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Wasser und Universum -ein Kodex von Leonardo

Eines der Hauptwerke der italienischen Renaissance-Kultur. Leonardo da Vincis „Hammer-Kodex" (früher Kodex Leicester genannt), kehrt für drei Monate zurück nach Florenz, mit dem er eng verbunden ist. Viele der Zeichnungen des Manuskripts beziehen sich direkt auf Florenz,und 1717 befand sich der Kodex für mehrere Monate dort, um im Auftrag des damaligen Besitzers, Thomas Coke, von den Schreibern der Biblioteca Laurenziana kopiert zu werden.

Seit 1717 im Besitz der englischen Familie Leicester, wurde der „Kodex Leicester" als letztes Leonardo-Manuskript in privater Hand aufbewahrt Als im Herbst 1980 die ersten Nachrichten einer bevorstehenden Versteigerung durchsickerten, waren es vor allem der Bürgermeister von Florenz und der Präsident der Region Toskana, die sich für den Ankauf des einzigartigen Manuskripts durch den Staat einsetzten. Schließlich erwarb der amerikanische Multimillionär und Kunstsammler Armand Hammer den Kodex, der später in den Besitz des County Museum of Art in Los Angeles übergehen wird.

Auf Ansuchen der Stadt Florenz, Leonardos Werk für einige Zeit ausstellen zu dürfen, stellte der neue Besitzer den Kodex als kostenlose Leihgabe zur Verfügung.

Der Kodex entstand zwischen 1506 und 1510 in Florenz und Mailand: 36 Doppelseiten, dicht mit Zeichnungen und Anmerkungen bedeckt, die sich zum Großteil mit Beobachtungen, wissenschaftlichen Überlegungen und Studien über den Lauf des Wassers befassen. Damit hängen auch ingenieurtechnische Probleme über Flußregulierung zusammen.

Mehrere Blätter haben einen präzisen lokalen Bezug, nämlich auf die Toskana (Arnotal, Projekt eines schiffbaren Kanales) und das wasserreiche Gebiet der Lom-; bardei. Tatsächlich fällt ja die Entstehungszeit des Kodex zum Teil mit dem Ende von Leonardos zweitem Mailand-Aufenthalt zusammen.

Auf anderen Folien untersucht Leonardo den Druck von Wasserläufen gegen das Ufer und den Ursprung der Quellen: Hier stellt er die wissenschaftliche Hypothese einer allgemeinen Wasserzirkulation im Inneren der Erde auf, so-daß aus Meeren die Quellen und Flüsse entstehen, und umgekehrt. Auch über die Formation von Schluchten durch die Kraft des Wassers macht Leonardo sich Gedanken.

Das Hauptgewicht der wissenschaftlichen Analyse vertraut Leonardo der Zeichnung an; die Legende dazu steht in seiner berühmten Spiegelschrift.

Es besteht eine direkte Beziehung zwischen dem Kodex Hammer und der Malerei des Künstlers: die genauen Untersuchungen, zum Beispiel über Wasserschluchten oder die blaue Farbe des Lichts, bilden sozusagen die wissenschaftliche Basis für Leonardos Landschaftsmalerei.

Die Untersuchungen über Phänomene des Wassers führen Leonardo zu faszinierenden Betrachtungen über die Entstehung der Erde, von Fossilien usw. — er schafft eine wahre „Anatomie der Erde". Selbst auf dem Mond nimmt Leonardo die Existenz von Wasser in Form von ausgedehnten Meeren an. Daraus gehen überraschende Betrachtungen, in präzisen Zeichnungen dargestellt, über das „lumen cinereum", das indirekte Mondlicht hervor. Dieses entstehe aus dem Reflex des Sonnenlichtes auf den Wellen der auf dem Mond vorhandenen Wasseroberflächen, sowie aus dem auf die Erde reflektierten Sonnenlicht.

Die florentinische Ausstellung gliedert sich in drei Sektionen: Im ersten Teil kann der Besucher alle anderen Leonardo-Manuskripte in Faksimile-Ausgaben studieren, im zweiten Teil wird er in Thematik und Bedeutung des Kodex Hammer eingeführt; im dritten Teil bietet die Ausstellung kostbare Original-Blätter.

Die Schau ist glanzvoller Höhepunkt einer Reihe von Leonardo-Ausstellungen in Florenz, die 1978 mit Anatomie-Zeichnungen aus der Königlichen Bibliothek Windsor begann und mit der Rekonstruktion des verlorenen An-ghiari-Schlacht-Freskos und mit Pferde-Zeichnungen, ebenfalls aus Windsor, fortgeführt werden soll. Zugleich plant man in Vinci und Mailand ein reiches Programm von Veranstaltungen aus Anlaß der 500-Jahrfeier von Leonardos erstem Mailand-Aufenthalt, der 1482 begann.

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