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Was wird aus den Töchtern Allahs?

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Fast drei Millionen beträgt die Zahl der Moslems in Frankreich, 1,9 Millionen in Deutschland, rund anderthalb Millionen in England, über eine halbe Million in den Benelux-Staaten, noch eine halbe Million in Italien und mehr als 200.000 in Spanien. Insgesamt leben heute acht bis neun Millionen Moslems in Westeuropa. Die stärkste Gruppe unter ihnen sind die Nordafrikaner, dicht gefolgt von den Türken und Pakistanern.

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Fast drei Millionen beträgt die Zahl der Moslems in Frankreich, 1,9 Millionen in Deutschland, rund anderthalb Millionen in England, über eine halbe Million in den Benelux-Staaten, noch eine halbe Million in Italien und mehr als 200.000 in Spanien. Insgesamt leben heute acht bis neun Millionen Moslems in Westeuropa. Die stärkste Gruppe unter ihnen sind die Nordafrikaner, dicht gefolgt von den Türken und Pakistanern.

Aus dieser Präsenz des Islam, die recht plötzlich über Westeuropa „hereingebrochen" ist (seit etwa 1960), ergibt sich eine Vielzahl von Anpassungsschwierigkeiten auf beiden Seiten - bei den Neuankömmlingen wie bei den Alteingesessenen. Der Streit um die Satanischen Verse des aus Indien/Pakistan stammenden Literaten Salman Rushdie machte deutlich, was für Konflikte entstehen können, wenn unterschiedliche Denkweisen und auseinanderliegende Jahrhunderte aufeinanderprallen.

Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen christlich-abendländischer Mehrheit und moslemisch-morgenländischer Minderheit steht immer wieder die Frage nach dem Verhältnis der Geschlechter zueinander, speziell nach der Stellung der Frau, die in beiden Gesellschaften recht gegensätzlich ist.

Nach dem kontroversen Buch Salman Rushdies ist 1991 ein anderes Buch ins Blickfeld gerückt, nämlich Betty Mahmoodys Bericht „Nicht ohne meine Tochter". Über Bücher kann man streiten, doch greift die Betty Mahmoody-Story ein zentrales Thema auf, das bereits 1985 die Gemüter der Franzosen zutiefst bewegte. In Frankreich werden alljährlich an die 20.000 Ehen zwischen moslemischen Männern und Französinnen geschlossen, und auch pro Jahr etwa 20.000 Kinder aus solchen Ehen geboren. 1985 hatten bereits rund 100.000 Kinder einen moslemischen Vater und eine französische Mutter. Die Zahl der Scheidungen ist zwar nicht höher als bei französisch-französischen Ehen, aber auch nicht geringer. Etliche tausend jener Kinder, deren Eltern sich trennten, sind von ihren Vätern „mitgenommen" worden, meistens nach Algerien.

Es gibt daher eine Vereinigung der Mütter entführter Kinder. 1985 charterten 26 dieser Mütter ein Schiff, mit dem sie von Marseille aus nach Algier übersetzen wollten, als eine unter mehreren Demonstrationen, mit denen die algerische Regierung zur Berücksichtigung der Interessen jener Mütter veranlaßt werden sollte. Schließlich kam es zu einem Abkommen zwischen den Regierungen Algeriens und Frankreichs sowie mehreren Initiativen - zum Teil auf höchster Ebene -, die das Besucherrecht beider Eltern regeln sollten, und tatsächlich ergaben sich einige Verbesserungen. (Es hatten auch einige Französinnen ihre Kinder aus Algerien entführen beziehungsweise „rückentführen" lassen).

Anders als in der Betty Mahmoody-Story spielt die Religion bei dem wechselseitigen Entführungsdrama zwischen Algerien und Frankreich nur indirekt eine Rolle. In den meisten Fällen waren die algerischen Väter darüber besorgt, ihre Kinder könnten in Frankreich auf Abwege geraten, das heißt zu Kriminellen werden oder zumindest ein „respektloses" Benehmen annehmen, ohne Familiensinn und Nachbarschaftssolidarität. Bei den Töchtern kommt die Sorge hinzu, sie könnten sexuelle Verbindungen eingehen ohne zu heiraten und gar uneheliche Kinder zur Welt bringen.

Französische Untersuchungen ergaben, daß die aus Frankreich stammenden Kinder in den algerischen Großfamilien der Väter in der Regel gut untergebracht und tatsächlich weniger Gefahren durch den Reiz von Jugendbanden und der Drogenszene ausgesetzt sind als sie es in Frankreich wären. Im übrigen gaben viele Väter bereitwillig zu, daß es sich um eine bedauerliche Notlösung handle, da „Kinder eigentlich zur Mutter gehören".

Im Gegensatz dazu muß die Betty Mahmoody-Story gegen den ganz ausgefallenen Hintergrund der Umbruchsverhältnisse im Iran unter Khomeini gesehen werden. Zu jener Zeit stand Iran an der Spitze der für Menschenrechtsverletzungen berüchtigten Staaten. Man muß deshalb auch die Leiden der Amerikanerin Betty im Gesamtrahmen jenes revolutionären Terrors und theokratischen Wahns sehen.

Der Ehemann, Dr. Mah-moody, war als Arzt in den Vereinigten Staaten völlig integriert und seine Frau war in keiner Weise dazu angehalten, sich mit der Kultur ihres Mannes auseinanderzusetzen, da dieser ein total verwestlichtes Leben führte. Nach der Revolution Khomei-nis verließen mehr als drei Millionen Iraner ihr Land, darunter vor allem die Bildungsschicht. Wie so viele Opportunisten sah Dr. Mahmoody darin seine große Chance. Er kehrte in den Iran zurück, wo er als Arzt dringend benötigt wurde und daher unvergleichliche Aufstiegsmöglichkeiten hatte. Als Preis zahlte er dafür seine völlige Anpassung an die gesellschaftlichen Normen unter der Diktatur der Geistlichen. Leidtragende waren seine gänzlich unvorbereitete Frau und seine Tochter. Betty mußte sich einer In-doktrinierung unterziehen, die der im nachrevolutionären Rußland der Bol-schewisten ähnelte und auch tatsächlich deren Vorbild folgte. Schließlich gelang ihr die Flucht und seither betreibt sie in der Heimat eine Kampagne gegen die Festhaltung von westlichen Frauen in den Ländern ihrer moslemischen Ehemänner.

Natürlich gibt es unzählige Schwierigkeiten, wenn Menschen einander heiraten, ohne die geringsten Kenntnisse der familiären Verhältnisse des Partners und seiner sozialen Umwelt daheim. Die Masse der Moslems in Europa kommt aus den rückständigsten Gebieten ihrer Heimatländer, meist aus entlegenen Bergdörfern, deren erdrückende Armut zur Emigration zwingt. Viele der europäischen Ehefrauen, besonders in Frankreich, kommen ebenfalls aus der Arbeiterklasse und haben nur wenig Schulbildung. Für das Wagnis einer solchen Ehe wäre eine hochqualifizierte Sozialberatung nötig, die es jedoch kaum irgendwo gibt. Daß viele dieser Ehen dennoch so erfolgreich sind, grenzt fast an ein Wunder.

Amina Freifrau von Rechenberg lebt seit 30 Jahren gücklich in Rabat -mit ihrem Ehemann Abderrahman El Alaoui, der ebenfalls aus dem hohen Adel stammt. Er ist Friseur, sie war früher Telefonistin, das heißt, beide gehören zur Arbeiterklasse, trotz ihrer vornehmen Herkunft. Die Französin Therese Abdelaziz, ebenfalls seit 30 Jahren mit einem Moslem verheiratet, hat sogar ein Buch über ihre glückliche Ehe geschrieben, sozusagen ein Gegenstück zur Betty Mahmoody-Story.

Es versteht sich von selbst, daß solche Ehen Kompromisse besonderer Art erfordern, zumal die Ehemänner in der Regel viel stärker in eine religiöse Kultur eingebettet sind, die noch dazu in festen Traditionen erstarrt ist, als ihre europäischen Ehefrauen. Die Mehrzahl dieser Frauen ist zum Islam übergetreten, doch sind nur wenige dabei Zwängen ausgesetzt gewesen, die denen der überrumpelten Betty Mahmoody vergleichbar wären.

Wie kommt es überhaupt zu einer solch astronomisch hohen Zahl von Ehen moslemischer Männer mit europäischen Frauen? Während der ersten zwei Jahrzehnte der moslemischen Diaspora kamen fast nur Männer zur Arbeitsaufnahme in den Westen. Erst als aufgrund der erschwerten Einwanderungsbedingungen der Familiennachzug einsetzte, ergab sich allmählich ein ungefähres Gleichgewicht der Geschlechter. Noch immer ist jedoch das Verhältnis - im günstigsten Fall - sechs zu vier. Außerdem gingen die meisten Gastarbeiter als recht junge Männer in die Fremde, also unverheiratet.

In den frühen sechziger Jahren war ich als Leiter eines islamischen Gemeindezentrums in Berlin Trauzeuge bei über hundert solcher Ehen. Oft wurden für die Hochzeitsfeier ganze 100 Mark ausgegeben - für jeden ein halbes Hähnchen aus dem Wienerwald, oder Cola und Cous-cous. In Marokko oder Algerien hätten die jungen Männer noch gar nicht heiraten können, weil die Hochzeit sie an die 10.000 Mark gekostet hätte. In Deutschland bekamen sie noch dazu eine Frau, die mitverdient - und in Berlin damals obendrein ein Ehestandsdarlehen von 3.000 Mark, das später auf 5.000 erhöht wurde. Das wurde dann auch emsig „abgeändert". Nur drei Kinder - das bedeutete aus ihrer Sicht schon rigorose Familienplanung.

Nach dem Familienzuzug stehen heute die nunmehr in Deutschland oder Frankreich heranwachsenden Töchter im Mittelpunkt der Konflikte; denn das archaische Gesetz aus der islamischen Frühzeit verbietet die Heirat von moslemischen Mädchen mit nicht-moslemischen Männern. Eine zunehmende Zahl moslemischer Frauen heiratet europäische Männer - und meist wird dafür gesorgt, daß diese auch brav zum Islam übertreten - womit die Rechtsgelehrten Lüge gestraft werden. Sie gehen nämlich davon aus, daß eine Frau stets den Glauben des Mannes annimmt.

Es wächst allerdings auch die Zahl von Fällen, in denen der Ehemann bleibt, was er ist. Nicht alle Frauen versteifen sich darauf, ihren Mann wenigstens pro forma in den Islam einzuschleusen. Tatsächlich treten auch einige Frauen christlichen Konfessionen bei. Der Beweggrund ist zumeist, daß sie nicht länger bereit sind, sich einen Ehemann von den Eltern vorsetzen zu lassen. Auch hat es genügend Fälle gegeben, in denen der Bräutigam zum Islam übertrat, die Familie der Braut ihn aber dennoch nicht akzeptierte. Deshalb brechen immer mehr Mädchen ganz und gar aus dem ererbten religiös-kulturellen Rahmen aus und assimilieren sich völlig.

An dieser Frage erhitzen sich zur Zeit die Gemüter mehr als an irgendeinem der vielen anderen Probleme der moslemischen Diaspora. Christlich-Islamische Vereinigungen wie CRISLAM in Madrid stehen „Mischpaaren" mit Rat und Tat zur Seite, doch mangelt es noch immer an vergleichbaren Pionierunternehmen in anderen Ländern. Es wird wohl noch viel Ärger geben, bevor es zur Selbstverständlichkeit wird, daß beide Partner ihrem angestammten Glauben treu bleiben und die in beiden Religionen und Kulturkreisen erzogenen Kinder die Wahl haben, sich für das eine oder andere zu entscheiden beziehungsweise sich mit beiden gleichermaßen einzurichten.

Bemerkenswert ist, daß die moslemischen Mädchen, ungeachtet ihrer ungünstigen Ausgangsposition, sich erfolgreicher zu behaupten scheinen als die Männer. Ein algerischer Jugendlicher, der bei der ersten Bewerbung durchfällt, bewirbt sich in der Regel kein zweites Mal, sondern schließt sich den Randalierern an, aus Protest gegen Diskriminierung. Seine Schwester dagegen bewirbt sich zwei Dutzend Mal, bis sie schließlich einen Job bekommt. Im Europaparlament sind die französischen Grünen zum Beispiel durch eine Frau algerischer Herkunft vertreten und es gibt bereits Tausende von Frauen wie die Staranwältin Leila Ounejdala, ebenfalls algerischer Herkunft, die durch besondere Kompetenz und Dynamik auffallen - und aufsteigen. Ähnliches gilt für die Türkinnen in Deutschland, ob es sich nun um Universitätsprofessoren wie die Politologin Zehra Ön-der, um Dramaturginnen wie Arzu Tokeroder um Autorinnen wie Sali-ha Scheinhardt handelt.

Auf jeden Fall ist das Erscheinungsbild der moslemischen Frau in der europäischen Diaspora widersprüchlich. Die Mädchen der nordafrikanischen Bevölkerung in Frankreich zum Beispiel sind die soziale Gruppe mit der höchsten Selbstmordrate - krasser lassen sich die Spannungen, denen sie ausgesetzt sind, kaum verdeutlichen.

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