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Was wird aus unserem Klima?

1945 1960 1980 2000 2020

Massive Eingriffe des Men- schen in natürliche Abläufe beeinflussen weltweit die Vorgänge in der Atmosphä- re. Droht eine Katastrophe? Zwei Bücher zum brisanten Thema Ozon.

1945 1960 1980 2000 2020

Massive Eingriffe des Men- schen in natürliche Abläufe beeinflussen weltweit die Vorgänge in der Atmosphä- re. Droht eine Katastrophe? Zwei Bücher zum brisanten Thema Ozon.

Drastisch formuliert es Anton Krapfenbauer, Professor an der Wiener Universität für Bodenkul- tur: „Resümierend darf man das Ozonzeitalter als die größte Her- ausforderung in der Menschheits- geschichte überhaupt herausstel- len. Die Anforderungen an die Gesellschaft, steuernd... einzugrei- fen, sind gigantisch."

Was rechtfertigt diesen Alarm- ruf? Da ist zunächst der enorme Ozon-Anstieg in der Troposphäre, der untersten Schicht der Atmo- sphäre. Ozon ist nämlich ein gifti- ges Gas, das nicht von einer Quelle direkt erzeugt wird, sondern durch das Zusammenwirken verschiede- ner chemischer Stoffe in der Atmo- sphäre entsteht. Unter Lichteinwir- kung wird es in einem vielfältigen Vorgang, vor allem durch Verbin- dung von Stickdioxid und dem in der Luft enthaltenen Sauerstoff gebildet. Auch Kohlenwasserstof- fe, verschiedene Aldehyde und Oxide spielen eine Rolle.

Der Ausstoß dieser Gase ist zu- letzt enorm gestiegen. Dementspre- chend auch der Ozongehalt: Beob- achtungen auf der Insel Rügen in der ehemaligen DDR lassen auf eine Verdoppelung bis Verdreifachung seit 1956, Beobachtungen im We- sten Deutschlands auf einen jähr- lichen Anstieg bis zu drei Prozent schließen.

Probleme treten nicht nur an den Orten der Abgasentstehung, also in den Städten und an den Verkehrs- adern, auf. Vielmehr gibt es einen sowohl klein- als auch großräumi- gen Transport der Schadstoffe. Die größte Verschmutzung entsteht in der nördlichen Hemisphäre zwi- schen 30 und 60 Grad Breite.

Es ist eindeutig nachgewiesen, daß Ozon den Wald zerstört. Auf- fallend sind die Schäden in höhe- ren Lagen. Die höchsten Ozonge- halte treten derzeit aber in tiefen Lagen früh am Nachmittag auf. Daher nehmen die Schäden derzeit auch dort rasant zu.

Im Wald registriert man die stärk- ste Ozonbelastung im Kronenbe- reich. Messungen in Bodennähe unterschätzen das Problem daher oft deutlich. Die Belastung über- steigt immer häuf iger den Toleranz- bereich: „Die Grenzwerte stehen praktisch geduldig auf dem Papier. Ihre zunehmende Überschreitung ist dokumentiert. Solange nicht tiefgreifende Reduktionen platz- greifen, sind sie nicht mehr als ein Betrug der Gesellschaft an sich selbst!", warnt Krapfenbauer

Ozon bewirkt die Schwächung der Bäume und erhöht ihre Anfäl- ligkeit für Schädigungen. Je älter die Bäume, umso stärker sind sie betroffen. Oft sind die Wurzeln schon geschädigt, wenn das äußere Erscheinungsbild des Baumes noch intakt, die Kapazität zur Photo- synthese noch nicht beeinträchtigt ist. Laubgehölze reagieren beson- ders empfindlich. In Holland wa- ren 80 Prozent des Eichen- und 70 Prozent des Buchenwaldbestandes 1988 krank. Die Werte für Deutsch- land lagen bei 70 Prozent.

Das ist aber nur ein Teil der Ozon- Gruselstory. So schädlich Ozon nämlich in unserem Lebensraum ist, so notwendig ist es in der Stra- tosphäre, jener Luftschicht, die zwölf Kilometer über dem Boden beginnt. Dort hat es eine wichtige Funktion: Es schirmt unseren Lebensraum vor zu intensiver ul- travioletter Strahlung, die lebens- zerstörend wirkt, ab.

Der Innsbrucker Meteorologe Mi- chael Kuhn beschreibt in einer auch für Laien gut lesbaren Darstellung der atmosphärischen Vorgänge, daß der Abbau des stratosphärischen Ozons insbesondere auf die Wir- kung der Fluorchlorkohlenwasser- stoffe (FCKW, die man als Treibga- se, in Kühlanlagen und bei Schaum- stoffen verwendet) zurückzuführen sei. Die Produktion dieser Stoffe hat sich seit 1960 weltweit verfünf- facht. Die nachteiligen Folgen der Einwirkung dieser Stoffe treten jetzt mit Zeitverzögerung auf. Die- se Gase enthalten Chloratome, von denen ein einziges -zigtausend Ozonatome vernichten kann. Fol- gendes läßt sich nachweisen:

• Die Ozonmenge nimmt jährlich um 0,15 Prozent - trotz ihrer Zu- nahme in der Troposphäre - insge- samt ab.

• Diese Abnahme ist regional un- terschiedlich, am stärksten in unseren Breiten.

• Seit Mitte der sieb- ziger Jahre wird über der Antarktis ein Ozonloch mit einem Durchmesser von 2.000 Kilometern beobachtet. Im Ok- tober 1989 sank dort der Ozongehalt auf ein Zehntel des Nor- malwertes ab.

Ozon ist aber nur eines der Spurengase der Atmosphäre, deren Menge und Verteilung durch Eingriffe des Men- schen folgenschwer verändert wird. Was- serdampf, Kohlen- dioxid, Methan und FCKW sind weitere. Ihr Anteil wird an der Atmosphäre wird in , Millionstel (ppm) oder Milliardstel (ppb) angegeben und sie sind alle am Treibhauseffekt (sie- he Seite 6), einer pro- grammierten Erwär- mung der Tropo- sphäre, beteiligt. „Der Treibhausef- fekt ist ein physika- lischer Prozeß, bei dem schon mit gerin- gen Änderungen der Spurengaskonzen- tration große Ände- rungen im Energie- haushalt der Erde bewirkt werden." (Kuhn)

Der Treibhausef- fekt ist an sich le- bensnotwendig. Gäbe es ihn nicht, wäre die mittlere Erdtemperatur -18 Grad statt wie der- zeit 15 Grad. Proble- matisch ist heute sei- ne Verstärkung. Wo- durch wird sie her- vorgerufen?

• Etwa zur Hälfte durch die steigende Kohlendioxid (C02)- Konzentration. Hauptverursacher sind Verbren- nungsprozesse: Ver- kehr, Industrie, Hei- zung, etwa zu 50 und die Brandrodung ebenfalls zu 50 Pro- zent. C02 bleibt zur Hälfte in der Atmosphäre. Den Rest absorbieren die Meere.

• 20 Prozent sind auf den steigen- den Methan-Anteil zurückzufüh- ren. Das Gas entsteht vor allem bei biogenen Abbauprozessen.

• Der Beitrag der FCKW wird auf 16, der des Ozons auf acht Prozent geschätzt. Der Rest wird dem Stick- oxid und dem Wasserdampf zuge- rechnet.

Welche sind die voraussichtlichen Folgen des Anstiegs dieser Spuren- gase? Prognosen rechnen mit einem Anstieg der mittleren Erdtempera- tur zwischen zwei und fünf Grad im nächsten Jahrhundert, gegen- über einem Plus von 0,7 Grad seit 1880. Die Bedeutung dieser Vor- hersage ermißt man am besten, wenn man bedenkt, daß sich die Erde seit dem Höhepunkt der letz- ten Eiszeit nur um durchschnitt- lich fünf Grad erwärmt hat. Beson- ders groß wird die Veränderung in den Polargebieten sein. Kuhn sagt voraus: „In der Arktis, den hohen nördlichen Breiten, beträgt die Er- wärmung im Herbst bis zu zwölf Grad Celsius. Das ist das Gebiet und die Jahreszeit, wo verspätetes Einsetzen der Meereisbildung oder der Schneedecke auf dem Land die Eis-Albedo-Rückkoppelung, den Treibhauseffekt am besten ver- stärkt."

Der Temperaturanstieg von 0,7 Grad in den letzten 100 Jahren hat einen Anstieg des Meeresspiegels von zehn Zentimetern zur Folge ge- habt. Für die nächsten 100 Jahre müßte man mit weiteren 70 rech- nen. Größere Veränderungen sind deswegen nicht zu erwarten, weil die Situation in der Antarktis, wo das meiste Eis gespeichert ist, rela- tiv stabil ist. „Für die Antarktis, wo heute durchwegs Temperaturen unter Null Grad herrschen, wird eine Erwärmung um zehn Grad zum Schmelzen des Eises noch nicht ausreichen..." (Kuhn)

Aussagen über voraussichtliche Veränderungen des Wetters sind aber insgesamt mit Vorsicht zu genießen, warnt Kuhn. Schließlich wissen wir ja auch nicht, wie sich der Mensch zukünftig verhalten wird. Und: „Selbst ohne menschli- che Eingriffe könnten wir heute das Klima nur unzureichend vorhersa- gen..., denn das wissenschaftliche Verständnis des Klimasystems ist noch so weit vom gewünschten Ziel entfernt, daß jährlich oder noch schneller neue Erkenntnisse und neue Methoden die Prognosen wie- der ändern."

Unvorhersehbarkeit ist aber kein Freibrief für Leichtfertigkeit. Daher ist Krapfenbauer zuzustim- men, wenn er bezüglich der Emis- sionen als Minimum fordert: „In absehbarer Zeit sollte wenigstens der Stand von 1965 erreichbar sein. Das würde aber eine Reduktion um mindestens 75 Prozent bei Kohlen- wasserstoffen... und Stickoxiden erfordern!" Denn der Umstand, daß die Folgen unseres Eingreifens schwer abzusehen sind, sollten zu

größter Schonung Anlaß geben.

KLIMAÄNDERUNGEN: TREIBHAUS- EFFEKT UND OZON. Von Michael Kuhn. Kul- turverlag, Thaur 1990,157 Seiten, Daten und 72 Abbildungen öS 188.-

LUFTVERSCHMUTZUNG, PHOTOOXI- DANTIEN. WELCHE HOFFNUNG BLEIBT? Von Anton Krapfenbauer, Josef Gasch und Ore- stes Davias, Eigenverlag, Wien 1990,152 Seiten,

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