind jetzt nur noch 30 Stunden notwendig.

Auf der Nachbarinsel dieselbe Situation, nur ist dort die Arbeit anders organisiert. Von den Bewohnern der Insel sind 75 Prozent zu je 40 Stunden in der Woche in der Landwirtschaft eingesetzt und 25 Prozent sind vollberufliche Wasserschlepper.

Wieder wird die Quelle entdeckt, ein großes Freudenfest. Aber was geschieht dann?

Die, die bis jetzt Bananen gezogen haben, sagen: Blöd werden wir sein, wenn wir den Wasserträgern auch weiterhin ein Drittel der landwirtschaftlichen Produkte als Kompensation für das Wassertragen geben, wenn wir jetzt ohnehin das Wasser im Tal haben.

Die Wasserträger sind nahe am Verhungern, größte soziale Spannungen treten auf.

Nach diesem Beispiel zurück zur Frage: Wie kann unsere Gesellschaft der neuindustriellen Revolution begegnen?

Eine erste Reaktion kann darin liegen, eben möglichst viele Arbeitsplätze in traditionellen Bereichen zu schaffen, in denen eigentlich keine zunehmende Nachfrage mehr besteht. Das klassische Beispiel diesbezüglich ist das

General-Motors-Werk in Aspern.

Ein zweiter Weg kann darin bestehen, daß die Gewerkschaften den Schutz des Arbeitsplatzes gerade „in Zeiten wie diesen” hoch schreiben, daß gleichzeitig die Arbeitgeberverbände aus ebenfalls durchaus verständlichen Gründen einer Reduktion der Arbeitszeit gerade in Zeiten wie diesen widerstreben.

Wozu muß das führen? Notwendig zu Massenarbeitslosigkeit jener, die noch keinen Arbeitsplatz haben, das ist vor allem die schulentwachsende Jugend.

Eine dritte Bewältigungsstrategie, die am wahrscheinlichsten ist: den Gewerkschaften gelingt es, den Arbeitgeberverbänden schrittweise eine generelle weitere lineare Reduktion der Arbeitszeit abzuringen (weniger Wochenstunden, mehr Urlaub, frühere Pensionierung und so fort).

Hiebei würden aber wesentliche Chancen vertan.

Wir könnten statt 40 Stunden vielleicht 38 Stunden anpeilen und dafür bestimmte Bevölkerungsgruppen ähnlich aus dem Gesamtertrag alimentieren, wie wir es heute als selbstverständlich finden, Kinder und Alte zu alimentieren.

Oder, da immer weniger menschliche Arbeitskraft zur Erstellung des traditionellen Sozialproduktes erforderlich sein wird, könnten immer mehr Menschen in neue Berufe gelenkt werden (Altenpflege, Behindertenpflege, Umweltschutz oder Entwicklungshilfe). Auch sie könnten alimentiert werden, wenn einmal der Kuchen von wehigeren der bisher daran Beteiligten erstellt werden kann.

Es könnte auch anstelle einer generellen linearen Reduktion der Arbeitszeit eine Lockerung treten, die es dem einzelnen ermöglicht, eine flexiblere Verteilung von Arbeit und Nichtarbeit in seinem Leben vorzunehmen: Teilzeitarbeit, Job-sharing usw.

Als Ziel schwebt mir eine Erhöhung der individuellen Freiheit vor, also freiere Wahlmöglichkeiten bei gleichzeitiger sozialer Sicherheit.

Daß also, wenn das Sozialprodukt groß genug ist, tatsächlich allen Mitgliedern eines Volkes ein soziales Fangnetz geboten wird. Wie manche Mindestrentner leben müssen, ist eigentlich eine Schande für unsere Gegenwart.

Wie ist das am ehesten zu erzielen?

Wenn wir wollen, daß die Länder der Dritten Welt nicht nur Almosenempfänger bleiben oder in ihrem eigenen Saft schmoren und zugrunde gehen sollen, wenn wir sie als vollrangige Partner in der Völkerfamilie anerkennen wollen, dann müssen wir ihnen jene Fertigungen im Rahmen einer verbesserten internationalen Arbeitsteilung überlassen, zu denen sie fähig sind. Und das können zunächst nicht die gehirnintensiven, sondern die einfachen Fertigungsprozesse sein.

Damit müssen wir uns notgedrungen bei unserer Strukturpolitik auf gehirnintensive Fertigung umstellen.

Wenn eine Wertschöpfung pro Kopf hoch ist, dann ist damit auch das Sozialprodukt hoch, dann ist der Kuchen groß und damit ist auch die soziale Sicherheit auf indirekte Weise besser gewährleistet als durch noch so schöne Rentengesetze.

Wie ist diese Zukunft daher am ehesten realisierbar? Paradoxerweise dadurch, daß die Arbeitsplätze nicht so stark gesichert werden. Wenn nämlich jeder bestehende Arbeitsplatz maximal abgesichert ist, dann hält dies die beschriebene Entwicklung auf.

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